Bei den Menschenaffen und Riesenschildkröten

Von Susanne Anderegg. Aktualisiert am 23.12.2008

Sumatra war lange ein beliebtes Reiseziel für Backpacker. Dann schreckten die Bomben auf Bali und der Tsunami die Touristen ab. Wer dennoch hinreist, erlebt Natur auf exklusive Art.

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Nirgends ist es einfacher, Menschenaffen in freier Wildbahn anzutreffen: Orang-Utan in Bukit Lawang.
PD

   

Tipps & Infos

Anreise

Flug Zürich-Singapur-Medan, tägliche Verbindungen mit Singapore Airlines, ab rund 1700 Franken. Oder via Malaysia mit Fähre (Penang-Medan)

Reisen auf Sumatra

Zum Lake Toba und nach Bukit Lawang gibt es Busverbindungen. Beliebt sind auch Sammeltaxis. Viele Hotels bieten einen Transportservice an. Singkil hat seit kurzem einen Flugplatz, von dort gehts per Charterboot weiter auf die Inseln.

Unterkunft

Einfache, sehr günstige Zimmer bis gut ausgestattete Hotels (in grösseren Orten). In der Ecolodge «Bukit Lawang Cottages» zum Beispiel kostet ein schönes Doppelzimmer ca. 25 Franken.

Allgemeine Infos

Ein Touristenvisum für 30 Tage ist an der Grenze erhältlich für 25 US-Dollar. Einfache Sprachkenntnisse für Individualreisende sind empfohlen, Buchtipp: «Indonesisch Wort für Wort», Reise Know-How Verlag.

www.sumatraecotourism.com (Aktuelle Infos zu sanftem Tourismus in Nordsumatra inkl. Aceh und viele praktische Tipps für Reisende in Sumatra.)

www.paneco.ch (Die Umweltstiftung bietet auch Reisen mit der Biologin Regina Frey an, mit Kuoni bzw. dem Indonesienspezialisten GeforbAirtours.)

www.acehturtleconservation.org (Infos zum Schildkrötenschutzprojekt und Volontäreinsätzen)

Am Lake Toba, einst eine der Top-Tourismusdestinationen Indonesiens, lässt es sich gemütlich Ferien machen: Biken auf kaum befahrenen Strassen, Lesen im ruhigen Hotelgarten, Abendessen nach spontaner Lust, denn Platz hat es mehr als genug in den vielen Restaurants. Für die Einheimischen ist das betrüblich, für die Touristinnen hingegen höchst erholsam. Etwas unangenehm wird es nur auf den Ausflügen zu den historischen Sehenswürdigkeiten vom Volk der Bataker, das seit Jahrhunderten am Lake Toba lebt. Der Weg zu den steinernen Königsstühlen und Königsgräbern führt vorbei an zahllosen Souvenirläden, deren Besitzerinnen sich alle auf die raren Fremden stürzen.

Der Lake Toba liegt im nördlichen Teil von Sumatra und ist eines der grössten Binnengewässer Südostasiens. Ein Kratersee auf fast 1000 Meter über Meer, und inmitten des Sees liegt eine grosse Insel: Samosir. Ein schöner Name für eine schöne Insel. Wer sich gerne ein bisschen bewegt, ist hier richtig. Dank der Höhenlage ist es nicht allzu heiss, und dank der Insellage hält sich der motorisierte Verkehr in Grenzen. Zudem ist der See relativ sauber, im Unterschied zu manchen Meeresstränden Sumatras. Man kann schwimmen, wandern, fischen, Rad fahren. Und das in einer asiatisch-tropischen Kulisse mit Reisfeldern und den traditionellen Batak-Häusern, deren hohe, geschwungene Dächer aus dem Grün der Landschaft herausragen. Eine Idylle.

Doch Tausende von Hotel- und Pensionszimmern stehen seit Jahren leer. Die Einheimischen haben die Hoffnung noch nicht aufgegeben, sie pflegen ihre Häuser und Anlagen und öffnen die Geschäfte täglich. Das Ausbleiben der Gäste erklären sie mit den Bomben: Der Anschlag auf Bali mit über 200 Toten im Herbst 2002 und weitere Attentate in Jakarta hätten die Touristen von Reisen ins mehrheitlich muslimische Indonesien abgehalten. Ende 2004 verwüstete der Tsunami grosse Teile von Aceh. Das gab dem Tourismus auf Sumatra den Rest. Umso exklusiver sind die Erlebnisse jener, die heute trotzdem dorthin reisen.

