Der Weg der «verrückten Tedeschi»

Der Sentiero alpino Calanca ist eine spektakuläre, 38 Kilometer lange Etappenwanderung. Er ist das Werk von Deutschschweizern, die anfänglich in Südbünden auf Skepsis stiessen.

Trittsicherheit vorausgesetzt: Aufstieg durch das Val Largé zur Alp Trescolmen. Foto: Richard Diethelm

Trittsicherheit vorausgesetzt: Aufstieg durch das Val Largé zur Alp Trescolmen. Foto: Richard Diethelm

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In der Auriglia-Schlucht stehen wir am Fuss einer Metallleiter. Sie führt senkrecht aus einem tief eingeschnittenen Bachbett hinaus. In diesem Augenblick beglückwünschen wir uns zum Entscheid, den Sentiero alpino Calanca von Süden nach Norden und nicht wie der überwiegende Teil der Berggänger von Norden her zu begehen. Ein Prospekt über den Höhenweg hat darauf hingewiesen, «dass mit dieser Routenwahl die meisten der ausgesetzten, mit Ketten und Leitern gesicherten Stellen im Aufstieg bewältigt werden». Wer im Bergdorf Santa Maria am südlichen Ausgang des Calancatals zur 38 km langen Tour aufbricht, muss in den Aufstiegen allerdings 650 Höhenmeter mehr bewältigen, als wenn man den Sentiero im ­Ferienort San Bernardino beginnt.

Wie gut es um unsere Fitness bestellt ist, erfuhren wir am Vortag beim Einstieg in den etappierten Höhenweg. Oberhalb von Santa Maria verläuft der Bergpfad im Zickzack immer steiler auf Pian di Renten hinauf. Die verlassene Alp liegt 1000 Meter höher als der Ausgangspunkt. Blühende Paradieslilien am Wegrand und uralte Lärchen in Alpenrosen-Teppichen liessen uns den Schweiss vergessen, der aus allen Poren rann.

«Im Rifugio steht gewiss ein kühles Bier für uns bereit», scherzte mein Begleiter und räusperte seine durstige Kehle. Welch Überraschung, als wir in der Selbstversorgerhütte Alp di Fora tatsächlich Bier, Wein und Softdrinks vorfanden. Das Geld dafür schluckt eine an der Wand befestigte Kasse. Seit 1999 nutzt der Verein Associazione Sentieri Alpini Calanca (ASAC) diese ehemalige Unterkunft für Bauarbeiter, die Lawinenverbauungen errichtet haben. Die ASAC schuf den Höhenweg, der sich an die steilen Flanken der Bergkette zwischen den südbündnerischen Tälern ­Calanca und Misox schmiegt.

Die Metallleiter in der Auriglia-Schlucht ist nicht die einzige Schlüsselstelle der Sentiero-Etappe Alp di Fora bis Capanna Buffalora. Nach einem strengen Winter sind Runsen im Frühsommer noch mit Schnee gefüllt. Nordwestlich des Piz della Molera fällt eine dieser Runsen so steil ins Calancatal ab, dass man sich keinen Ausrutscher erlauben darf. Der Schnee kann am Morgen nach einer sternenklaren Nacht gefroren sein. Wir haben Glück und passieren die Stelle am späten Vormittag im bereits aufgeweichten Schnee. Die Wanderstöcke geben genügend Halt; der Eis­pickel bleibt auf dem Rucksack angeschnallt.

Waghalsiges Unternehmen

Seit 1982 ist der Sentiero alpino Calanca von San Bernardino bis Santa Maria ­begehbar. Ihn anzulegen, war im doppelten Sinn ein waghalsiges Unternehmen. Die Initiative zum Bau des Höhenwegs hatte ein Baselbieter ergriffen, dem das Calancatal als Besitzer eines dortigen Ferienhauses ans Herz gewachsen war. Der früh pensionierte Chemiker Wilfried Graf zog anfänglich allein mit Pickel und Fuchsschwanz los, um zugewachsene Bergwege freizulegen. Später organisierte er im Sommer Lager mit Dutzenden Freiwilligen: Jugendliche aus den Niederlanden und Spanien ohne Bergerfahrung bauten an dem Weg über bodenlosen Abgründen.

