Leben

Die letzten Delfine des Mekong

Von Nicole Ochsenbein. Aktualisiert am 20.02.2010

Ein Abstecher nach Kratie ist eine willkommene Abwechslung zur kambodschanischen Hauptstadt Phnom Penh. Das kleine Städtchen am Mekong lockt mit Expeditionen zu den bedrohten Irrawaddy-Flussdelfinen.

Und plötzlich ein seltsames Schnauben: Die Delfine zeigen sich ungern - und wenn, dann nur kurz.

Und plötzlich ein seltsames Schnauben: Die Delfine zeigen sich ungern - und wenn, dann nur kurz.
Bild: PD

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Tipps&Infos

Anreise: Nach Phnom Penh gibt es keine Direktflüge ab Zürich, man reist beispielsweise via Singapur oder Bangkok. Tickets ab rund 1600 Fr.

Unterkunft in Phnom Penh: Blue Lime Hotel: Schicker Sichtbetonbau hinter dem Royal Palace, DZ ab 40 Fr.. The Boddhi Tree del Gusto: Traditionelles Khmer -Design in einer Villa aus den 1930ern, DZ ab 15 Fr.

Zu den Delfinen: Die öffentlichen Busse nach Kratie fahren dreimal täglich bis 12 Uhr vom Busbahnhof in der Nähe des Zentralmarkts. Kosten: rund 6 Fr. Von Kratie zu den Delfinen: per Motorrad (5 Fr.) oder per Velo (2 Fr. pro Tag) nach Kampi. Die Bootsmiete für 1 Stunde inklusive Captain beträgt rund 9 Fr. Beste Zeit fürs Delfin-Beobachten ist der frühe Morgen oder kurz vor Sonnenuntergang.

Unterkunft in Kratie: Die Unterkünfte hier sind einfach, aber freundlich und meist sauber. Heng Heng II Guesthouse: inklusive grandiosem Mekong-Blick – und Insektenplage. DZ ab 7 Fr. Etwas südlich von Kratie liegt das Roka Kandal Lodge: Zwei romantische, traditionelle Holzhäuser auf Stelzen. DZ ab 12 Fr. Ebenfalls südlich von Kratie, in Chlong, befindet sich das Le Relais Hotel: Ein charmantes Kolonialhotel mit Pool. DZ ab 20 Fr.

Essen in Kratie: Red Sun Falling. Das Restaurant, das vom sympathischen Exzentriker Joe aus Chicago geführt wird, ist auch eine Bibliothek, in der man Secondhand-Bücher ausleihen und kaufen kann.

Phnom Penhs Ofenhitze ist ein Frühaufsteher, der Fahrtwind schon um sechs Uhr morgens schweisstreibend. Mein Motorbike-Fahrer im karierten Khmer-Tuch manövriert uns durch das Verkehrschaos. Eine halbe Million Motorräder gibt es in Kambodschas Hauptstadt. Auf eine kleine Honda passen im Schnitt zwei Erwachsene, ein Kleinkind plus abenteuerliches Transportgut wie eine Matratze oder ganze Garküchen.

Am Busbahnhof steige ich in den ersten Bus nach Kratie, der Heimat der letzten Irrawaddy-Flussdelfine. An Bord läuft ohrenbetäubender Khmer-Pop. Auf dem kleinen Bildschirm über dem Fahrer schlagen sich ein paar Männer die Köpfe blutig, Minen explodieren, Menschen werden zerfetzt - eine Mischung aus Bruce Lee und «Killing Fields». Mein Sitznachbar in schwarzen Polyesterhosen und säuberlich gebügeltem Hemd bietet mir ein hart gekochtes Ei an. Für die kommenden sechs Stunden unserer Reise gilt sein Interesse dem Gemetzel auf dem Bildschirm, während der Bus in Richtung Nordosten ruckelt.

Gut 80 Tiere leben noch hier

An uns vorbei flitzen lustige kleine Pferdekutschen, Reisfelder und Kautschukplantagen, alles in braunroten Staub getüncht. Der Mekong, der sich gemächlich gegen Süden wälzt, eine Uferpromenade, ein Markt, der verblasste Charme kolonialer Bauten und in der Ferne ein Hügel mit einem Tempel, in dem sieben alte Mönche leben - das ist Kratie. Ein beinahe charmantes Städtchen, in das sich bis vor kurzem höchstens ein paar Aussteiger verirrten.

