Leben

So fährt sich der Mercedes der Zukunft

Von Thomas Geiger. Aktualisiert am 02.11.2010 6 Kommentare

«Tages-Anzeiger»-Mitarbeiter Thomas Geiger war im jüngsten Forschungsfahrzeug F800 Style von Mercedes-Benz unterwegs.

Mercedes F800 Style: Ein Auto mit dem Format der E-Klasse, dem Luxus der S-Klasse und minimalem Durst.

Mercedes F800 Style: Ein Auto mit dem Format der E-Klasse, dem Luxus der S-Klasse und minimalem Durst.
Bild: Mercedes Benz

Jürgen Hirsch ist nervös. Zwei Jahre lang haben er und sein Team über den Plänen gebrütet und sechs Monate lang jeden Tag in der Werkstatt gestanden — dann war der F800 Style fertig. Seine Weltpremiere hatte das jüngste Forschungsfahrzeug von Mercedes-Benz zwar schon im März in Genf.

Die Quadratur des Kreises

Doch jetzt steht für die futuristische Limousine mit dem überzeichneten Design des neuen CLS die Jungfernfahrt auf dem Programm. So wird Hirsch zum Chauffeur für ein paar Journalisten, die Mercedes davon überzeugen will, dass auch die Luxuslimousine eine grüne Zukunft hat. Denn ein Auto mit dem Format der E-Klasse und dem Luxus der S-Klasse, das gerade nur 2,9 Liter verbraucht, das sucht man noch vergebens. Dagegen ist sogar der Smart ein Schluckspecht.

E-Motor mit 109 PS Doch der F800 zeigt, wie diese Quadratur des Kreises gelingen könnte. Dafür setzen die Schwaben nicht nur auf eine Leichtbau-Karosserie mit hohem Karbonanteil und zeichnen bunte Bildchen mit der vergleichsweise fernen Vision eines Brennstoffzellen-Antriebs. Sondern sie montieren unter dem handgeschneiderten Kleid der Studie einen Hybrid-Antrieb, gegen den der Teilzeitstromer der aktuellen S-Klasse fast schon steinzeitlich wirkt: Mit 109 PS greift der E-Motor im F800 dem Benziner nicht nur zaghaft unter die Arme. Sondern schiebt ihn auch ganz alleine an — bis zu Tempo 120 erreicht der F800 im Elektromodus.

Ausserdem geht dem Stromer der Saft nicht nach wenigen 100 Metern aus, sondern erst nach 30 Kilometern. Denn der Akku hat eine Kapazität von über 10 Kilowattstunden. Allerdings muss man diese Batterie von Hand nachladen und den F800 deshalb zwischendurch für gut vier Stunden an der Steckdose parken. «Nur durchs Bremsen ist so viel Energie nicht zurückzugewinnen», räumt Hirsch ein.

Eine ziemliche Kletterpartie

Nur mit Strom alleine kann man den F800 allerdings nicht fahren. Weil Mercedes mit einer Reichweite von fast 700 Kilometern kalkuliert und den Stammplatz auf der linken Spur verteidigen will, steckt vorn unter der Haube ein 3,5 Liter grosser V6 mit 300 PS, der ein Spitzentempo von 250 km/h und sportliche Sprintwerte garantiert. Denn im Team wuchten der Benzindirekteinspritzer und der E-Motor den F800 in 4,8 Sekunden auf Tempo 100.

Doch der Antrieb ist nur eines von drei Themenfeldern, das Hirsch mit dem F800 beleuchten wollte. «Auch das Türkonzept war uns besonders wichtig», sagt der Projektleiter und bittet seine Gäste auf die Rückbank. Weil die Studie mit 4,73 Metern für eine Luxuslimousine vergleichsweise kurz ist, wäre das bei konventionellen Klapptüren eine ziemliche Kletterpartie. Jetzt gleiten die hinteren Türen elektrisch zur Seite, nur dass sie dafür keine hässlichen Laufschienen wie bei einem Van benötigen: Stattdessen hängen sie an einem Schwenkgelenk, das von einem Fensterheber-Motor bewegt wird.

Ebenfalls neu sind die Instrumente und das Bediensystem des F800. Das Lenkrad, das ein wenig an die Steuerknüppel von Raumschiff Enterprise erinnert, ist zwar nicht viel mehr als Show und Schein. Doch der blau leuchtende Monitor als Ersatz für Tacho & Co. ist ernst gemeint. Er zeigt nur noch Tempo und Reichweite, bietet auf Knopfdruck einen Verbrauchstrainer und stellt auch eine Landkarte dar, die über den Aktionsradius im E-Betrieb informiert. Dabei schaut das System nicht nur auf den Ladestand der Batterie, sondern behält auch den Strassentyp und die Topografie im Blick.

Studie mit Potenzial

Zwischen den Menüs im Kombi-Instrument und auf dem Monitor wechselt man nicht mehr mit einem Drehrad, sondern man gleitet mit den Fingern über ein Sensorfeld, das mit einer Videokamera überwacht wird. Deren Bild simuliert so einen Touchscreen, ohne dass man sich dafür nach vorn beugen oder ständig Fingerabdrücke vom Glas wischen müsste.

Natürlich wird man den F800 so nie in Serie sehen. Doch anders als früher haben die Entwickler diesmal gar nicht so weit in die Zukunft geschaut. Den Plug-in-Hybrid gibt es in der nächsten S-Klasse, die Schwenktüren könnten in der Neuauflage der R-Klasse in Serie gehen, und selbst für das Bediensystem mit der Videoüberwachung des Fingerspiels sieht Projektleiter Hirsch gute Chancen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 02.11.2010, 10:06 Uhr

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6 Kommentare

Daniel Heusser

02.11.2010, 14:27 Uhr
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Umweltschutz und 300 PS? Wann lösen sich die Hersteller endlich von solchen Vorstellungen. Was nützen mir diese wenn ich im Stau stehe oder max. 120 km/h fahren darf? Neues Denken braucht die Welt. Ich persönlich bin auch für den Individualverkehr der mich von Haustür zu Haustür bringt. Das kann ein Zug nicht. Aber es muss umweltfreundlich sein. Antworten


Max Meier

02.11.2010, 15:46 Uhr
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@Daniel Heusser: Was wollen Sie denn noch? Mein Auto braucht auf jeden Fall deutlich mehr als 2.9 Liter auf 100 Km. Wenn ein Autohersteller 300 PS mit 2.9 Litern schafft, sollten einem die 300 PS ja eigentlich egal sein!? Antworten




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