Zuvor hatten zwar Übergänge zwischen dem Misox und dem Calancatal existiert, aber es gab keinen Weg entlang der Bergkette. «Graf erkundete die machbaren Passagen im steilen Gelände, obschon er kein Alpinist im engeren Sinn war», sagt das langjährige Vorstandsmitglied der ASAC, Urs Kaspar. Er ist tief beeindruckt von der Willenskraft und dem Vorstellungsvermögen des heute 93-jährigen Pioniers.

Waghalsig war das Unternehmen Grafs aber auch, weil die einheimische Bevölkerung lange Zeit kein Verständnis aufbrachte, von Unterstützung für dieses Deutschschweizer Projekt ganz zu schweigen. «Im Calancatal hielten sie uns wegen des Höhenwegs für ‹verrückte Tedeschi›», erinnert sich Kaspar. Allmählich erfahre der Verein von Calancinern jedoch Anerkennung «für das, was wir machen und zustande gebracht haben». Der Zürcher Oberländer Kaspar war in der ASAC anfänglich für den Wegunterhalt zuständig. Seit vielen Jahren tragen er und seine Ehefrau Lisbeth die Verantwortung für die vereinseigene Buffalora-Hütte.

Die Capanna Buffalora ist die einzige bewartete Hütte und der Angelpunkt des Sentiero alpino Calanca. Unter der Tür der kürzlich von Grund auf erneuerten und erweiterten Hütte empfängt uns Barbara Iseli mit einem Glas Früchtetee. Die gebürtige Emmentalerin und ihr ­Lebenspartner, der Stadtzürcher Daniel Regenass, sammeln erste Erfahrungen als Hüttenwarte. Die ASAC stellt jeweils im Juli und August ein Paar zur Bewartung an; in der Vor- und Nachsaison bewirten Freiwillige die Gäste und halten die Unterkunft in Schwung. «Hüttenwart ist ein Knochenjob», betont Barbara Iseli. Dennoch betreut sie gern Gäste der in einem parkähnlichen Lärchenwald gelegenen Hütte. «Berggänger, die hierherkommen, sind in einer freudigen Stimmung. Viele suchen Harmonie in der freien Natur.»

Wer die nächste Etappe von der Capanna Buffalora zum Rifugio Pian Grand in einem Tag bewältigen will, muss ausdauernd sein. Die 8 bis 9 Stunden Gehzeit, die der ASAC-Wanderführer veranschlagt, sind nicht übertrieben. Wir beschliessen daher, am Morgen des dritten Tags die malerische Umgebung der Buffalora-Hütte zu erkunden. Am Nachmittag bewältigen wir dann nur die halbe Etappe bis zum Rifugio Ganan. Unterwegs bleibt somit Zeit, die besondere Stimmung am herzförmigen Lagh de Calvaresc einzufangen. Auf den «Bergsee für Verliebte» folgt ein kraftraubender Anstieg mit wiederum ausgesetzten Stellen auf den Piz Ganan.

Dort lassen wir die bewaldeten Talkessel und saftig grünen Alpweiden im Süden hinter uns und stossen in eine von Geröll, Fels und Schnee geprägte Mondlandschaft vor. Mitten im weiten, kargen Halbrund liegt das Rifugio Ganan. Unter der Falltür der alpinen Notschlafstelle wartet allerdings keine Hüttenwartin mit Willkommenstee auf Gäste. Stattdessen versperren aufdringliche Schafe den Zugang zum umzäunten Biwak. Es ist spartanisch eingerichtet, bietet jedoch das Allernötigste für ein Nachtlager.

