Leben

Das Höllenfeuer der Wikinger

Von Anne-Marie Vaterlaus. Aktualisiert am 05.02.2012 2 Kommentare

Im Januar auf die Shetlands? Aber klar doch! Zu dieser Jahreszeit dominieren zwar Wind und Regen, dafür kann man aber Up Helly Aa mitfeiern, Europas grösste Feuer-Fasnacht.

1/6 Eine Riesensache: Bei der grossen Prozession Up Helly Aa in Lerwick gleitet das Wikinger-Langboot durch ein Flammenmeer aus Hunderten von Fackeln.
Bild: Keystone

   

(Bild: TA-Grafik ib)

Shetland-Inseln Reise-Tipps

Anreise: British Midlands fliegt von Zürich nach Edinburgh. Von dort geht es mit Flybe weiter nach Sumburgh, Shetland Islands. Von der Überfahrt mit der Fähre ist im Winter abzuraten.

Up Helly Aa: In Lerwick immer am letzten Dienstag im Januar.

Unterwegs auf den Inseln: Bolts Car Hire hat eine Niederlassung in Lerwick und eine beim Flughafen in Sumburgh.

Unterkunft: Cottages über www.visitscotland.com
Hotels in Lerwick: The Grand Hotel und Queens Hotel, beide altehrwürdig. Ebenfalls empfehlenswert: Sumburgh Hotel beim Flughafen.

Kulinarisches: Fangfrischer Fisch und Muscheln vom Fish Shop in Scalloway. Bei David Parham in seinem Laden im Toll Clock Shopping Center in Lerwick eichengeräucherten Schellfisch kaufen, schmeckt in Milch gegart wunderbar! Ansonsten: Smoked Mackerel Pâté auf Oatcakes im Restaurant des Shetland Museum. Auf Unst unbedingt ein Bier aus der lokalen Valhalla Brewery trinken oder zum Kaffee einheimische Pralinés von Foords Chocolates essen.

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Ohne Wetter geht gar nichts. Und deshalb zu Hause kurz vor der Abreise ein letzter Blick auf die Shetlands-Webcam: Bewölkt bei einer Tageshöchsttemperatur von 5 Grad. Nicht schlecht für 60° Nord – Golfstrom sei Dank. Normalerweise, auf dieser geografischen Breite, drüben in Kanada zum Beispiel, kratzen sie jetzt das Eis von den Windschutzscheiben. Dazu ein moderates Lüftchen von 15 Knoten, das sich im Laufe der nächsten Tage laut Vorhersage zu einer steifen Brise von 27 auswachsen soll. 27 Knoten sind 51 km/h, immerhin. Dramatik mit Augenmass.

Wie sagte doch Helen, unsere Gewährsfrau in Lerwick, vor ein paar Wochen am Telefon: «Das Wetter bei uns im Januar? Viel Wind und immer wieder Regen.» Und gleich noch: «Aber ihr werdet hier sein für Up Helly Aa.» Up Helly was? Ich hatte keine Ahnung. Und Helen musste erklären: Feuer-Fasnacht in Lerwick, immer am letzten Dienstag im Januar. Wikinger, Fackeln, ein loderndes Langboot. Eine Riesensache. Ich habe im Internet nachgeschaut, und tatsächlich: «Europe’s largest fire festival», steht da zu lesen.

Fische, Öl und nordisches Blut

Mit einem leichten Ruck setzt die Turboprop auf. Welcome to Sumburgh Airport. Zu zehnt laufen wir übers Rollfeld zur Flughafenhalle. «Seid ihr hier wegen Up Helly Aa?», fragt die Frau vom Mietwagen-Office. Und: «Ihr müsst an einem stürmischen Tag zu den Klippen von Eshaness. Schön wild dort draussen.» Jetzt aber zuckeln wir erst einmal im Mondschein Richtung Norden. Als wir in Walls ankommen, funkelt die Schärenlandschaft im Silberlicht. Draussen in der Bucht schaukeln ein paar Bojen unterm Sternenhimmel. Grauschwarz schmiegen sich die umliegenden Grashügel ans Wasser. Zeit zum Ausspannen.

