Der Kampf um die Gunst der Skifahrer

Klimawandel, gesättigte Märkte, neues Freizeitverhalten: Die Schweizer Skigebiete stehen in einem Verdrängungswettbewerb. Die einen suchen ihr Glück in der Grösse, andere setzen auf Sommergäste.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

In den Schweizer Alpen herrscht Goldgräberstimmung – trotz starkem Franken und sinkenden Übernachtungszahlen. Im Frühling gab der ägyptische Investor Samih Sawiris seine grossen Pläne für Andermatt-Sedrun bekannt: Zusammen mit der schwedischen Skigebietsbetreiberin Skistar will er 130 Millionen Franken in 18 neue Skilifte und Gondelbahnen investieren. Und im November sagten die Stimmbürger auf der Lenzerheide Ja zu einer geplanten Verbindungsbahn mit dem Skigebiet Arosa.

Die Zusammenschlüsse werden als Schlüsselprojekte für die Weiterentwicklung der Regionen gepriesen. Die Grösse sei ein entscheidender Faktor für die Wettbewerbsfähigkeit, heisst es überall. «Wir können mit den Verbindungsbahnen einen Mehrwert schaffen, ohne dass der Gast zwingend mehr dafür bezahlen muss», sagt Pascal Jenny, Tourismusdirektor von Arosa. «Mit 220 Pistenkilometern werden wir auch für grössere internationale Tour-Operatoren interessant.»

Verdrängungskampf in vollem Gange

Diese Entwicklung ist insofern erstaunlich, als zuvor fast 30 Jahre lang wenig lief. Seit den Neuerschliessungen in den Walliser Destinationen Saas Fee und Evolène Ende der 70er-Jahre wurden meist nur alte Skilifte durch leistungsfähigere Sesselbahnen ersetzt (siehe Grafik), aber kaum unberührte Berge neu erschlossen.

Die Freude über die geplanten Zusammenschlüsse teilen aber nicht alle. Skeptisch sind insbesondere die Naturschützer, auch wenn sie in Einzelfällen eine Konzentration von «landschaftsschädigenden Aktivitäten auf wenige Gebiete» begrüssen. «Man will in Andermatt und Sedrun alte Pläne des Gigantismus auferstehen lassen, mit einem enormen Wasser- und Energieverschleiss für künstliche Beschneiung und Bahnen», sagt Raimund Rodewald von der Stiftung Landschaftsschutz. Das sei keine Antwort auf den Klimawandel. Der Verdrängungskampf im schneeabhängigen Tourismus sei bereits jetzt in vollem Gange.

Hoffen auf Chinesen und Inder

Die Skination Schweiz gebe es längst nicht mehr, meint auch Anita Mazzetta, Geschäftsführerin des WWF Graubünden: Welche Familie könne sich schon Tageskarten von 70 oder 80 Franken leisten, lautete ihre Frage im «Bündner Tagblatt». Mit dem Klimawandel würden günstigere Einsteigergebiete in den Voralpen verschwinden, glaubt Mazzetta. Der Versuch, die Nachfrage mit Skifahrern aus China, Indien oder Brasilien zu steigern, führe in die Sackgasse.

Die Zeiten, als in den 80er-Jahren selbst Stadtkinder dreimal im Verlauf ihrer Schulkarriere ins obligatorische Skilager fuhren und sich so für den Schneesport begeistern liessen, sind vorbei. Obwohl die Bevölkerung in der Schweiz seit der Jahrtausendwende von 7,2 auf fast 8 Millionen wuchs, stieg die Anzahl der Eintritte in die Skigebiete in den letzten 10 Jahren kaum an. Auch der weltweite Marktanteil der Schweizer Skigebiete von 8,5 Prozent blieb stabil. «Der Skifahrermarkt in der Schweiz und in den Alpen gilt als gesättigt», sagt Dominik Siegrist, Leiter der Forschungsstelle für Freizeit, Tourismus und Landschaft an der Hochschule für Technik Rapperswil.

