Ganz am Ende der Welt, dort wo Russland anfängt
Von David Nauer. Aktualisiert am 20.02.2009 9 Kommentare
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Ferien auf Kamtschatka – das ist auch eine finanzielle Herausforderung. Allein der Flug aus der Schweiz via Moskau (insgesamt 12 Flugstunden) kostet gegen 2000 Franken. In der Gebietshauptstadt Petropawlowsk-Kamtschatski gibt es ein paar Mittelklassehotels. Doch das Hauptproblem ist der Transport. Nur die wenigsten Strassen auf Kamtschatka sind asphaltiert, meist braucht man mindestens einen Jeep, manchmal einen Helikopter, um sich fortzubewegen. Ohne organisierte Tour oder sehr gute Kontakte vor Ort kommt man da nicht weit. Dazu kommt die Sprachbarriere: Wer nicht Russisch kann, braucht fast einen örtlichen Übersetzer.
Auch Wandern ist ohne lokalen Führer schwierig: Das Kartenmaterial ist schlecht, Wegmarkierungen gibt es kaum. Bei dem unsteten Wetter kann man sich leicht verirren. Zudem besteht stets eine gewisse Lebensgefahr: Immer wieder werden Menschen von Bären angefallen.
Auf Kamtschatka hat sich deswegen eine kleine Tourismusindustrie entwickelt, die auf die Betreuung von Ausländern spezialisiert ist. Zu den Klassikern einer Kamtschatka-Tour gehört die Besteigung des Vulkans Avacha. Als Hausberg von Petropawlowsk-Kamtschatski ist er relativ leicht zu erreichen. Zudem bietet er ein volles Naturerlebnis. Ein weiterer Höhepunkt ist ein Helikopterflug in das Tal der Geysire. Bärenfreunde fliegen in den Sommermonaten ins Gebiet Kurilskoe-See, wo man Meister Petz von nah beobachten kann. Daneben gibt es viele andere Angebote: Lachsfischen, Schiffstouren, Besuche bei Ureinwohnern. Saison auf Kamtschatka ist in der Regel von Juni bis September.
In der Schweiz bietet unter anderem der Reiseveranstalter Globotrek (Tel. 031'313'00'10) professionell organisierte Kamtschatka-Touren an. Eine knapp dreiwöchige Reise kostet 7550 Franken. Inbegriffen sind sämtliche Flüge, Übernachtungen, Vollpension und Schweizer Reiseleitung. Zu den Höhepunkten der Tour gehören eine Stadtbesichtigung in Moskau und die Besteigung mehrerer Vulkane auf Kamtschatka. Nächster Starttermin: 3. August 2009. Auf Wunsch stellt Globotrek auch individuelle Touren zusammen.
Bergführer Oleg, ein schweigsamer Russe, runzelt die Stirn. Wir stehen an der Westflanke des Avacha-Vulkans, 1500 Meter über Meer. Zwei Stunden ist es her, seit wir unsere kleine Berghütte verlassen haben, und es regnet, schlimmer als die Sintflut. Vom Ozean her pfeift ein kalter Wind. Es ist hoffnungslos. «Umkehren», sagt Oleg. «Versuchen wir es morgen noch einmal.»
Durchnässt kommen wir im Basislager an. In der Küche dampft schon eine Suppe. Es gibt Poulet und Reis, Essiggurken und russischen Salami. Wandern auf Kamtschatka, das ist kein Spaziergang. Köchin Larissa weiss es und hält die Gruppe mit kräftiger Kost bei Laune. Der Hüttenwart zündet ein Feuer im Cheminée an, draussen tobt der Sturm. Als Oleg noch eine Flasche Wodka unter dem Tisch hervorzaubert, ist die Russland-Romantik perfekt.