Aber nicht für lange. Die Tage sind kurz um diese Jahreszeit. Um vier Uhr nachmittags setzt die Dämmerung ein, eine Stunde später ist es dunkel. Auf der morgendlichen Fahrt nach Lerwick gibt es Shetländisches als Schnupperkurs: auf moorigen Weiden wuschelige Schafe und dickfellige Ponys, zutraulich wie im Guidebook versprochen. Ein Pärchen schneeweisser Singschwäne auf spiegelglattem See. Zwischen Hügeln ein Helipad für all jene, die auch um diese Jahreszeit raus müssen auf die Inselchen in rauer See, nach Fair Isle zum Beispiel, Heimat des begehrten, handgestrickten Fair-Isle-Pullovers. Dann Muschelfarmen in den Buchten, Fischtrawler am Horizont. Ab und zu ein paar Häuser, die Dorf spielen, komplett mit Tante-Emma-Laden, Zapfsäule und Telefonzelle.Lerwick ist Hauptort mit rund 7500 Einwohnern. Da leben, wie Helen sie nennt, die Townies, die Städter. Lerwick, viktorianisch und pittoresk, atmet entspannte Geschäftigkeit und unangestrengtes Wohlbefinden. Kein Wunder. Die Shetländer haben wenig Grund zum Jammern. Erstens ist man gut versorgt und zweitens sowieso etwas Besonderes. Gut versorgt dank der Fischerei, vor allem Makrelen und Heringe, und dank des finanziellen Zustupfs aus Sullom Voe, einer der grössten Verladestationen Europas für Öl und Flüssiggas aus Nordsee und Atlantik. Und etwas Besonderes, weil Wikinger-Blut in den Adern fliesst.

Seit 1469 bei Schottland

Das mit den Wikingern ist zwar schon eine Weile her, schliesslich wurden die Shetlands bereits 1469 zusammen mit Orkney vom dänischen König als Mitgift an Schottland verpfändet und zwei Jahre später endgültig annektiert. Aber was solls. Man muss doch nur zu den Ausgrabungsstätten von Jarlshof und Old Scatness fahren, und schon ist man mittendrin im 9. Jahrhundert und sieht, was von seinen nordischen Langhäusern übrig blieb. Zudem kann ein bisschen Romantik hier oben, wo es auch im Sommer selten wärmer wird als 15 Grad, nicht schaden. Und so tragen denn Lerwicks Strassen Namen wie King Erik Street oder King Harald Street, und unter «Norse Heritage», nordischem Erbe, summiert sich alles, was die Shetlands vom schottischen Festland unterscheidet: Ortsnamen, Lehnwörter, Sagengestalten und natürlich Up Helly Aa, ein Fantasiename übrigens für ein Fest, das in seiner heutigen Form um 1870 seinen Anfang nahm.

Am nächsten Morgen ziehen graugelbe Graupelschauer von Süden her über die Schären direkt auf unser Panoramafenster zu. Stetig fliessen die Kügelchen die Scheibe runter, bilden Häkelmuster. Kurz danach bricht die Sonne durch, und aus aprikosefarbenen Grashügeln sticht ein Regenbogen in die Wolkenwand. Unermüdlich rennt der Wind ums Haus. Zeit für die tosenden Wasser bei den Klippen von Eshaness.

Kugelrunde Seehunde

Breitbeinig stehen wir auf abschüssigem Terrain. Unten brodelt der Nordatlantik, oben kriecht die Kälte durch die Fasern. In Hillswick im plüschigen St Magnus Bay Hotel gibt es kurz darauf die beste Tasse Tee meines Lebens. Anderntags schippern wir mit der Fähre nach Unst, dem Inselchen ganz im Norden. Ein graublauer Tag und ein Gefühl wie Ultima Thule. Der Fährmann kann es kaum glauben: «Ach», staunt er auf der Hinfahrt, «Touristen!» Und auf der Rückfahrt: «Verpasst auf keinen Fall Up Helly Aa!» Dann ist er bereits wieder weg. Dabei wollten wir ihm noch von den Seehunden erzählen, die wir in der Bucht von Haroldswick getroffen hatten. Kugelrund lagerten sie auf Felsbrocken im Wasser, ein paar Meter nur vom Strand entfernt, und warteten auf einen Fototermin.

Am Montag ist Up-Helly-Aa-Pressekonferenz. Als Journalisten sind Festland-Schotten angereist. Dazu ein Norweger mit Kameramann, ein Kanadier mit einer Filmidee, ein italienischer Fotograf. Wir sitzen im Up-Helly-Aa-Hauptquartier, vor uns an einem langen Tisch acht starke Männer in dunklen Anzügen, sieben davon mit Bart. In ihrer Mitte John Hunter, 37 Jahre alt. Morgen Dienstag gehts los. Da wird aus dem Angestellten im lokalen Sportzentrum der oberste Wikinger, der sogenannte Guizer Jarl, Herr über eine Truppe von 65 Mann, die Guizer Jarl’s Squad. Das weiss er seit 15 Jahren. Denn nur wer 15 Jahre lang im Komitee mit von der Partie war, kommt zu so viel Ehre.