Diese Entwicklung lässt bei den Tourismusverantwortlichen die Alarmglocken läuten. «Der Trend zu weniger Skifahrern ist ernst zu nehmen», sagt Ueli Stückelberger, der Direktor von Seilbahnen Schweiz. «Es muss gelingen, Kinder und Jugendliche wieder fürs Skifahren und Snowboarden zu begeistern.» Der Verband versucht mit dem Projekt Schneesportlager, einer Zusammenarbeit mit dem Bundesamt für Sport, den Abwärtstrend zu stoppen; für Lehrkräfte soll es logistisch einfacher und kostengünstiger werden, ein Schullager zu organisieren. Zudem entdecken immer mehr Skigebiete die Anfänger als neue Zielgruppe: So bietet Laax seit diesem Winter ein Komplettpaket für Einsteiger mit Tageskarte, Mietmaterial, sowie Ski- oder Snowboardunterricht.

Immer weniger Schneetage

Neben der abnehmenden Zahl von Schneesportlern treibt den Verantwortlichen vor allem der Klimawandel den Schweiss auf die Stirn. Der Trend ist eindeutig: In Höhen bis 1800 Meter über Meer gibt es immer weniger Schneetage, wie eine Studie der Universität Bern nachwies. Diese Abnahme wird umso deutlicher, je tiefer eine Station liegt. Für Orte auf 1300 m ü. M. hat sich die Anzahl Schneetage (mindestens 30 Zentimeter) verglichen mit der Nachkriegszeit gar fast halbiert. Grund dafür ist der signifikante Anstieg der Temperaturen von Dezember bis März.

Die Auswirkungen sind bereits jetzt spürbar: Zählte der Seilbahnverband 1990 noch über 1200 Anlagen, sind es heute weniger als 900. Bei einer prognostizierten Erwärmung von zwei Grad dürfte sich die Zahl der schneesicheren Skigebiete in der Zentral- und Ostschweiz, im Kanton Bern oder im Tessin in den nächsten 20 Jahren halbieren.

Kaum Sorgen müssen sich dagegen die beiden hochalpinen Gebirgskantone Wallis und Graubünden machen, die schon heute auf einen Marktanteil von über 60 Prozent kommen. Sie könnten gar zu den Gewinnern des Klimawandels zählen. Dennoch wird sich der Trend zu mehr Kunstschnee auch hier kaum aufhalten lassen. Bereits heute stehen bei 36 Prozent aller Pisten Schneekanonen bereit. In Italien werden fast drei Viertel aller Pisten künstlich beschneit, selbst in Österreich sind es über 60 Prozent.

Die Investitionen für die Skigebiete sind massiv: Allein die Installation der Beschneiungsanlagen kostet pro Pistenkilometer eine Million Franken. «Wenn heute ein Skigebiet nicht garantieren kann, dass zumindest ein Teil der Pisten an Weihnachten offen ist, bleiben die entsprechenden Buchungen aus», sagt Seilbahndirektor Stückelberger.

Verbünde statt Gärtlidenken

Mittel zur Attraktivitätssteigerung gäbe es jedoch noch andere: Experten wie der Zürcher Ökonom Roger Gfrörer raten den Bergbahnbetreibern, das noch immer ausgeprägte Gärtlidenken zu überwinden. Während in den Dolomiten Gratis-Bussysteme die Skifahrer von einem Skigebiet ins andere bringen und sich auch in Österreich immer mehr Skigebiete zu Tarifverbünden zusammenschliessen, ist es in der Schweiz noch immer an vielen Orten nicht möglich, eine Wochenkarte zu kaufen, die auch für ein benachbartes Skigebiet gilt.

Gesättigte Märkte, Klimawandel und verändertes Freizeitverhalten: «Es gibt Experten, die glaubhaft belegen, dass es in den Alpen in 100 Jahren kaum mehr Skitourismus geben wird», sagt Forscher Dominik Siegrist. Auch wenn mittelfristig vor allem grosse und hochgelegene Gebiete überleben würden, dürfe man nicht dem Irrtum verfallen, dass Grösse immer gleich Qualität sei. Dank attraktiven Zusatzangeboten wie Gastronomie oder Thermen könnten auch kleinere Gebiete eine Nische finden.

