Alpinismus

Der Wächter des Matterhorns

Seit über 15 Jahren ist Kurt Lauber Hüttenwart der Hörnlihütte am Fuss des Matterhorns. Jetzt hat er ein Buch über seine Erfahrungen geschrieben. Der TA bringt exklusiv einen teilweisen Vorabdruck.

Ausgangspunkt für die Besteigung des berühmten Berges: Die Hörnlihütte am Matterhorn, 3260 Meter über Meer.

Ausgangspunkt für die Besteigung des berühmten Berges: Die Hörnlihütte am Matterhorn, 3260 Meter über Meer. Bild: Kevin Lauber

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Die Hörnlihütte ist der legendäre Ausgangspunkt für die Besteigung des Matterhorns. Kurt Lauber ist dort Hüttenwirt, und zwar schon seit über 15 Jahren. Lauber ist aber vor allem auch Bergretter. Manchmal kann es 17 Stunden dauern, bis verletzte oder tödlich verunglückte Alpinisten geborgen sind, manchmal geht es darum, unvorsichtige Touristen vom Berg zu holen.

Lauber hat seine Erlebnisse in einem Buch zusammengefasst, das in diesen Tagen erscheint. Er erzählt von Italienern, die ein Lungenödem vortäuschen, um mit dem Heli abgeholt zu werden; von einem seltsamen Modephänomen bei den Steigeisen; und von einem Felssturz, der zur grössten Rettungsaktion in der Geschichte des Matterhorns führte.

1. Der höhenkranke Italiener

Gegen 16 Uhr klingelte mein Handy. «Es ist ein Alarm vom Matterhorngipfel eingegangen. Zwei Italiener. Einer meldet, er sei höhenkrank und könne nicht mehr absteigen.» Der Gipfel war vollständig im Nebel eingehüllt. Eine Direktrettung mit dem Heli war nicht möglich. «Verbindet mich bitte mit den Italienern, ich würde gerne selber mit ihnen sprechen.» Einer erklärte mir, sein Freund habe ein Lungenödem und könne unmöglich absteigen: «Wir brauchen einen Helikopter!»

Ich versuchte ihm die Wettersituation zu erklären: «Solange der Nebel am Gipfel hängt, können wir euch nicht ausfliegen. Der Heli kann uns bis zur Nebelgrenze auf 4200 Meter fliegen. Von dort kommen wir euch zu Fuss entgegen.» Der Italiener hielt das für keine gute Idee: «Mein Freund kann nicht absteigen, er will mit dem Heli runtergeflogen werden.» Langsam wurde ich ungehalten: «Es kommt nicht darauf an, was ihr wollt, sondern was möglich ist!»

Einer sass auf dem Schneegrad, der andere lag im Schlafsack

Die Situation war schwierig, denn solange ich den Patienten nicht sah, konnte ich nicht mit Sicherheit sagen, wie gefährlich die Lage war. Mein Gefühl sagte mir jedoch, dass der Alpinist nicht in Lebensgefahr war. Ihnen war klar, dass sie es bis zur Hütte nicht mehr schaffen und ihnen eine Übernachtung am Berg bevorstand. Was wäre also einfacher, als ein Höhenödem vorzutäuschen. Im Nachhinein ist ein Lungenödem nur schwer nachweisbar. Und der komfortabelste Weg zurück ist das Lufttaxi – bezahlt von der Versicherung. So weit meine Vermutung, aber dennoch konnte ich einen wirklichen Notfall nicht ausschliessen. Ich forderte einen Heli an und organisierte drei weitere Bergführer aus unserem Rettungsteam.

Wir flogen in Zweierteams bis auf 4200 Meter. Hier befand sich die Nebeluntergrenze, höher ging es nicht. Zu Fuss stiegen wir weiter. Am Gipfel angekommen, erblickten wir die beiden: Einer sass auf dem Schneegrat, der andere lag neben ihm im Schlafsack. Ich sah mir den im Schlafsack Liegenden genauer an. Schnell war klar, dass es sich um nichts Ernstes handelte. Die beiden wollten aber unbedingt mit dem Heli zurücktransportiert werden. «Die Sichtverhältnisse sind schlecht. Wir müssen erst eine oder zwei Stunden absteigen. Dann können wir zur Hütte fliegen.»

Befürchteten die Italiener, die Versicherung würden den Einsatz nicht zahlen?