Fünf Menschen stemmen ein Reptil

Ortswechsel auf eine unbewohnte Insel im Meer. Sie heisst Bangkaru und gehört zur Inselgruppe Pulau Banyak vor der Südwestküste von Aceh. Wir besuchen ein Schildkrötenschutzprojekt.

Es ist dunkel, und der Pfad durch den Wald voller Hindernisse. Umgekippte Baumstämme, glitschige Wurzeln und Steine liegen im Weg, Morast und Tümpel gilt es zu durchschreiten. Wir sind auf dem Weg zu dem Strand, auf dem jede Nacht Meeresschildkröten ihre Eier ablegen. Kurz vor acht sind wir vom Camp losgegangen, zusammen mit der Biologin Maggie Muurmans und ihrem Mitarbeiter Bodong. Eine knappe halbe Stunde später treten wir aus dem Dunkel des Waldes und drehen die Taschenlampen aus. Vor uns liegt der weite Strand unter einem hell leuchtenden Sternenhimmel.

Und schon gehts los. Maggie sieht eine Schildkröte, die eben ins Meer gleiten will. «Wir müssen sie aufhalten, um sie zu markieren!» Wir rennen zu dem Tier, stemmen uns gegen den Panzer, die Kraft von fünf Menschen gegen 150 Kilogramm Reptil. Es gelingt, das Tier vom Meer weg zu drehen. Bodong nimmt die Zange aus der Tasche, setzt eine Metallklammer ein, greift sich die rechte Vorderflosse und drückt zu. Die Schildkröte begehrt kurz auf, doch der junge Mann setzt rasch eine zweite Marke in die linke Flosse. Dann misst er mit Maggie die Schildkröte aus: Es ist eine grosse Suppenschildkröte, ihr Panzer ist 106 Zentimeter lang und 95 Zentimeter breit. Sie trägt fortan die Nummern IDS0039 und IDS0040.

Bangkaru ist Nestplatz für drei Arten von Meeresschildkröten, die vom Aussterben bedroht sind: Suppenschildkröte, Lederrückenschildkröte und Echte Karettschildkröte. Letztere ist die kleinste der dreien, sie lebt in den Korallenriffen vor den Inseln. Die andern beiden schwimmen weit in den Meeren herum. Zum Eierlegen kehren sie an den Ort zurück, an dem sie geboren wurden - die Suppenschildkröten alle zwei Jahre, die Lederrückenschildkröten alle drei Jahre.

Von der Wasserlinie kriechen die Schildkröten langsam den leicht ansteigenden Strand hinauf und ziehen dabei eine Spur wie ein kleiner Traktor in den Sand. Wir entdecken eine frische Spur und folgen ihr. Unweit des Waldrandes finden wir das Tier. Die Schildkröte hat bereits ein gut 50 Zentimeter tiefes Loch gegraben und ist dabei, die Eier abzulegen. Die weichen weissen Kugeln, die aussehen wie Pingpongbälle, plumpsen eine nach der andern in den Sand. Rund 100 Eier in zehn Minuten. Als sie fertig gelegt hat, lässt Maggie sie ein wenig ausruhen. Danach wird auch dieses Tier in die Zange genommen. Bis Mitternacht können Maggie und Bodong sechs Suppenschildkröten markieren.

Vier weitere entgehen ihrem Zugriff. Wir finden ihre Spuren am andern Morgen, als wir den Strand erneut ablaufen. Die Morgenkontrolle gehört ebenso zum täglichen Programm der Feldforscher wie die exakte Buchführung über ihre Arbeit.

Menschenleere weisse Strände

Maggie Muurmans ist Mitinitiantin eines Schutz- und Forschungsprojektes, das auch Volontäre und Touristen einbezieht. Die Volontäre arbeiten einen oder mehrere Monate auf Bangkaru, die Touristen besuchen die Schildkröteninsel für wenige Tage. Das Camp ist einfach, gekocht wird über dem Feuer, das Süsswasser aus einem Ziehbrunnen geschöpft. Zum Schwimmen spaziert man zehn Minuten in die nächste kleine Bucht: weisser Sandstrand, gesäumt von Urwald, keine Menschenseele, weit draussen auf dem Meer vielleicht ein Fischerboot.

