Die Götterdämmerung von Andermatt

Seit einem Monat ist das Chedi geöffnet. Der Hoteltester Karl Wild hat das Luxusresort exklusiv für den «Tages-Anzeiger» getestet. Teil eins der Trilogie.

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Andermatt. Der Name weckt Erinnerungen, die längst im Dunkel des Vergessens versunken zu sein schienen. Es sind Erinnerungen daran, wie wir als blutjunge Gebirgsgrenadiere irgendwo im Gotthardmassiv scharfe Hohlpanzergranaten auf unsere Sturmgewehre pflanzten, die Geschosse über eine Talsenke knallten und im gegenüberliegenden Berghang explodieren liessen.

Hier, am Gotthard, würden wir den Gegner mit unseren Panzergranaten überraschen und vernichten, erklärte uns der Kompaniekommandant, der mehrmals am Tag vom Ernstfall schwafelte. Seine Augen leuchteten jeweils dabei. Der Gotthard sei Endstation für die stählernen Ungeheuer auf Raupen, die unweigerlich und schon bald aus der Sowjetunion, womöglich gar aus China, auf unser friedfertiges Land zugewalzt kämen. Wer den Gotthard hat, hat die Schweiz, war das Mantra des Kadis. Neben mir im Dreck lag ein gewisser Hanspeter Danuser. Der junge HSG-Student verteidigte den Gotthard mit eindeutig mehr Überzeugung als ich und handhabte auch Gewehr und Panzergranaten entschieden besser. Er brachte es entsprechend weit und quittierte den Dienst später als Oberst. Bemerkenswerterweise war er nie ein Militärkopf. Meine militärische Laufbahn dagegen endete vorzeitig als schlichter Gebirgsgrenadier.

Das einzige kleine Highlight dieser militärischen Zwangsaufenthalte war der abendliche Ausgang.

Danuser legte dann in der Tourismusbranche eine der glanzvollsten Karrieren hin. In über drei Jahrzehnten pushte er die Marke St. Moritz zum Global Brand und zur bekanntesten Feriendestinationsmarke schlechthin. Er holte für den Engadiner Nobelkurort über zehn Millionen Franken an Lizenzgebühren herein und wurde dann, kurz vor der Pensionierung, von den Neidern stillos entsorgt. Heute, drei Jahre später, hat St. Moritz 25 Prozent Logiernächte weniger. Das liegt nicht nur, aber auch am Fehlen der exzellenten Beziehungen und Kontakte, die der letzte grosse Kurdirektor der Schweiz rund um den Globus aufgebaut hatte. Doch das ist eine andere Geschichte. Verlor ich später einen Gedanken an Andermatt, was äusserst selten vorkam, stieg mir unweigerlich der Geruch von Armeeproviant in die Nase. Von geschmackloser Militärschokolade, fadem Käse, staubtrockenen Weinbeeren und drittklassigen Konserven. Von Schweiss, Gülle und Kuhmist. Das einzige kleine Highlight dieser militärischen Zwangsaufenthalte war jeweils der abendliche Ausgang. Als Gäste waren wir in den Kneipen namens Löwen, Schlüssel und Bergidylle zwar kaum geschätzt, dafür umso mehr als Umsatzbolzer. Denn das Bier floss in Strömen. Und die Zigarettenautomaten leerten sich so schnell, wie sich die tellergrossen Aschenbecher füllten. Beliebteste Zigarettenmarke war die Gauloise blau ohne Filter, das Päckli zu 1.20 Franken.

Dass es anschliessend im Massenlager, Kantonnement genannt, geradezu unbeschreiblich stank, liegt auf der Hand. Glücklich, wer früh einschlief und spät erwachte. Wer das nicht schaffte, musste auf dem nächtlichen Weg zur Toilette und wieder zurück ein beispielloses Konzert von undefinierbaren Tönen über sich ergehen lassen. Am leichtesten auszumachen waren Schnarchen, Ächzen, Brummeln, Grunzen, und Furzen.

Die Wirte brauchten bloss die Hand aufzuhalten.

