Das schönste Geschenk ist die Geschenkidee
Von Andrea Schafroth. Aktualisiert am 02.12.2008
Zuverlässig um die Weihnachtszeit zieht ein Stöhnen durch die glitzernde Konsumwelt: «Was, ja was nur soll ich meiner Mutter schenken? Meinem Mann? Meiner Freundin?» Dabei sind derlei Herausforderungen harmlos im Vergleich zum umgekehrten Kraftakt, den die Bescherung von Kindern, Kindeskindern, Patenkindern, Nichten und Neffen einem abfordert: «Was, ja was nur soll meine Mutter, Schwester, Freundin meinen Kindern schenken?»
Proppenvolle Kinderzimmer und anspruchsvolle Eltern haben zum Rollentausch im Schenkritual geführt: Nicht die Schenkenden, sondern die zu Beschenkenden (oder vielmehr deren Erziehungsbevollmächtigte) sind aufgefordert, sich den Kopf zu zerbrechen.
Das erste Telefonat ereilt mich jeweils im November. Gewissenhafte Eltern haben ihre Kinder schon vorher an den Computer gezwungen und eine ausgewogene Wunschliste in Umlauf gebracht. Doch selbst die Vorbildlichsten stossen bei wachsender Kinderzahl und mit zunehmendem Alter des Nachwuchses an ihre Grenzen. Nicht nur, dass man die Vorräte an Legoburgen und Co. eigentlich ab- und nicht aufbauen möchte. Die Kinder selbst reagieren auf die Frage «Was wünscht du dir?» eher hilflos als enthusiastisch. Was nicht heisst, dass sie nicht beschenkt werden möchten.
Doch Ratlosigkeit entbindet nicht von der elterlichen Verpflichtung, Geschenkideen zu produzieren. Immerhin, die erste Anruferin, Tante Ida, kennt meine Not und hat einen Stapel Spielzeugkataloge vor sich, in denen sie Vorschläge markiert hat: ein «Specksteinset für Einsteiger», den 100-teiligen-Schminkkoffer, einen «Klopfspechtkakadu» oder «Riguletto», den «massiven Holzkubus», dank dem «die zehn häufigsten Riegel- und Verschlussfunktionen spielend erfasst werden».
Die liebe Tante blättert weiter und weiter: «Keine Angst, ich hab noch viel, wir warten jetzt einfach, bis es flasht bei dir.» Das tut es zwar nicht, aber ich entscheide mich am Ende gegen den «Flexi-Schlagzeugteppich» - obwohl der zusammenrollbar wäre - und für den Bastelmais, der ganz zu verschwinden verspricht, falls er denn aufgebraucht wird.
Nach weiteren Entscheidungsfindungen mit Grosseltern, Paten und Onkeln läuft die Geschenkmaschinerie an. Bis die zweiten und dritten Anrufe kommen: Welches Modell ist besser? Mag dein Lottchen lieber Rosa oder Blau? Oder schlimmer: Der vereinbarte High-School-Musical-Kalender ist ausverkauft, und eine Alternative muss her. Und last, but not least die Klageanrufe: Die Auswahl in der Kleinstadt sei einfach so schlecht. Will heissen: «Könntest du nicht bitte das Geschenk, das ich deiner Tochter schenke, gleich selber besorgen?» Ganz nach dem Motto «Beschenk dich selber», das sich auch unter Erwachsenen breit macht: «Was willst eigentlich du geschenkt bekommen?», hat meine Freundin Lulu in leicht vorwurfsvollem Ton gefragt. «Weisst du, ich kann dir auch das Geld geben, damit hab ich kein Problem.»
Wenn ich mich auch geweigert habe, auftrags Lulu ein Geschenk für mich selbst zu organisieren, kaufe ich doch kurz vor Weihnachten regelmässig die Geschenke ein, die andere meinen Kindern schenken werden. Nebst denen, die ich ihnen selbst schenke. Und nebst den Gaben, die ich für andere Kinder besorge - schliesslich möchte ich deren Eltern mein Schicksal ersparen. Wobei zu viel Eigeninitiative keineswegs immer geschätzt wird. Meine Schwester Lilly zum Beispiel weiss nur zu genau, welche Schubkarre für ihren Tommy die beste ist: Aus Plastik muss sie sein, mit einer grünen Wanne und blauen Rädern. Dummerweise führt Laden Nummer eins nur welche aus Holz, beim zweiten ist die Wanne rot, und in Nummer drei sind Schubkarren gerade ausverkauft.
«Kauf das Ding doch selbst», fährt es mir durch den Kopf. Eine Regung, die sich von selbst unterdrückt, sobald ich an Cousine Conny denke: Ihre Tochter, mein Patenkind, wünscht sich eine Playstation. Nur hat sie schon eine, weil Conny kürzlich auf eine Aktion gestossen ist, zugeschlagen hat und die Konsole dem ungeduldigen Kind auch gleich übergeben hat. Mir bleibt die Aufgabe, das Couvert mit den Nötlein nachzuliefern. Und zu hoffen, dass es nicht im Abfallsack landet, mit dem Connys Mann noch während der Auspackschlacht um den Christbaum patrouilliert.
Angesichts solcher Entartungen tut Rückbesinnung not: Geniesst, liebe Schenkende, die Qual eurer ganz persönlichen Wahl. Und bleibt locker, wenn das Geschenk nicht ankommt: Schliesslich lassen sich doppelte Bücher wunderbar weiterschenken, und Unerwünschtes hat den Vorteil, dass der Beschenkte es getrost entsorgen kann. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 02.12.2008, 14:18 Uhr
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Sonia Uhlmann ist keine typische Studentin. Dank Fernstudium hat sie den Master trotzdem geschafft.