Die Inselgruppe Pulau Banyak umfasst rund 40 grössere und kleinere Inseln, nur wenige sind bewohnt. Vor dem Tsunami gab es ein paar Hotels und Pensionen. Die Naturkatastrophe hat einen Grossteil der Häuser zerstört. Die Wohnhäuser waren rasch wieder aufgebaut. Die internationalen Hilfsorganisationen rissen sich fast um die Projekte - und bauten zum Teil an den Bedürfnissen der Bevölkerung vorbei. Reihen leer stehender Häuser zeugen davon.

Eine neue touristische Infrastruktur entsteht hingegen erst allmählich: da eine Pension, dort ein paar einfache Bungalows. Mögliche Aktivitäten sind Schnorcheln, durch den Dschungel trecken oder um die Inseln herum surfen. Eine lokale Stiftung berät die Einheimischen beim Entwickeln des Angebotes und hilft bei der Vermarktung. Es soll ein sanfter Tourismus werden, der die Natur wenig belastet, der Bevölkerung aber neben dem Fischen eine weitere Verdienstmöglichkeit gibt.

Orang-Utans hautnah

Natur und Tourismus - eine oft problematische Verbindung. In Bukit Lawang zeigt sich das exemplarisch. Das Dorf am Rande des Gunung-Leuser-Nationalparks in Nordsumatra ist ein sicherer Wert für Leute, die einmal einen Menschenaffen in freier Natur sehen wollen. Hier ist das möglich, ohne dass man weit gehen oder lange warten müsste. In den Siebzigerjahren bauten zwei Schweizer Biologinnen in Bukit Lawang eine Auswilderungsstation für Orang-Utans, die aus Gefangenschaft befreit worden waren. Eine der beiden, Regina Frey aus dem Zürcher Weinland, engagiert sich bis heute im Naturschutz in Indonesien; die von ihr gegründete Stiftung Paneco unterstützt unter anderem auch das Schildkrötenprojekt auf Bangkaru und führt ein Ökohotel in Bukit Lawang.

Mit Bananen angelockt

Bis in die Neunzigerjahre wurden in Bukit Lawang Menschenaffen in Quarantäne gehalten und danach in den Urwald entlassen. Einige blieben am Rand des Parks. Die Parkwächter füttern sie und ihren Nachwuchs täglich mit Bananen und Milch, die Touristen können zuschauen.

Problematisch wird es, wenn die Fütterung unkontrolliert erfolgt, irgendwo im Wald und durch irgendwelche privaten Touristenführer. Von diesen gibt es Hunderte in Bukit Lawang. Sie bieten potenziellen Kunden nicht nur abenteuerliche Trekkingtouren an, die von zwei Stunden bis mehrere Tage dauern können. Sie versprechen ihnen auch einmalige Tierbeobachtungen. Und locken dann im Wald die Orang-Utans mit Bananen an. Die Tiere haben sich an die Menschen gewöhnt, und es kann vorkommen, dass ein Orang-Utan mehr fordert als die Ration, die der Führer ihm gibt. Aggressive Menschenaffen wiederum sind schlecht fürs Touristengeschäft. Sie werden deshalb beseitigt - was zwar niemand offen sagt, in Naturschutzkreisen aber als Tatsache gilt.

Zurzeit reissen sich die Führer in Bukit Lawang um die Touristen, die rar sind. Denn 2003 wurde das Dorf am Bohorok-Fluss von einer Sturzflut mitgerissen, über 300 Menschen kamen ums Leben. Von dieser Katastrophe erholt sich der zuvor weltbekannte Touristenort nur langsam. Restaurants und Hotels sind zwar wieder aufgebaut. Doch wie am Lake Toba warten die Besitzer oft vergeblich auf Kundschaft.

Dieser Artikel entstand im Rahmen eines Freiwilligeneinsatzes für die Schweizer Umweltstiftung Paneco.
(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 23.12.2008, 09:37 Uhr

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