Das System de Mauriac

Männer, Frauen, Rennvelos, Gespräche und Uhren. Im Atelier Maurice de Mauriac Zurich kommt alles zusammen.

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Daniel Dreifuss alias Maurice de Mauriac führt einen eigenwilligen Laden an der Tödistrasse, off Bleicherweg, unweit des Zürcher Paradeplatzes. Ein Laden? Eher ein Atelier. Die hintere Hälfte des Betriebes ist mittels lichtdurchlässigem Wellplastik abgetrennt, dort arbeiten die Gehülfen, die Uhrmacher – das ist das Reich der Realisation.

Das Reich der Innovation ist das Atelier mit der Fensterfront zur ruhigen Strasse, die mehr begangen als befahren wird. Trotz BahnhofstrasseNähe herrscht hier die angenehme Langsamkeit einer baumgesäumten Seitenstrasse. Das Atelier mit dem Namen Maurice de Mauriac Zurich ist eine lautmalerische Erfindung von Dreifuss und erinnert an den Philosophen Michel de Montaigne. Eine mentale Werkstatt – gleichzeitig Empfangsraum, Computerterminal, Sammlung für alte und neue Gegenstände mit attraktiven Formen sowie ganz generell ein Kleinmuseum für alles Mögliche.

Geschichten, Erinnerungen und neue Ideen

Es liegt und steht zwar vieles durcheinander, aber ein Durcheinander ist es keineswegs. Es herrscht ein System. Eines, das kaum entschlüsselbar ist, ausser für Meister Dreifuss. Die Kundinnen und Besucherinnen arbeiten hier mit, ohne dass sie es realisieren. Das ist so, weil Dreifuss alle reden lässt und aufmerksam zuhört. Und dann, nach einer Weile, führt er sie sanft zu einem bestimmten Gegenstand, dort kommt es zum entscheidenden Informationsaustausch: zu Geschichten, Erinnerungen und – voilà – zu neuen Ideen. Meistens.

Was den Meister inspiriert

Dreifuss: «Bei mir sehen Sie nicht nur Uhren, sondern auch die Inspirationsquellen: Originale Tinky Toys, Spielzeug-Ferraris oder Rennmotorräder. Als Kind hatte ich all das nicht, aber meine Kunden erklären es mir. Formen, Materialien, Hintergründe – ich will wissen, warum mich etwas fasziniert. Und früher oder später erhalte ich von jemandem den Zusammenhang. Sobald ich genug weiss, wird eine Uhr daraus.» Eine Uhr? «Eine Uhr.» Aus Gesprächen? «Ja, eine Uhr aus der Ausstrahlung vonGegenständen,die in diesem Raum herumliegen, und aus den Gesprächen, die daraus entstehen.»

Ein Beispiel, bitte! Dreifuss geht ans Fenster, klaubt einen mattsilbernen Chronometer von einer Ablage und legt ihn mir in die Hand. Die Uhr weist zwei senkrechte Farbstreifen auf, einen roten und einen blauen, mit Abstand dazwischen. «Diese Uhr, das ist eine neue Geschichte, ich nenne sie Le Mans. Der französische Coq sportif hat mir schon immer gefallen, es war eine Mütze, die ich als Junge selber kaufte. Ich wollte etwas mit Racing machen und fand, der französische Style wäre cooler als die Mainstream Formel 1 Ecclestone.» Das Basismodell der LeMans-Uhr (ValJoux 7750) kostet 2750 Franken.

Die Uhr als fester Begleiter durchs Leben

Heute sei er ein Farbendenker. Andere Leute seien Zahlendenker. «Ich will Ihnen», sagt Dreifuss, «keine Uhr verkaufen, die Sie jeden Tag wechseln müssen. Ich will, dass Sie alles wechseln, aber nicht Ihre Uhr.» Er möchte, dass jemand nach fünf Jahren wieder vorbeikommt und sagt, ihm habe die Uhr viel Freude gemacht und zudem Glück gebracht.

Er sei kein gelernter Uhrmacher, er komme von der Bank. «Ich kam 1981 nach Zürich, wurde Börsenmakler, dann nach New York. 1987 war der grosse Börsencrash, mein Arbeitgeber stürzte ab, ich dann auch, hatte noch einen Dollar für Billigpizza und eine Cola.» Zurück aus Manhatten traf ich einen, der sagte, er habe etwas mit Uhren aus Hongkong. Ich dachte: Oh je, Hongkong! Der Mann blieb hartnäckig und meinte, er habe auch günstige Swissmade-Werbeuhren und eine Jordi-Uhren-Vertretung. Etwas später traf ich einen Gastrounternehmer, dem gefiel nichts davon. Ausser die Werbeuhren. Er bestellte 1000 Stück.» Das war vor 23 Jahren.

Daniel Düsentrieb Dreifuss versuchte, Günstig-Quartzuhren schön zu machen. Dann traf er die Künstlerin Claudia Ginocchio, sie heirateten vor 19 Jahren. «Ich habe von ihr gelernt, was Kunst ist, heute bin ich ein Künstler. Sie und ich, sind ein spezielles Team, wie die Christos.» Die Zeit an der Börse, die teuren Zigarren, die Hemden mit Monogramm – dies alles findet bei ihm nur noch virtuell statt.

Dafür traute er sich nun, edle Chronografen zu machen. Kollegen sagen, damit gehöre er an die Bahnhofstrasse. Aber Dreifuss sagt, das könne er sich gar nicht leisten. «Ich denke schnell, aber ich arbeite langsam. Ich weiss, wofür ich.arbeite: für meine Kunden, meine drei Kinder und meine Frau. Dafür muss ich eine Uhr pro Tag verkaufen.»

Maurice de Mauriac Tödistrasse 48, 8002 Zürich 044 280 01 12 www.mauricedemauriac.com

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 04.12.2010, 08:45 Uhr)

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