Die tödliche Touristenattraktion in Laos

Eimer voller billiger Whiskys, Trinkspiele und ein verhängnisvoller Fluss: Im laotischen Vang Vieng starben im Jahr 2011 mindestens 27 junge westliche Touristen. Augenzeugen berichten.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Im vergangenen Jahr starben in der malerischen laotischen Provinz mindestens 27 Touristen – Tagesanzeiger.ch/Newsnet berichtete. Die jungen Leute fielen ihrem eigenen Trieb nach grenzenloser Freiheit zum Opfer – einer Freiheit, die sie in hemmungslosem Feiern im Städtchen Vang Vieng suchten. Der einst verschlafene 51'000-Seelen-Ort wird mittlerweile Jahr für Jahr von rund 170'000 westlichen Touristen heimgesucht. Sie geniessen den billigen lokalen Whisky und leicht erhältliche Drogen wie Marihuana, halluzinogene Pilze und Opium.

Zu den Hauptattraktionen gehört ein wenige Kilometer langer Abschnitt des Flusses Nam Song. Seit einigen Jahren hat sich dort das sogenannte «Tubing» etabliert. Dabei treibt man auf Lastwagenpneus auf dem Wasser. Ebenfalls beliebt sind Sprünge aus mehreren Metern Höhe in das trübe Wasser. Zusammen mit dem Alkohol- und Drogenkonsum ist das eine mitunter tödliche Kombination.

Schlechtes Karma im Fluss

Auch ausserhalb der Partymeile Vang Vieng haben die Eskapaden der Westler ihre Auswirkungen. Die traditionell orientierten Bewohner der umliegenden Dörfer können den Fluss nicht mehr nutzen, wie sie es gewohnt waren. Waschen, fischen, baden: all dies ist den Menschen vergangen, weil für sie die vielen Toten schlechtes Karma bedeuten. Ausserdem stossen sie sich an halbnackten, sturzbetrunkenen Westlern.

Tagesanzeiger.ch/Newsnet-Leser Stefan Meier (Name geändert) aus dem Kanton Zürich war im April dieses Jahres selbst für wenige Tage in Vang Vieng. Laos sei ein äusserst entspanntes Land. Doch was am Nam Song vor sich gehe, habe er in vergleichbarem Ausmass noch nirgends in der Region angetroffen.

Billiger Whisky, Animatoren, Trinkspiele

«Wenn man mit den gemieteten Pneus beim Einstieg zum Fluss ankommt, erwarten einen erst einmal zahlreiche Bars», erzählt er. Dort warteten billiger Whisky – meist in kleinen Eimern serviert – und Animatoren («allesamt Westler»), die Trinkspiele durchführten. «Wer keine Ahnung hat, wie das läuft, ist schon angetrunken, bevor er auf dem Fluss ist», so Meier. Wer die Fahrt dann endlich antrete, habe es noch lange nicht geschafft: «Kaum auf dem Fluss, folgen weitere Bars, die ihren potenziellen Kunden Seile zuwerfen und ebenfalls mit kostenlosen Willkommensdrinks locken.»

Gefährlich sei neben dem exzessiven Verhalten der Touristen die Unberechenbarkeit des Flusses. «Der Nam Song ist zwar nicht wild. Doch die Wasserstände variieren enorm von Jahreszeit zu Jahreszeit. Da landet ein Gebietsunkundiger schnell einmal auf einem Fels statt im tiefen Wasser.»

Zudem stellten die konkurrierenden Bars wilde Konstruktionen ins und ans Wasser: Schaukeln, Trapezschaukeln und Sprungtürme laden zur Waghalsigkeit ein. «Man fragt sich schon, weshalb die Behörden die Lage nicht strenger kontrollieren», sagt Meier. «Aber wahrscheinlich verdienen zu viele Leute dort zu viel Geld an dem Ganzen.»

«Schämte mich derart, dass ich wieder abreiste»

Auch in den Kommentaren zum Artikel meldeten sich einige Leserinnen und Leser, die das Treiben in Vang Vieng aus eigener Erfahrung kennen – und sie bestätigen die geschilderten Zustände. Cécile Mayor Brooker hat das «Tubing» selbst vor sechs Jahren ausprobiert – allerdings in nüchternem Zustand: « Das besoffen oder unter Drogen zu tun, ist purer Leichtsinn. Wie einige der vor allem jungen Touristen sich benommen haben, spottet jeder Beschreibung – und Kopfsprünge über trübem, unbekanntem Wasser sah ich auch.»

Mike Inderbitzin schreibt: «Seit einigen Jahren besuche ich Laos. Als ich gesehen habe, wie sich junge Westler in Vang Vieng aufgeführt haben, wurde mir schlecht und ich schämte mich für unsereins derart, dass ich nach nur einer Nacht wieder abreiste.»

Und Markus Bopp sieht Handlungsbedarf: «Wo in Vietnam dem Treiben wohl politisch Einhalt geboten würde, getraut sich im mausarmen Laos niemand einzugreifen. Und vermutlich verdienen sich ein paar Politiker und Lokalgrössen eine goldene Nase.» (ami)

(Erstellt: 04.07.2012, 22:18 Uhr)

Stichworte

Artikel zum Thema

Der Party-Fluss des Todes

Alkohol, Drogen und keine Kontrolle: Vang Vieng in Laos wäre nichts als ein weiteres Beispiel für die zerstörerische Kraft des Tourismus – wären da nicht die Dutzenden Toten jedes Jahr. Mehr...

«Hey, how you doing?»

Lukas Hofstetter hat an der Langstrasse ein Hostel eröffnet. Seit er im Langstars Backpacker aus aller Welt empfängt, hat der Reiseprofi keinen Tag mehr freigemacht. Mehr...

Thailand: Wasserfest bleibt trocken

Die traditionellen Neujahrsfeierlichkeiten werden von den Unruhen überschattet. Ganz nehmen liessen sich die Backpacker der Khao San Road die Wasserschlachten auf offener Strasse aber nicht. Mehr...

Service

Ihre Kulturkarte

Abonnieren Sie den Carte Blanche-Newsletter und verpassen Sie kein Angebot.

Werbung

Kommentare

Blogs

Blog Mag Uber-freundlich
Never Mind the Markets Droht die Balkanisierung Grossbritanniens?
Politblog Brexit – Viagra für die Flamme des Patriotismus

Weiterbildung

Kostenlose E-Books

Laden Sie in unserem Weiterbildungs-Channel kostenlos Ebooks herunter.

Die Welt in Bildern

Geht in sich: Ein Sadhu, ein heiliger Mann des Hinduismus, betet vor der jährlichen Reise zur Pilgerstätte Amarnath im nordindischen Jammu. (30. Juni 2016)
(Bild: Mukesh Gupta) Mehr...