Jetzt kommt er dran

In den USA wird das erste chemische Verhütungsmittel für Männer zugelassen. Das hat Folgen: Frauen bestimmen die Familienplanung nicht mehr allein.

Hat nichts mit Gel zu zun, heisst aber Vasalgel: Das chemische Verhütungsmittel filtert Spermien aus dem Ejakulat.

Hat nichts mit Gel zu zun, heisst aber Vasalgel: Das chemische Verhütungsmittel filtert Spermien aus dem Ejakulat.

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Nicht Hormone werden es richten. Sondern Polymere. Das klingt nach Hightech und müsste den Männern gefallen. Die Spermien werden aus dem Ejakulat gefiltert, sodass der Mann nicht mehr zeugungsfähig ist. Vorübergehend, aber über mehrere Jahre. Die Polymere – und das wird den Männern nun weniger gefallen – werden unter Lokalanästhesie über den Hodensack direkt in die Samenleiter injiziert, und die Wirkung ist mit einer zweiten Spritze reversibel zu machen.

Es klingt fast zu gut, um wahr zu sein, dieses Produkt namens Vasalgel, das so gar nichts mit einem Gel zu tun hat und spätestens 2020 von der amerikanischen Gesundheitsbehörde zugelassen werden soll als erstes chemisches Verhütungsmittel für Männer. Ein maskuliner Traum, müsste man denken. Endlich sorgloser Sex, ohne Gefahr, unfreiwillig Vater zu werden, weil man doch nur ein wenig Spass haben will (an der Übertragbarkeit von Geschlechtskrankheiten ändert Vasalgel nichts, Kondome werden daher nicht überflüssig, aber doppelt genäht hält bekanntlich besser).

Geschwängert wird heute der Mann

Es gibt, war der spontane Gedanke von Ivo Knill, weniger Kinder, wenn Männer künftig selbst über ihre Vaterschaft entscheiden können. Der Redaktionsleiter der «Männerzeitung» kennt viele Väter, die es nicht aktiv hätten werden wollen. Manchmal, sagt Knill, komme das den Männern durchaus entgegen, weil ihnen die Entscheidung abgenommen worden sei. Es gebe aber auch jene, die sich betrogen fühlten, hintergangen und ohnmächtig. Denn bei der Verhütung geht es vor allem um eines: um Kontrolle.

Und diesbezüglich steht der Mann heute mit dem Rücken zur Wand. Entscheiden über die Fortpflanzung tun die Frauen, und das oft im Alleingang. Ist der Partner nicht willig oder zögert, dann versagt eben angeblich die Pille, kommt es zu einem «Unfall». In der Theorie mag es das Kondom geben, in der Praxis ist das in langjährigen Beziehungen zu umständlich und damit unrealistisch.

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Da verlassen sich Männer auf ihre Partnerin, darauf, dass sie sich an die gemeinsame Abmachung hält. Tut sie es nicht, weil ihr etwa die Gynäkologin nahelegt, die Sache der laut tickenden biologischen Uhr wegen selbst in die Hand zu nehmen, dann bleibt dem unfreiwillig werdenden Vater nichts anderes übrig, als sich damit abzufinden.

Die Deutungshoheit über die Fortpflanzung liegt in weiblicher Hand, zumindest in jenen Ländern, in denen Frauen Zugang zu Verhütungsmitteln und legaler Abtreibung haben: Sie entscheiden darüber, ob sie ein Kind bekommen oder dieses nicht behalten wollen. Der Mann ist in beiden Fällen machtlos. Anders gesagt: Heute wird längst nicht mehr die Frau geschwängert, sondern der Mann.

Zeugungsunfähigkeit gleich Potenzverlust?

Es war nur schon deshalb verwunderlich, wie lange dieses Macht­ungleichgewicht zwischen den Geschlechtern hingenommen wurde. Aber die Pille für den Mann interessierte nicht. Obschon Vasalgel wie ein sensationeller Durchbruch klingt, wusste man eigentlich schon in den Siebzigern, wie sich die Zeugungsfähigkeit unterdrücken liesse. Bloss hiess es jahrelang, der Markt dafür sei zu klein, die Pharmafirmen hätten kein Interesse, Forschung und Entwicklung seien zu teuer. Selbst Carl Djerassi, Erfinder der Pille für die Frau, winkte 2014 kurz vor seinem Tod ab: «Dass sich in dieser Hinsicht nichts bewegt, hat nichts mit der Wissenschaft zu tun.»

Djerassis Aussage ist eine verklausulierte Umschreibung dafür, dass die Forscher und vor allem die Manager der Chemiemultis die Männer für zu bequem und zu ängstlich hielten, als dass sie einem Verhütungsmittel valable, sprich finanziell einträgliche Chancen einräumten (Vasalgel wird denn auch nicht von einem Pharmariesen, sondern von einer Stiftung für medizinische Forschung lanciert). Es würde, waren die Firmen überzeugt, daran scheitern, dass den Männern die bisherige Aufteilung in Sachen Empfängnisverhütung zu sehr entgegenkomme. Wieso sollten sie sich diese Verantwortung aufbürden, wenn das doch praktischerweise Frauensache war?