Wir forderten sie auf, sich schnell bereitzumachen, denn bald würde es dunkel, aber sie reagierten nicht. Da beförderte Urs den einen aus dem Schlafsack und stellte ihn auf die Beine. Richi und ich nahmen den zweiten Bergsteiger ans Seil und schickten ihn voraus. Er wurde von Richi am Seil gesichert, dann kam ich als Dritter und Letzter unserer Seilschaft. Mit dieser Methode stiegen wir relativ schnell und sicher ab.

Etwas unterhalb der Schulter hatten wir wieder freie Sicht und sahen 1000 Höhenmeter unter uns die Hörnlihütte. Ich funkte den Piloten an, der dort wartete. «Wir sind auf 4100 Metern. Es ist freie Sicht. Ich sag Bescheid, sobald wir abholbereit sind.» Auch den beiden Italienern teilten wir unser Vorhaben mit. Doch die waren plötzlich von der Idee mit dem Flugtaxi gar nicht mehr begeistert. Hatten sie eingesehen, dass die Höhenkrankheit nicht glaubwürdig war? Befürchteten sie nun, ihre Versicherung könnte diesen Einsatz nicht übernehmen?

Der «Höhenkranke» wurde untersucht

Genau so war es. Die beiden wollten nun, dass wir sie zu Fuss zurück zur Hütte führten. Sie dachten, das wäre billiger. Weit gefehlt! Weil wir für den weiteren Abstieg gut drei Stunden benötigten, würde die ganze Aktion noch teurer werden. Ausserdem mussten meine Bergführerkollegen am nächsten Morgen mit ihren Kunden wieder aufs Matterhorn.

Wir machten alles bereit für den Abtransport. Zuerst zog Dani mit der Winde unsere beiden Patienten an Bord und brachte sie zurück zur Hütte. Der «höhenkranke» Italiener wurde vom Flugarzt untersucht. Nichts deutete auf eine ernsthafte Erkrankung hin.

2. Geteiltes Steigeisen-Paar

Bergführer haben sicher eine grosse Vorbildfunktion, von ihnen kann man eine Menge lernen. Dass es dabei manchmal auch etwas zu weit gehen kann, erfuhr ich vor ein paar Jahren: Ich stieg mit einem Gast vom Matterhorngipfel ab, als uns mein Kollege Thomas, Spitzname Turbo, mit seinem Gast am Seil entgegenkam. Mein Blick fiel auf seine Bergschuhe. Links trug er nur ein Steigeisen. Sein Gast hingegen trug nur eins am rechten Schuh.

«Mein Kunde hat seine Steigeisen vergessen. Leider haben wir das zu spät bemerkt, deshalb teilen wir uns nun mein Paar», erklärte Turbo. Gut, dachte ich, zur Not kann man das mal machen. Kurz darauf begegnete ich weiteren Bergführern. Die meisten kannte ich vom Sehen, sie stammten aus Frankreich, Deutschland und Österreich. Ich traute meinen Augen nicht: Alle waren nur mit einem Steigeisen unterwegs! Es kann doch nicht sein, dass heute alle ihre Steigeisen in der Hütte vergessen haben. Also hielt ich an und fragte nach: «Wo habt ihr denn das zweite, fehlende Steigeisen?» «Im Rucksack.»

Die Antwort kam so prompt, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt, dass man sein zweites Steigeisen im Rucksack mit sich herumschleppt. Ich hakte nach und wurde aufgeklärt: «Ein einheimischer Bergführer wendet diese neue Methode hier am Matterhorn an, und wir wollen das jetzt auch mal ausprobieren.»

3. Der Berg bröckelt

Seit Jahrzehnten merken wir, es wird immer wärmer. Der Jahrhundertsommer 2003 übertraf jedoch bei weitem alles. Seit Wochen hatten wir schönes, trockenes und warmes Wetter. Dadurch nahm die Steinschlaggefahr stark zu. Sogar auf der Hütte hörte man den Steinschlag bei Tag und in der Nacht. Die Berge erwachten zum Leben. Es war Mitte Juli und die Saison in vollem Gange: Wir hatten achtzig Gäste, die den Hörnligrat in Angriff nehmen wollten. Um vier Uhr verliessen die Bergsteiger die Hütte. Gegen acht Uhr morgens dann: ein ohrenbetäubender Lärm! Ich belud gerade Heli-Netze, als ich Felsblöcke sah, gross wie Autos, die die Ostwand hinunterstürzten und eine riesige Staubwolke nach sich zogen. Das war kein normaler Steinschlag mehr. Das war ein Felssturz!