Klar ist aber auch für Siegrist: Mit kostspieligen Schneekanonen lassen sich die drohenden Veränderungen nur verzögern, aber nicht aufhalten. «Tourismusdestinationen sollten versuchen, den Ganzjahrestourismus zu fördern und die Winterabhängigkeit zu reduzieren.» Andere plädieren für einen ökologischen Nischentourismus mit mehr Natur und Kultur. Das grosse Geschäft lässt sich damit aber kaum machen. Bergbahnen generieren bis zu 90 Prozent des Umsatzes im Winter. «Dieses Verhältnis kann auch mit den besten Sommerangeboten nicht umgekehrt werden», sagt Seilbahndirektor Stückelberger. Dennoch begrüsst auch er die Anstrengungen der Kurorte für mehr Wellness und Wandern.

Viel Steuergeld im Spiel

Viele Skigebiete kommen zudem ohne Anschubfinanzierungen und Unterstützung der öffentlichen Hand nicht aus. Selbst Sawiris hofft in Andermatt auf über 40 Millionen Franken Steuergelder für die Erweiterung der Anlagen. Die Bergbahnbetreiber rechtfertigen dies mit den hohen Investitions- und Fixkosten und dem Multiplikatoreneffekt: Bergbahnen sind Motoren für die regionale Wirtschaft. Fehlen die Lifte, gibt es kaum Skifahrer und damit auch kaum Hotelgäste. Experten wie Dominik Siegrist beurteilen dies jedoch kritisch: «Wenn ein grosses Skigebiet wie Andermatt international konkurrenzfähig bleiben will, muss es die Investitionen selber aufbringen: Sonst wird es auch künftig immer wieder beim Staat anklopfen.» Die Gefahr eines Überangebots bestehe in hohem Masse. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 29.12.2011, 14:36 Uhr)

Artikel zum Thema

Wo fährt man hier Ski? Überall!

Alpen oder Voralpen? Graubünden, Wallis oder Berner Oberland? Fünf Vorschläge, fünf Lieblingsorte. Mehr...

Jenseits der Jetset-Attraktionen gibt es noch unberührte Natur

Alpen oder Voralpen? Graubünden, Wallis oder Berner Oberland? Fünf Vorschläge, fünf Lieblingsorte. Mehr...

Die längste Abfahrt und der längste Schlittelweg

Alpen oder Voralpen? Graubünden, Wallis oder Berner Oberland? Fünf Vorschläge, fünf Lieblingsorte. Mehr...

Promotion

Kostenlose Ebooks

Laden Sie in unserem Weiterbildungs-Channel kostenlos Ebooks herunter.

Die Welt in Bildern

Der Mars ist aufgegangen: Eine Mehrfachbelichtung zeigt die verschiedenen Phasen der Mondfinsternis, wie sie am 15. April auch in Canyon, Minnesota, beobachtet werden konnte.
(Bild: Brian Mark Peterson) Mehr...

Meistgelesen in der Rubrik Leben

Leben

Marktplatz

Populär auf Facebook Privatsphäre

Vergleichsdienst

Günstiger in die Ferien!

Vergleichen Sie die Flugpreise von verschiedenen Reiseanbietern und finden Sie das beste Angebot.

Umfrage

Welche Eigenschaft macht am ehesten einen guten Lehrer aus?






Umfrage

Was halten Sie von der Audioqualität der digitalen Musik?




Umfrage

Wie stehen Sie zu Schönheitsoperationen?




Promotion

Kostenlose Ebooks

Laden Sie in unserem Weiterbildungs-Channel kostenlos Ebooks herunter.

Marktplatz

Vergleichsdienst

Jetzt wechseln

Finden Sie in nur fünf einfachen Schritten die optimale Fahrzeugversicherung.

Publireportage

Genusswelt

Besuchen Sie unsere Genusswelt und entdecken Sie die Welt des Genuss!