Das Glück bei Frau Meise

Schweizer Hotels verzichten heute auf Sterne und schwören dem kühlen Design ab. Dafür setzen sie auf heimische Werte: Schlafen und Futtern wie bei Muttern liegt im Trend.

Klein, einzigartig und fast wie einst zu Hause: Blick ins Badener Hotel Frau Meise.

Klein, einzigartig und fast wie einst zu Hause: Blick ins Badener Hotel Frau Meise.

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Auf der Suche nach dem Besonderen oder schlicht Bezahlbaren zeigen sich Reisende flexibel. So hat sich jenseits der klassischen Sternehotellerie eine viel individuellere Art des Hotelerlebnisses durchgesetzt. Klein, einzigartig und fast wie einst zu Hause ist das Motto der neuen Häuser, die auf Normalo- oder Retro-Chic setzen und sich in der Nähe der Kulturszene bewegen. (Lesen Sie auch: «Das Lob der Biederkeit»)

Typisch ist, dass eine der Hotelideen als Kunstprojekt entstanden ist. Das Null Stern Hotel wurde in einem Bunker in Teufen gestartet. Das Urprojekt ist mittlerweile ein Museum, das Konzept wird aber fortgesetzt und kommerzialisiert. Die Vision «Wo die Gastfreundschaft lebendig ist» und das Leitbild «Wo der einzige Stern Sie selber sind» sind typisch für einen Trend im Reisen, wo es weniger um Sterne und Standards, als um Einzigartigkeit geht. (Lesen Sie auch: «Die teuersten Hotels der Welt»)

Das Glück bei Frau Meise

Die neuen Häuser sind nicht einfach billige oder gar etwas schmuddlige Absteigen, die langsam in die Jahre gekommen sind. Einige sehen zwar so aus, doch das Prinzip ist ein anderes. Urbanes Lebensgefühl gemischt mit sorgfältig gewählten Möbeln aus dem Brockenhaus, individueller Gästebetreuung und Anschluss an die hiesige Szene inklusive. Gekoppelt sind die Häuser mit Vorliebe mit einem Designladen oder mit einem Vintage-Möbelshop.

Prunk braucht es dabei nicht, sondern WLAN, ganz nach dem Leitspruch einer Generation: My cloud is my castle. Hier geht es um Wahlverwandtschaften, Nähe und eine Form von Heimat, das zeigt sich an den gewählten Namen. Eine Pension in Baden mit Kaffee und Kultur nennt sich Frau Meise, ein ähnliches Haus in Zug Alles ist gut und in Zürich gibt es etwa die Pension Zum Guten Glück oder Für Dich.

Die Klientel: Eher jung und designgeschädigt

Die Konzepte richten sich ganz klar an eine Klientel, die in ihrem bisherigen Leben von miefigen Zweisterne-Hotels verschont geblieben ist und dem Charme des Angejahrten erliegt. Das funktioniert als Gegenbewegung zu den Designhotels, die in den letzten zehn Jahren so beliebt waren, dass sich die Klientel daran sattgesehen hat, offenbar gut. Die Kleinsthotels und Pensionen nehmen damit die Bewegung auf, die Wohnzeitschriften und Wohnbücher schon länger erfasst hat, nämlich weg von der durchdesignten Wohnung aufgebretzelt fürs Hochglanzmagazin hin zum Konzept wie das von Todd Selby, der auf seiner Website unter dem Stichwort Freunde von Freunden, äusserst erfolgreich Einblicke in Wohnwelten gewährt. (Lesen Sie auch: «Dieses Jahr dürfen wir schlampig sein»)

Die Grossen investieren in die Kleinen

Mittlerweile ist der Trend nach dem Persönlichen und Individuellen auch auf die Reisebranche übergeschwappt. Das erstaunt wenig in einem Markt, bei dem sich die Ratings von Hotels lesen wie langweilige Fortsetzungsgeschichten, die sich nur Gutverdienende leisten können. So investieren die Grossen in den Markt der Kleinen. Bestes Beispiel dafür ist die Plattform AirBnB. Dies ist der weltweit grösste Community-Marktplatz für die Vermietung und Buchung von Privatunterkünften, gilt vielen in der Reisebranche als Modell der Zukunft. Gestandene Reiseanbieter investieren in das Unternehmen und auch Medienkonzerne zeigen sich an Beteiligungen interessiert.

Der Reiz des Überraschenden

Während Hotelketten darauf setzen, dass es überall in etwa gleich aussieht, so dass der Schnellreisende gar nicht lange studieren muss, wo er sich gerade befindet, ist das Unerwartete hier Programm. Vorreiter dieser kommerzialisierten Variante war Couchsurfing, das nach dem gleichen Prinzip funktioniert: Übers Internet werden Zimmer, respektive Couchs oder Betten in Wohnungen und WGs vergeben. Das ist eine abenteuerliche Sache, wie das kürzlich erschienene Buch von Malte Jäger zeigt. Im Gegensatz zum Couchsurfing ist AirBnB kommerziell ausgerichtet. Die Erfolgsstorys von besonders erfolgreichen Zimmervermietern gehören auf der Website dazu, und damit unterscheidet sie sich auch von den klassischen Wohnungstauschbörsen, die auf Gegenseitigkeit ausgerichtet sind.

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(Erstellt: 26.01.2012, 21:27 Uhr)

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Der Charme des Angejahrten: Blick in ein Doppelzimmer im Hotel Frau Meise.

Irgendwie ziemlich anders: Zimmer im Null Stern Hotel.

Hier geht es um Wahlverwandtschaften: Blick in ein Zimmer im Zum Guten Glück.

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