Ein bunter Haufen
Nach einer Nacht im Schlafsack ist früh Tagwacht. Der Avacha-Vulkan liegt immer noch im Nebel. Langsam wie ein Karawanenführer geht Oleg los. Wir hintendrein. Wir – das sind ein britischer Manager und seine tschechische Frau, ein holländisches Ehepaar und ein Moskauer Beamter mit Sohn. Eine bunt zusammengewürfelte Gruppe. Übersetzerin Katja, eine Studentin mit grossen Augen, sorgt dafür, dass es keine Verständigungsprobleme gibt.
Der Brite lacht viel und neckt seine Frau, weil sie angeblich lieber auf die Malediven in die Ferien wollte. Stattdessen stapfen die beiden jetzt durch ein Schneefeld. Die Holländer sind richtige Vulkanfans, sammeln Gesteinsproben und fachsimpeln über Schutthaufen. Die beiden Russen trotten den Vulkan hoch, als wäre es ein Sonntagsspaziergang.
«Auf Kamtschatka gibt es keine Wege, es gibt nur Richtungen», sagen die Einheimischen. Der Aufstieg zum Avacha ist Beweis genug. Fast fünf Stunden gehen wir durch den Nebel. Über Geröllhalden, vorbei an bizarren Steinformationen, durch Bäche. Als wir schon am letzten Stück des Kegels sind, geschieht das Wunder: Es hellt auf. Die Sonne! Kamtschatka liegt im Nebelmeer, nur die Vulkanspitzen gucken raus, auf einer stehen wir selber. Noch eine Stunde bleibt bis zum 2741 Meter hohen Gipfel. Die letzten Schritte sind unerträglich schwer. Knöcheltief im Geröll, rutschen wir immer wieder zurück. Vom Gipfel wehen Schwefeldämpfe herab.
Als wir ankommen, faucht es wie in der Hölle. Der Boden am Kraterrand ist mal gelb, mal rot, mal schwarz. 250 Meter tief war der Krater einst. Beim letzten Ausbruch, 1991, füllte er sich mit Lava, die zu einer wilden Landschaft erstarrt ist.
Bevor das Wetter schlechter wird, und es wird bald wieder schlechter, mahnt Oleg zum Aufbruch. Den Rückweg bewältigen wir deutlich schneller. Die Schlacke hinunter rutscht es sich wie auf einer Rutschbahn.
Im Basislager wartet schon unser 6-WD-Gefährt der Marke Ural. Der sowjetische Klassiker ist eine Mischung aus Bus, Jeep und Panzer. Er bringt uns auf einer schaukelnden Fahrt, unter anderem durch ein Flussbett, in die Stadt.
Kamtschatka – das ist das Land von Feuer und Eis. Über 6000 Kilometer östlich von Moskau ragt die Halbinsel in den Pazifik. 29 aktive Vulkane gibt es, ewiges Eis und Gletscher. Urkräfte der Erde verschieben hier gewaltige Erdplatten um rund 80 Millimeter pro Jahr. An der Bruchstelle bricht Lava hoch. So ist die Halbinsel entstanden.
Kamtschatka ist auch das Land der unberührten Natur, der unberechenbaren Natur. Weniger als ein Mensch lebt hier pro Quadratkilometer. Fast zwei Drittel der Bevölkerung konzentrieren sich im Hauptort, Petropawlowsk-Kamtschatski, und seinem Umfeld.
Plattenbau im Niemandsland
Als wir am nächsten Tag mit den Helikoptern ins Tal der Geysire fliegen wollen, macht uns prompt das Wetter einen Strich durch die Rechnung. Die Mechaniker schrauben noch an den Motoren des sowjetischen MI-8-Helikopters herum. Aber die Berge im Hinterland sind wolkenverhangen, da ist kein Durchkommen. Wir müssen vom Helikopterstartplatz wieder abziehen. Es geht direkt zum Hafen. Eine Schiffsfahrt kann man bei jedem Wetter machen.