Nachdem ich ausgemustert worden war, vergass ich Andermatt. Selbst in meinen wirrsten Träumen wäre ich nie auf die Idee gekommen, dieses Kaff am Fuss von Gotthardmassiv und Oberalppass je wieder aufzusuchen. Zumindest nicht freiwillig. Als der Andermatter Bernhard Russi kurz nach meiner militärischen Leidenszeit Ski- Weltmeister und -Olympiasieger wurde, verlieh das dem Ort vorübergehend einen Hauch von Glanz. Doch auch Russi ist dann rasch ins Unterland abgehauen. Das Einzige, das ich von Andermatt aus der Distanz noch mitbekam, war der Absturz in die Bedeutungslosigkeit. Das böse Erwachen der Einheimischen, als sich die Armee nach dem Ende des Kalten Krieges aus der Alpenfestung zurückzog. Man hatte gut gelebt von den anspruchslosen Soldaten, die abends die Beizen füllten. Die Wirte brauchten bloss die Hand aufzuhalten. Mühe geben mussten sie sich nicht. Die ebenso komfortable wie gefährliche Situation hatte dazu geführt, dass Andermatt die touristische Entwicklung komplett verschlafen hatte. Neben den paar rudimentären Restaurants gab es knapp eine Handvoll Zwei- und Dreisternherbergen. Die einen waren renovationsbedürftig, die andern eine Zumutung. Um die Transportanlagen stand es kaum besser. Sind viele Skifahrer da, musst du warten, sind wenige da, wartest du auch, frotzelte man im Dorf. Die jungen Leute suchten ihr berufliches Glück im Unterland, Andermatt verfiel in eine kollektive Depression. Wovon sollte man jetzt leben?

Und dann das! 2005 flog der ägyptische Investor Samih Sawiris über das Tal – und war begeistert. Der Chef der Orascom, die auf Entwicklung, Bau und Betrieb von Tourismusdestinationen spezialisiert ist, ortete in Andermatt ein gewaltiges Potenzial. Sawiris’ Vision, die von Bundesrat, Urner Regierungsrat und schliesslich von den Einheimischen mit über 90 Prozent Ja-Stimmen gutgeheissen wurde: ein Resort mit sechs Hotels, 490 Appartements, 25 Villen, Kongresseinrichtungen, Schwimmbad und einem 18-Loch-Golfplatz. Zudem sollten die Skigebiete Andermatt und Sedrun zusammengelegt werden. Kosten total: 1,8 Milliarden Franken. Und im Mittelpunkt sollte, als Glanz- und Anziehungspunkt des Resorts, nicht irgendein Hotel stehen, sondern The Chedi.

Ein Chedi in Andermatt? Das wirkte auf mich im ersten Moment so unwirklich, als hätten Gunter Sachs und Brigitte Bardot in den späten Sechzigern ein Wohnheim der Heilsarmee als gemeinsame Bleibe erkoren. Denn wer die beiden Chedis auf Bali und das Chedi Muscat in Oman kennt, weiss: Chedis sind keine Hotels im herkömmlichen Sinn, sondern Gesamtkunstwerke, in denen ein unvergleichlicher Lebensstil gepflegt wird. Von der Servicekultur ganz zu schweigen. Die ungemein raffinierte, gedämpfte Beleuchtung, für die die Chedis berühmt sind, erzeugt im Einklang mit der extravaganten Architektur ein unbeschreibliches Ambiente. Im Chedi Muscat ist die Stimmung nach Sonnenuntergang so friedlich wie zu Beginn der Schöpfungsgeschichte. Die Köpfe hinter der Chedi-Philosophie sind der Indonesier Adrian Zecha und der Schweizer Hans R. Jenni. Sie gründeten 1992 die General Hotel Management Ltd. (GHM) mit Sitz in Singapur. GHM legt Wert darauf, keine Kette zu sein, sondern eine kleine, feine Gruppe mit aussergewöhnlichen Unikat-Hotels. Derzeit zählen neben den vier Chedi-Hotels (inklusive Andermatt) zwei weitere Traumresorts auf Bali sowie je eines in Vietnam und Nordkorea zur GHM.

GHM-Mitbegründer Adrian Zecha ist einer der ganz grossen Visionäre in der weltweiten Luxushotellerie. Nachdem er schon beim Start der Regent-Hotels dabei war, setzte er 1988 mit der Gründung der Aman Resorts neue Standards in Sachen Luxus. Das erste Aman Resort, das Amanpuri in Phuket, ist seit 25 Jahren das schönste Ferienresort der Welt. Zechas Philosophie: kleine, elegante Hotels mit minimalistischem Ansatz bauen, Privacy und Stil hineinbringen und einen Service in Perfektion anbieten. Das war auch die Zauberformel für die Chedis und die andern vier GHM-Hotels und -Resorts.