Mit Herz, Helm und Streitaxt

Wir sind jetzt Geheimnisträger. Wir wissen, dass John Hunter morgen zu Johan Sanderrevet of Valsgärde mutieren wird, einem kampferprobten Schweden mit Herz, Helm und Streitaxt. Wir kennen die Abenteuergeschichte, die er sich rund um sein Alias ausgedacht hat, samt der dazu passenden Illustration in Acryl. Und wir haben Jägare begutachtet, das Langboot mit dem silbern schimmernden Drachenkopf. Allerliebst die blütenweissen Spitzzähnchen! Und wie keck die Augen funkeln! Alles Handarbeit. Morgen früh werden der Guizer Jarl und seine Mannen die neun Meter lange Galley in einem wilden Aufzug von der Royal British Legion zur Hafenmole ziehen und dort als Fotosujet parkieren.

Und dann, am Abend, gehts Jägare an den Kragen. Eskortiert vom Guizer Jarl und seinem Tross, alle in makellosen Wikinger-Outfits, und von rund 900 Matrosen, Transen, Blues Brothers und sonstigen Blödelkostümierten wird sie im Feuerschein eine Dreiviertelstunde lang durch das Geviert rund um den Kinderspielplatz rollen und anschliessend ebendort verbrennen. Exakt 875 in Paraffin getränkte Fackeln werden ihr den Garaus machen. «Hollywood Viking», nennt das Lynden, «viel Tradition, wenig Historisches.» Lynden ist erst seit zwei Jahren im Komitee. Bis er Guizer Jarl sein darf, wirds 2024 werden.

Dienstagabend. Endlich. Ganz Lerwick ist auf den Beinen. Kurz vor halb acht gehen die Lichter aus, einzig vom Rathaus her weht hell erleuchtet der schwarze Rabe auf rotem Grund, das Kampfemblem der Wikinger. Es ist still. Alle warten. Ein Signal ertönt. Eine nach der anderen werden die Fackeln angezündet. Es ist so weit: Ein Tatzelwurm aus Feuerkugeln setzt sich in Bewegung, eine lodernde Prozession in stockdunkler Nacht, einen halben Kilometer lang, dazu Heldenlieder und Windböen.

Mitten im Funkenregen

Zum grossen Finale biegt der Trupp ein in den Kinderspielplatz. Jägare kommt jetzt in die Mitte, drum herum die Fackelmänner. Sie singen und kreisen, singen und kreisen, ein Malstrom aus Feuer und Funken. Wieder ertönt ein Signal, die Fackeln fliegen ins Boot, haushoch schiessen die Flammen gen Himmel. Paraffinrauch überall. Die Augen tränen, die Luft wird knapp, der Weltenschlund tut sich auf. Man steht falsch im Wind, mitten im Funkenregen.

Anschliessend gibts Party. Und wie. In kleinen Gruppen ziehen Blödeltrupps von Festhütte zu Festhütte, singen, tanzen, machen sich vergnügt zum Affen. Irgendwann, Mitternacht ist längst vorbei, verabschieden wir uns. «Was, ihr wollt schon gehen?», fragt einer ungläubig und bietet aus seiner Pulle einen Schluck Whisky an. Und dann: «Ach so, ihr seid Ausländer. Aber gell, ihr kommt nächstes Jahr wieder!» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 05.02.2012, 09:20 Uhr

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2 Kommentare

J.-Jacques Kottelat

06.02.2012, 02:32 Uhr
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Bier- oder Schnapsidee ? Antworten


Pierre Scheuner

06.02.2012, 23:00 Uhr
Melden

Aber, aber, vor dem Morgengrauen schon die Party verlassen? Dann fängt der Spass erst an. B+B bekommt eine ganz neue Bedeutung. Breakfast and Bed. Nach durchfesteter Nacht ein schottisches Frühstück einwerfen und dann ab ins Bett. Shetländer können Feste feiern. Anfangs Mai gibts das Shetland Folk Festival. Da ist Party an einem langen Wochenende von Donnerstag bis Sonntag. Fantastisches Festival. Antworten



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