Seit das kambodschanische Fischereiministerium und der WWF das Gebiet nördlich der Ortschaft zur Schutzzone für den bedrohten Irrawaddy-Delfin erklärt haben, ist das Städtchen zum Ausgangspunkt für Expeditionen zu den Flussdelfinen avanciert. Einst wimmelte es im Fluss von den Säugern. Heute sind es noch knapp 80. Stehnetze, illegale Fischereimethoden und nicht zuletzt das Regime des kommunistischen Diktators Pol Pot in den 70er-Jahren haben die Bestände dezimiert. Ihm fielen nicht nur zwei Millionen Kambodschaner zum Opfer, sondern auch unzählige Orcaella brevirostris: Sie wurden als lebendige Zielscheiben für Übungszwecke missbraucht, ihr Fettgewebe zu Brennsprit für Öllampen verarbeitet.

Auf dem Roller-Rücksitz von Sun, einem lokalen WWF-Mitarbeiter, geht es weiter nach Kampi. Zur Linken begleitet uns der Mekong, zur Rechten das fluoreszierende Grün der Provinz Kratie, darin eingebettet ein paar Häuser auf Stelzen.

Schnaubende Plattnasen

Im Dorf angekommen, steigen wir in einen schmalen Kahn, der uns über den Mekong schaukelt. Neun Dollar die Stunde kostet das Dolphin-Watching, das Geld wird unter den Bewohnern der umliegenden Dörfer aufgeteilt. Auf einem Boot nebenan starrt eine Handvoll Touristen wie gebannt aufs Wasser. Sie haben sich unter das winzige Sonnendach gedrängelt, den Zeigefinger am Auslöser der Kamera. Alle warten darauf, dass dem einen oder anderen Säuger die Luft ausgeht und er sich wohl oder übel einer Linse aussetzen muss.

Und dann ist da plötzlich ein seltsames Schnauben. Zwei Rückenflossen stechen aus dem Wasser, gefolgt von Rufen des Entzückens und von unzähligen missratenen Schnappschüssen, auf denen nichts weiter als die braune Mekong-Brühe zu sehen ist. Knapp eine Sekunde dauert der Spuk und, platsch - weg sind die Delfine wieder, abgetaucht in die Tiefen des Mekong. Nach rund zehn derartigen Flossenpräsentationen streckt ein Tier seinen Kopf aus der Suppe, der so platt ist, als wäre es mit grosser Wucht irgendwo dagegengeprallt.

Der erste Flussdelfin, so erzählt man sich, sei aus einem jungen Mädchen hervorgegangen. Ihr geldgieriger Vater vermählte sie mit einer Python, die er für einen betuchten Naturgott hielt. Doch in der Hochzeitsnacht verschlang der vermeintliche Deus die Braut. Die Eltern konnten dem Biest in letzter Minute den Bauch aufschlitzen und ihre Tochter retten, die sich vor lauter Scham einen Topf über den Kopf stülpte und in den Mekong sprang. Die Naturgötter hatten Mitleid mit der Gedemütigten und schenkten ihr ein neues Leben als Flussdelfin.

Im WWF-Büro in Kratie hängt ein Kanu an der Decke. «Mein eigener Mekong-Cruiser», erklärt Gordon Congdon, Süsswasserspezialist aus Washington D.C. An den Wänden hängen Fotos von Rückenflossen, die meisten tragen den Vermerk «dead». Die Flossen gelten als Identitätskarte der Delfine.

Geschwächtes Immunsystem

Congdon teilt sich das Büro mit Verné Dove, einer australischen Veterinärin, sie seziert tote Jungtiere. Die auffälligen schwarzen Flecken am Hals der Tierleichen werden von Bakterien verursacht und sind Indikatoren für ein schwaches Immunsystem. Dove führt dies auf die Verschmutzung des Mekong durch Pestizide, Malariakiller und Quecksilber zurück - Letzteres ein Produkt des Amalgam-Verfahrens, wie es zur Gewinnung von Gold in den laotischen Minen nördlich des Flusslaufs angewendet wird.

Immerhin: Wenn ich auf dem Display meiner Kamera das eine Bild maximal aufzoome, lässt sich irgendwo im Braun des Mekong eine verpixelte Flosse erkennen - eine, die den Vermerk «dead» noch nicht trägt.

Und plötzlich ein seltsames Schnauben: Die Delfine zeigen sich ungern - und wenn, dann nur kurz. Foto: PD (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 20.02.2010, 11:13 Uhr

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