Verlassene Alpen

Am nächsten Morgen umgehen wir in luftiger Höhe die Bergkette des Piz Largé. Der Blick hinunter ins Calancatal raubt einem den Atem: Im freien Fall auf die Hausdächer des Weilers Salüdin wären es 1100 Meter. Festeren Boden unter den Füssen gibts erst wieder auf dem Hangweg im Val Largé. Die Alp Trescolmen am Ende dieses Seitentals im oberen Calancatal zeugt vom Niedergang der einheimischen Berglandwirtschaft. Die kunstvoll aus Natursteinen errichteten Alpgebäude zerfallen. Kein Schaf, keine Ziege und kein Rind rupft das kräftig spriessende Gras. Es sind nur noch Berggänger, die den türkisfarbenen Lagh de Trescolmen aufsuchen und ihre verschwitzten Füsse im eiskalten Schmelzwasser kühlen.

In der Luftlinie gemessen, liegt das Tagesziel, das Rifugio Pian Grand, nur 1,9 Kilometer vom Ufer des Bergsees entfernt. Aber dazwischen türmt sich der höchste Übergang des Sentiero alpino auf. Der Aufstieg zur 2541 hohen Cresta de la Bedoleta ist in den letzten, mit Ketten gesicherten Windungen schwindelerregend. Der Lohn für diese Plackerei ist ein wuchtiges Panorama, aus dem der Piz Tambo, das Rheinwaldhorn und andere Dreitausender herausragen. Von der Cresta de la Bedoleta zu den zwei Dreieckshütten im Gebirgskessel Pian Grand scheint es nur noch ein Katzensprung zu sein. Aber wir müssten behände wie Katzen sein, um über die Schroppen hinunterzuhüpfen, ohne ­dabei zu stürzen.

Entschleunigungstherapie

In der Buffalora-Hütte hatte man uns vorgewarnt, das Rifugio Pian Grand sei für die bevorstehende Nacht stark belegt. Zum Glück sind just an diesem Tag Sepp und Regina Bollhalder von der ASAC aus ihrer Toggenburger Heimat angereist, um in der Selbstversorgerhütte nach dem Rechten zu schauen. Und wir dürfen uns Schlafplätze in der neueren und geräumigeren Holzhütte aussuchen. Der 71-jährige Sepp Bollhalder trägt als Freiwilliger seit 19 Jahren die Verantwortung für diese Unterkunft. In der Hochsaison des Sentiero steigt das Ehepaar einmal pro Woche zu Fuss aus dem 1000 Meter tiefer gelegenen Talboden hinauf zur Pian Grand. «Es ist für uns eine Therapie, um das Leben zu entschleunigen», sagt Sepp Bollhalder.

Drei bis fünf Etappen auf dem Höhenweg in der Abgeschiedenheit der Südbündner Berge zu verbringen, ist tatsächlich ein geeignetes Mittel, um der Hektik des Alltags im Unterland zu entfliehen. Auf dem letzten Kilometer vor dem Ziel San Bernardino werden wir ­allerdings brutal in die Zivilisation zurückversetzt. Wenige Meter neben dem Wanderweg donnert die Verkehrslawine der Autobahn durchs Tal.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 29.04.2015, 23:15 Uhr

Tipps und Informationen

Die Saison beginnt schon bald

Ausdauernde und trittsichere Bergwanderer können den Sentiero alpino Calanca von Juli bis September in der Regel gut begehen. Im Frühsommer und im Herbst ist dagegen mit Schnee oder Eis an abschüssigen Stellen zu rechnen, die Steigeisen und Pickel erfordern. Auskunft über den aktuellen Wegzustand erhält man in der von Juni bis Ende Oktober bewarteten Buffalora-Hütte (Tel. 091?828?14?67 oder 079?772?45?13) und auf der entsprechenden Website. Sie enthält zudem einen guten Routenbeschrieb für den Sentiero.

Übernachtungen in allen Hütten und Biwaks am Weg müssen unter der Buffalora-Nummer reserviert werden. In den drei Selbstversorger-Unterkünften gibt es Gas­kocher, Geschirr, Wolldecken und Matratzen sowie – zumindest in der Nähe – Trinkwasser. Die Ausgangspunkte für die mehrtägige Höhenwanderung, Santa Maria und San Bernardino, sind mit öffentlichen Verkehrsmitteln erschlossen. (di)

www.sentiero-calanca.ch

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