Leben

Hinter Barcelona warten neue Freuden und alte Katastrophen

Von Peter Niklaus Trösch. Aktualisiert am 10.03.2009

Wer Barcelona, die Costa Brava und die Costa Dorada verlässt, stösst auf ein Land fern aller Hektik, mit hübschen kleinen Städten, erloschenen Vulkanen und tollen Wandergebieten.

Weniger Krach, weniger Taschendiebe, günstigere Preise: Barcelonas verkannte Schwester Girona.

Weniger Krach, weniger Taschendiebe, günstigere Preise: Barcelonas verkannte Schwester Girona.
Bild: PD

Barcelonas Hinterland verzaubert mit unzähligen malerischen Wanderwegen und Dörfern.

Barcelonas Hinterland verzaubert mit unzähligen malerischen Wanderwegen und Dörfern.

Wie man hinkommt

Am besten per Zug ab Barcelona bis Girona oder Figueres (für Naturpark Aiguamolls). Ab Bahnhof Girona gute Busverbindungen in alle Richtungen.

Unterkünfte

Castelló d`Empúries: Hotel La Moneda (offen ab 10.3., komfortabel, Pool, ab ca. 150 Fr.), Tel. 0034 972 25 03 40; www.hoteldelamoneda.com

Santa Pau: Hotel Cal Sastre (romantisch, DZ ca, 180 Fr.), Tel. 0034 902 99 84 79;
www.calsastre.com

Les Planes d`Hostoles: Hotel Can Garay (mitten an der Veloroute Olot–Girona, an Landstrasse, hübsche Privatvilla, charaktervolle Zimmer, und reichhaltiges Essen, DZ ab ca. 130 Fr.), Tel. 0034 972 44 82 53;
www.hotelcangaray.com

Organisierte Wanderungen

Z.B. Vulkane in Garrotxa, 4 Tage, 3 Nächte, HP plus Picknicks, englischsprachige Führung, ab 300 Euro. A peu (Gonçal Portabella),
Tel. 0034 972 68 05 23; www.apeu.com.es; info@apeu.com.es
(die Firma veranstaltet auch Wanderungen zwischen Meer und Bergen, hoch in den Pyrenäen usw).

Pauschalangebote von der Schweiz aus

Arcatour, Zug, führt 10.–17.4. eine geführte Naturexkursion nach Aiguamolls und zum Cap de Creus durch. Mit Nachtzugreise 2180 Fr.;
Tel. 041 729 14 20.

Allgemeine Infos:
Span. Fremdenverkehrsamt, Zürich, Tel. 044 253 60 54

Unermüdlich sind sie hin und her promeniert, die Gruppen junger Leute, harmlos scherzend und sich boxend, auch Paare mit Kinderwagen. Nun flaut die Show ab, die Touristen in den Boulevardrestaurants sind schon beim Schlusskaffee. Es ist Mitternacht, die Rambla leert sich, der Frühsommerabend findet sein Ende.

Wir sind in Girona, der katalanischen Stadt abseits der Küste, Barcelonas verkannter Schwester. Die Kunden der Billigfluglinie Ryanair mögen den Flugplatz von Girona gar für den von Barcelona halten. Am Morgen habe ich sie aus den blau-gelb-weissen Flugzeugen quellen und alsogleich in einem Bus verschwinden sehen, der sie in die Stadt von Rambla und Rambazamba fuhr. Dass es auch im kleineren Girona eine prächtige Rambla gibt, die mit weniger Krach, weniger Taschendieben und günstigeren Preisen auskommt, schert sie nicht.

Girona: Vorzüge der ewigen Zweiten

Girona ist ein guter Ausgangspunkt für jene, die einmal entdecken wollen, was Katalonien ausser Barcelona zu bieten hat. Die Kathedrale auf dem Hügel, die man auf einer schweisstreibenden Monumentaltreppe erreicht, hat den breitesten gotischen Kirchenraum der Welt, aber auf der Prunkseite nur ein erbärmliches Türmchen – ein Makel, der auf Geldmangel zurückzuführen ist, der das Bauwerk aber einzigartig macht.

In den Altstadtgassen neben der schattigen Rambla gibt es noch alte Geschäfte, deren Besitzer alles über Unterwäsche oder über die Fabrikationsorte von Wanderschuhen wissen und den Besucher freundlich beraten. Volkstümliche Strassenbeizen bieten für 10 Euro einen anständigen Mittags-Dreigänger.