Minuten später, als sich der Staub verzogen hatte, suchte ich mit dem Fernglas den Berg ab. Im oberen Teil des Zweiten Couloirs konnte ich einen etwa 40 bis 50 Meter breiten Ausbruch erkennen. Bergsteiger sah ich zum Glück keine in der Nähe. Sie waren schon viel weiter oben unterwegs. Da sich der Felssturz nicht irgendwo neben der Route ereignet hatte, sondern exakt darauf, hätte es zu einem anderen Zeitpunkt fatale Folgen haben können.

«Der Abstieg ist lebensgefährlich!»

Es war zehn Uhr, als sich mein Funkgerät meldete. Gianni, ein einheimischer Bergführer, berichtete: «Wir sind am Hörnligrat, 50 Meter oberhalb des Zweiten Couloirs. Ein grosses Stück Fels ist rausgebrochen.» Er sei bis zum Ausbruch abgestiegen und habe sich die Stelle genau angesehen: «Der Fels ist aufgerissen und von der bisherigen Route ist nichts mehr zu sehen. Es besteht die Gefahr, dass noch mehr Gestein ausbrechen könnte. Der Abstieg ist lebensgefährlich!» Dieser Teil der Route liess sich aber nicht umgehen. Es gab daher keine andere Möglichkeit, als ihn und seinen Gast mit dem Heli auszufliegen.

Sobald die nächsten Bergsteiger an die Gefahrenstelle kamen, würden sie es ihm wahrscheinlich gleichtun. Einige Bergsteiger würden vielleicht trotz der Steinschlaggefahr versuchen, ihren Weg im Zweiten Couloir fortzusetzen, und sich dabei in Gefahr begeben. Schliesslich entschied ich, zuerst Gianni und seinen Gast auszufliegen. Dann wollte ich mir die Situation vor Ort ansehen.

Eine Seilschaft nach der anderen wurde aus dem Berg geflogen

Bereits im Anflug sah ich, dass bei Gianni auch schon Urs mit seinem Gast auf uns wartete. Der Heli flog das Quartett zurück zur Hütte. In der Zwischenzeit schaute ich mir die «Baustelle» mal genauer an. Tatsächlich war dort alles in Bewegung und nicht auszuschliessen, dass noch mehr Fels ausbrach. Man konnte das Couloir nicht mehr wie üblich queren. Es gab aber die Möglichkeit, dem Grat folgend abzusteigen. Nur: Gefahrlos war auch das nicht. Und nun, nachdem wir schon einheimische Bergführer ausgeflogen hatten, gab es keine Alternative mehr. Damit war die Notwendigkeit gegeben, und ich musste eine Entscheidung treffen, die ausnahmslos für alle galt: Alle siebzig Bergsteiger mussten vom Hörnligrat evakuiert werden. Ich forderte einen zusätzlichen Helikopter an.

Wir teilten den Hörnligrat in zwei Sektoren auf. Den Sektor vom Zweiten Couloir bis zur Alten Hütte übernahmen wir, um den oberen Bereich bis zum Gipfel kümmerte sich die zweite Crew mit Urs am Seil. Eine Seilschaft nach der anderen wurde aus dem Berg geflogen. Noch während wir evakuierten, trafen Journalisten im eigenen Hubschrauber ein. Sie fotografierten und filmten die ganze Aktion aus der Luft. Zwei Stunden später trafen lokale und kantonale Experten ein, um sich ein Bild von der dramatischen Lage zu machen. Die erste Massnahme war die Sperrung des Hörnligrats – vorerst für drei Tage. Die Meldung ging um die Welt. Alle Bergsteiger hatten ihre Reservierungen annulliert. Im Minutentakt klingelten Hüttentelefon und Handy. «New York Times», «London Times», viele andere europäische Zeitungen, Radiosender und Fernsehanstalten baten um Interviews. Alle wollten vor allem eins wissen: Wann bricht das Matterhorn endgültig zusammen? (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 01.04.2012, 06:38 Uhr

Kurt Lauber
Der Autor wurde 1961 geboren, ist Skilehrer, Bergführer, Hubschrauberpilot und Rettungsspezialist. Er arbeitet seit 1995 als Hüttenwart auf der Hörnlihütte am Matterhorn. (Bild: PD)

Kurt Lauber / Sabine Jürgens, «Der Wächter des Matterhorns», Droemer/Knaur, 248 Seiten, ISBN 978-3-426-27573-3.

Der Wächter des Matterhorns

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