Zechas Partner, der Bündner Hans R. Jenni, ist als Präsident und CEO der Gruppe operativ der starke Mann. Auch er hat eine farbige Karriere hinter sich. Nach der Hotelfachschule Lausanne heuerte er bei Peninsula an und war bei Shangri-La International und Mandarin Oriental tätig, bevor er die GHM gründete. Jennis rechte Hand ist seit kurzem der Zürcher Oberländer Hansjörg Meier. Er hat ebenfalls eine Menge Erfahrung in der internationalen Tophotellerie und lebt die Chedi-Philosophie so leidenschaftlich wie die beiden Gründer.

Ihr Urteil über Andermatt ist militärgeschädigt. Wie meines.

Jenni ist ein ausgesprochen medienscheuer Mann. Eines jedoch liess er sich zum Chedi Andermatt entlocken: «Unser Ziel ist es, ein exklusives und modernes Hotel zu schaffen, das die Schweizer Gastfreundschaft zelebriert und in dem jedes Detail so atemberaubend ist wie die Umgebung und die Berge selbst.» Das tönt vielversprechend, und so machen wir uns also auf ins erste Chedi in Europa. Im Unterschied zu den Schwesterhotels auf Bali und in Oman führt der Weg nach Andermatt nicht durch bezaubernde tropische Landschaften oder durch faszinierende Wüstengegenden, sondern über eine verschneite, kurvenreiche Strasse, die gegen Steinschlag und Lawinen geschützt ist.

Und dann bin ich also wieder in Andermatt. Erstmals nach so vielen Jahren. Und wenn ich schon mal da bin, kann ich vor dem Chedi-Besuch ja auch noch kurz durchs Dorf fahren. Den Schlüssel, den Löwen und die Bergidylle finde ich nicht mehr. Dafür haben sich ein paar kleine Hotels, die ich als Bruchbuden in Erinnerung hatte, ganz schön herausgeputzt. Wo einst das Restaurant Alte Apotheke stand, entdecke ich mit dem River House ein schmuckes neues Boutique-Hotel, und der Bären hat gar den Sprung in die Gourmetführer geschafft. Die touristische Entwicklung mit Hotelbauten begann hier nach 1850. Das Kurhaus Bellevue war das erste grosse Hotel von Andermatt und gehörte zu den «Musterhotels der Schweiz».

Fotoarchiv Xaver Bühlmann, Andermatt

Vor allem aber: Obwohl das Wetter nicht mitspielt, wirkt Andermatt zu meinem Erstaunen keinesfalls so elend, wie es das aufgrund meiner Erinnerungen eigentlich tun sollte. Bei weitem nicht. Es gibt Kurorte, die sind entschieden weniger attraktiv. Nicht nur in der Schweiz, auch in Österreich, Süddeutschland, Südtirol oder im französischen Savoyen.

Aber wie kommt es denn, dass so viele beim Thema Andermatt die Hände verwerfen? Vornehmlich Männer im fortgeschrittenen Alter? Weil sie dort zu den trostlosesten Jahreszeiten missmutig ihre militärischen Pflichtübungen absolvierten und nie auf den Gedanken kamen, je wieder zurückzukehren. Ihr Urteil über Andermatt ist militärgeschädigt. Wie meines.

Jetzt aber rein ins Chedi. Ganz so einfach wie in andern Hotels ist das freilich nicht: Weil in den ersten Tagen pausenlos Autos von Neugierigen vorfuhren und sich stauten, muss man sich nun als Hotelgast zu erkennen geben, ehe man zum Eingang mit dem Glasvorbau (kein altmodisches Vordach) vorgelassen wird. Blitzschnell wird das Gepäck ausgeladen, das Auto verschwindet in der Tiefgarage – und dann ist man drin im Hotel mit dem magischen Namen.

Lesen Sie morgen im zweiten Teil der Serie, wie Karl Wild von einem Gebäude umarmt wird und ein Gerätchen antrifft, das fast alles kann. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 14.01.2014, 11:35 Uhr)

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