Niedliche Buchten, verbaute Küsten

Cadaqués ist schön: eine Perlenkette, die sich an eine Bucht schmiegt, hätte man früher gesagt. Im angrenzenden Hügelland ist der Bauteufel los, und im Ortskern gibts fast in jedem Haus etwas für Touristen – Andenkenstände, Lounges, Bars, Beizen. Doch der Gesamteindruck ist so harmonisch, als hätte es 40 Jahre Tourismusboom nicht gegeben. Das nahe Naturdenkmal Cap de Creu, nur durch eine halsbrecherische Strasse erschlossen, ist sogar wild zu nennen: kantige Berge mit scharfen Klippen, niedliche Buchten. Unter den Touristen klettern und wandern auch laute Gruppen von naturbegeisterten Spaniern herum.

Hier, rund 50 Kilometer nördlich von Girona, sind Glanz und Elend des spanischen Meeressaums nah beisammen. Südlich voné gleich das Schlimmste, was einer Küste optisch widerfahren kann: Roses, das sind weisse Häuserklötzchen und Blöcke, so weit das Auge reicht, eine zerurlaubte Landschaft.

Es gibt Lichtblicke: Innerhalb der Bucht von Roses haben Planer und Investoren von den Sechzigerjahren an die Retorten-Freizeitstadt Empúriabrava aus dem Boden gestampft. Ferienhäuser und nicht allzu hohe Appartements gruppieren sich an konzentrischen Kanälen von fast 40 Kilometer Länge mit 5000 Bootsanlegestellen. Konzentrierte, reichlich begrünte Ferienarchitektur, etwas weniger schlimm.

Und gleich daneben der absolute Glücksfall: Ein riesiges Küstengebiet samt Hinterland, dem das gleiche Schicksal wie Roses zugeordnet war, das aber 1983 von einer Stiftung vor den Baggern gerettet, später von der Autonomen Gemeinschaft Katalonien gekauft und in ein Naturschutzgebiet umgewandelt worden ist. Hier, in den Sümpfen des Naturparks Aiguamolls, sind Pflanzen, Wild, Amphibien und Wasservögel vor Nachstellungen sicher, Hunderte von Storchenpaaren finden einen guten Brutplatz.

Schulklassen stürmen nicht eben schweigend zwischen den Tieren durch, aber die scheinen sich daran nicht zu stören. Nah an sie heran kommt niemand, und auf einer dicht mit Bäumen bestandenen Flussinsel sind sie gar völlig abgeschottet. Auf vielen Wegen wurde letztes Jahr ein Velofahrverbot eingeführt. Die Parkwächter versuchen die Velofahrer mit typisch spanischer Grazie zum Absteigen zu bringen, doch das fruchtet erst wenig.

Wer sich mehrere Tage im Naturschutzpark umsehen will, kann auf einem der nahen Campingplätze übernachten. Es gibt auch stilvollere Etappenorte: Gleich nördlich vom Park, an einem der harmonischen Plätzchen der Kleinstadt Castelló d`Empúries, findet sich das neue Hotel La Moneda, das angenehm cool eingerichtet und recht günstig ist.

Städtchen, die es in sich haben

Wer sich von Girona aus bergwärts bewegt, hat nicht nur die mässig spannende Hügellandschaft vor sich, die auf den ersten Blick erkennbar ist. Die Gegend bietet zerklüftete Schluchten, atemberaubende Pässchen und schön verteilt eine hübsche Kollektion kleiner Städte, von denen einige spektakulär gelegen sind.

Im schmucken Besalú muss man sich nur die vor den Restaurants platzierten Tische und Stühle und die Touristen wegdenken und fühlt sich im Mittelalter. Ein unrühmlicher Teil der spanischen Geschichte wird hier ganz anschaulich: An einem Hang stehen noch Überreste der jüdischen Siedlung des Spätmittelalters. Isabel und Fernando, die «Reyes Católicos», die noch heute als Einiger Spaniens gefeiert werden, liessen die Juden 1492 vertreiben, es gab Plünderungen, die meisten Mauersteine wurden für Neubauten rezykliert. Vor kurzem aber hat man durch Zufall ein sehr gut erhaltenes Becken für rituelle Bäder gefunden. Die präzis gesetzten Steine scheinen für die Ewigkeit gebaut, aber die Benützer der Einrichtung sind Staub geworden. Ein guter Ort, um über die Flüchtigkeit menschlichen Trachtens zu philosophieren. Genau hier hat man auch die beste Sicht auf etwas sehr Weltliches: die alte Brücke unten im Tal, das beste Fotosujet des Ortes. Sie stammt aus dem 11. Jahrhundert und benutzt mehrere natürliche Felsbrocken als Widerlager, daher konnte sie nicht gerade gebaut werden und macht fotogene Krümmungen.