Ammenmärchen von ausbleibender Ejakulation

Als noch fataler erachtete man die Tatsache, dass Zeugungsunfähigkeit immer noch mit fehlender Männlichkeit und Potenzverlust gleichgesetzt wird. Das ist Blödsinn, aber gegen die irrationale Furcht vor einer Art Kastration scheinen Fakten chancenlos. Bis heute kursieren bezüglich der wirkungsvollsten männlichen Verhütungsmethode, der Vasektomie, Ammenmärchen von ausbleibender Ejakulation und verminderter Standhaftigkeit. Mit denselben Vorurteilen würde die Pille für den Mann zu kämpfen haben, hiess es.

Ist also Vasalgel von Anfang an zum Scheitern verurteilt? Der britische «Telegraph» wollte es genau wissen und startete eine Online­umfrage. Bis jetzt haben 105 000 User daran teilgenommen – 53 Prozent erklärten, sofort chemisch zu verhüten, wenn das Produkt denn auf dem Markt wäre. Die Tatsache, dass Onlineumfragen zum Thema Sex nicht ganz verlässlich sind, mal beiseitegelassen: Das Ergebnis dünkt einen einleuchtend. Rechnet man bescheiden, dann zahlt ein Mann bis zum 20. Geburtstag seines ungewollten Kindes, entstanden etwa aus einer Affäre, mindestens eine Viertelmillion Franken.

soziale Vaterschaft annehmen will oder nicht

Das ist die nüchterne Betrachtung, hinzu kommt aber noch etwas, das bisher kaum debattiert wurde: die sexuelle Würde des Mannes, wie es Ivo Knill nennt. Er glaubt keineswegs, dass der Markt «zu klein» sei, denn für ihn geht es um nichts weniger als um das männliche Recht auf Selbstbestimmung in der Fortpflanzung. Nicht nur hinsichtlich Verhütung, sondern grundsätzlich: «Wenn Frauen – was absolut richtig ist – selbst darüber entscheiden können, ob sie ein Kind wollen oder nicht, sollte den Männern dasselbe Recht zugestanden werden. Männer, die ungewollt Vater werden, sollten sagen können: Ich mag der biologische Vater sein, aber ich bin nicht bereit, Pflichten zu übernehmen, denn ich möchte dieses Kind nicht.» Dem Mann müsste, sagt Knill, eine gewisse Zeit zur Verfügung stehen – wieder analog zur Abtreibung, für oder gegen die sich die Frau innerhalb 12 Wochen entscheiden muss – in der er Zeit hat, sich zu überlegen, ob er die soziale Vaterschaft annehmen will oder nicht.

Knill formuliert damit einen bedenkenswerten Vorschlag, der aufnimmt, was die Philosophie­professorin Laurie Shrage 2012 in der «New York Times» formuliert hatte: «Einvernehmlicher Sex heisst nur einvernehmlicher Sex. Und nicht, dass man auch bereit ist, Vater oder Mutter zu werden.» Bereits sieben Jahre zuvor hatte die feministische Philosophin Eli­zabeth Brake auf die Ungerechtigkeit hingewiesen, dass Männer bei einer Abtreibung nicht mitreden dürften. Der Artikel sorgte damals, genauso wie auch die Aussage von Shrage, für einen weiblichen Aufschrei, man verbat sich jegliche Einmischung in die Kinderfrage, das sei Frauensache. Eine einigermassen reaktionäre Sicht, denn wenn schon dauernd die Mithilfe des Mannes daheim und in der Kindererziehung gefordert wird, dann sollte ihm ein Mitspracherecht zustehen, und zwar von Anfang an. So sieht es auch Alice Schwarzer: Auf Anfrage erklärt sie kurz und bündig, sie begrüsse ein chemisches Verhütungsmittel für Männer auf jeden Fall.

Zeitpunkt günstig wie noch nie

Auch Marco Caimi, der in Basel die erste Schweizer Männerpraxis führt, kann sich nicht vorstellen, dass die Frauen ein Problem haben könnten mit der Angleichung der Spiesse in Sachen Familien­planung: «Es wäre ja schizophren, wenn die Frauen, die sich jahrelang wegen der Chemie und der Nebenwirkungen der Pille beschwerten, ausgerechnet dann, wenn der Mann Hand bietet zur Verhütung, etwas dagegen hätten.» Überhaupt ist er der Meinung, dass der Zeitpunkt für die Lancierung eines männlichen Verhütungsmittels noch nie so günstig gewesen sei: wegen der Pillenmüdigkeit der Frauen. Tatsächlich hatte das klassische weibliche Verhütungsmittel schon bessere Presse, und die Zahlen sind rückläufig. Gleichzeitig stellt Caimi fest, dass Männer zunehmend daran interessiert seien, Verantwortung zu übernehmen oder eben: die Kontrolle. «In den letzten Wochen habe ich drei Männer für eine Vasektomie überwiesen, früher waren es drei pro Jahr.» Es bewege sich was.

Er ist daher optimistisch, was die Erfolgschancen von Vasalgel anbelangt, vermutet aber, dass es sich wohl eher in urbanen Gebieten durchsetzen und eine gross angelegte und entsprechend teure Aufklärungskampagne nötig sein werde. Ivo Knill sieht es ebenfalls positiv. Allerdings: All die Männer, mit denen er über Vasalgel sprach, erklärten zunächst, da wären sie sofort dabei – bis sie hörten, dass dafür eine Spritze nötig ist. Da, sagt Knill, hätten alle entsetzt abgewinkt. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 31.08.2015, 09:46 Uhr

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