Kapitän Andrei empfängt bei Kaffee und Keksen, dann steuert er seinen Kutter durch die Bucht von Petropawlowsk-Kamtschatski. Eine Brise hat den Nebel weggeblasen, wir sehen die Schlote, die heruntergekommenen Fabriken, die grauen Plattenbauten in den Hügeln. Als Militärstützpunkt von den Zaren gegründet, als Militärstützpunkt von den Sowjets vergrössert, hatte Petropawlowsk-Kamtschatski nie die Chance, eine Schönheit zu werden. Hier war Grenzgebiet, der damalige Klassenfeind lebt nur einen Sprung über den Ozean weit entfernt. Bis Anfang der Neunzigerjahre war die Stadt – wie die ganze Halbinsel – Sperrgebiet für Ausländer. Selbst Sowjetbürger brauchten eine Sonderbewilligung.
Das ist vorbei. Ausländische Touristen können nach Lust und Laune durch Petropawlowsk-Kamtschatski stöbern. Ein Besuch auf dem Fischmarkt lohnt sich besonders. Roten Lachskaviar gibt es dort kiloweise zu kaufen.
Allein mit urtümlichen Tieren
Nach wie vor verboten ist der Zugang zu Wiljutschinsk, einer Kleinstadt, die ebenfalls an der grossen Bucht von Petropawlowsk-Kamtschatski liegt. Dort ist die russische Atom-U-Boot-Flotte stationiert. Wir aber sind nicht auf militärische Geheimnisse aus, sondern auf Tierbilder. Die Kathleen, Kapitän Andreis behaglich umgebautes Lotsenschiff, schippert nach Süden. Draussen zieht die unberührte Küste Kamtschatkas vorbei. Steil steigt das Ufer an. Kein Mensch weit und breit.
Das ist Meeressafari pur. Vor uns tauchen ein paar Schwertwale auf. Bedächtig ziehen sie ihre Kreise ums Boot, klatschen mit der mächtigen Schwanzflosse aufs Wasser. Hoch oben auf einem Felsen hockt ein Weissbrust-Seeadler. In einer Bucht spielen Seelöwen am Strand. «So sieht es aus, das Ende der Welt», sagt einer der Touristen. «Das ist nicht das Ende der Welt. Das ist der Anfang von Russland», korrigiert der russische Beamte, der daneben steht.
Plötzlich verstummt der Motor. Matrose Sergei holt eine Holzkiste hervor. Darin: spitzige Angelhaken an langen Nylonschnüren. Wir fischen. Der Ozean gibt her, was er vermag. Grüne, blaue, rote Fische – so gross wie Katzen. Ein Schlag mit dem Holzscheit, und sie sind tot. Wer Kamtschatka kennt, der ahnt es: In der Bordküche dampft schon die Fischsuppe.
Dieser Beitrag entstand teilweise mit der Unterstützung von Globotrek.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 20.02.2009, 09:39 Uhr
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9 Kommentare
Eigentlich hat mich dieser Artikel ziemlich enttäuscht. Immer ist es das gleiche, wenn jemand über Kamchatka schreibt oder eine Dok-Film dreht, wenn der Hausberg 'Avacha' bestiegen wird. Die Züricher machen auch kein Drama daraus, wenn sie auf den 'Uetliberg' steigen. Schade, dass Globotrek solche Werbung braucht - Fr. 7550 - happig für 'ne 0815 Standard Reise (bieten seid 15 Jahren das Gleiche) Antworten
Für Interessierte, ein super Artikel ist in einem der letzten National Geographic (englische Ausgabe) zu finden, detailliert und mit wie gewöhnlich wunderschönen Bildern. Quintessenz: Lassen wir das Paradies in Ruhe und bewundern nur die von Wissenschaftler aufgenommenen Fotos. Antworten
Leben
Grandioses Berg-Erleben.
Weltberühmte Berge und 100 Jahre Jungfraubahn: Sommerurlaub vor der schönsten Kulisse der Welt!