Noch malerischer als Besalú wirkt Santa Pau, das hoch auf einem Felssporn liegt. Hier zeigt sich, dass Katalonien, die wohlhabende «spanische Schweiz», schon lange viel für die Erhaltung historischer Schätze tut. Santa Pau ist seit 1976 streng geschützt. Neubauten sind verboten; für Ergänzungen und Renovationen gibts strengste Vorschriften. Aber, hombre, hier ist Spanien! Die Sandsteinbögen, die alten Treppen sind nicht regensbergartig museal, überall stehen alte Ölbüchsen mit Blattpflanzen, streichen Katzen herum.

Die Anatomie einer Katastrophe

Ein sezierter Vulkan. Es ist, als hätte man ihn von der Spitze her, zu beiden Seiten nach unten auseinanderlaufend, angeschnitten und dann mit einem Ruck das ganze Dreieck von der Front weggerissen. Das Innere des Bergbauches ist anthrazitfarben, trägt aber feine horizontale, parallel verlaufende Linien, die wie ein Schmuck wirken.

Wir haben uns in die katalanischen Vorpyrenäen, in die Region Garrotxa, vorgearbeitet und stehen nun vor deren grösster Attraktion. Der Kegel vor uns ist ein vor 13'000 Jahren erloschener Vulkan, der sich in einer Reihe kurzer Eruptionen selber aufschüttete. Immer am Ende einer Eruption waren die ausgespuckten Materialien leichter und zerkrümelten, das ergab die Linien.

Der Vulkan sieht grossartig aus. Aufgerissen ist er, weil eine Firma seine Materialien ausgebeutet hat; die Anfahrten für die Abbaumaschinen bilden ein übergeordnetes Muster auf dem feinen Linienbild des Bergs. Wir stehen am Fuss des Berges. Gekurvte Roststahlplatten schützen uns vor nachrutschendem Lavasand, eine gestylte Inszenierung, ein Amphitheater mit einem Berg als Bühne, das Schauspiel ist statisch und besteht aus dem Abbild katastrophaler Dynamik der Vergangenheit.

Die Region Garrotxa liegt an der Pyrenäengrenze zu Frankreich und ist ein altes Schmugglerland. Es vermarktet sich heute mit seinen alten Vulkanen. Touristen sollten keine feuerspeienden Pyramiden erwarten – die Vulkane sind alle eingefallen, überwachsen, unkenntlich, aber sie bilden ein abwechslungsreiches Hügelgebiet. Allein auf dem Gebiet der Garrotxa gibt es 1700 Kilometer markierte Wanderwege, die parallel zu den Pyrenäen verlaufen.

Kleinfirmen sind daran, das Netz mit serviceorientierten Wanderangeboten zu belegen. Beim Touren-Organisator Gonçal Portabella kann man Langwanderungen mit Übernachtungen buchen – sogar mit Gepäcktransport. Gonçal zeigt mir versteckte Schätze, die durch die Wanderwege zugänglich sind.

Eben haben wir ein abgelegenes Kloster passiert, da dringt plötzlich Ostschweizer Dialekt an unsere Ohren. Eine Familie erscheint auf dem Plan. Enthusiastisch erzählt der junge Vater, wie viele Wanderungen er hier mit Frau und Kindern schon gemacht hat. Die vier leben neuerdings in Katalonien und versuchen, hier Bergwanderungen zu machen, wie sie es zu Hause gewohnt waren. «Es ist manchmal unwegsamer, aber die Landschaft ist herrlich, und oft sehen wir den ganzen Tag keine anderen Leute», sagt die Frau. Nur müsse man gute Karten haben: «Sie sagen mehr als die Wegweiser und Markierungen.»

Gonçal führt mich zur alten Brücke Pont del Llierca. Das Strässchen, das über sie führt, macht die zwei Buckel der Brückenbögen mit, tief unten sieht man Ausflügler in tiefen Felsbecken planschen – genau wie im Verzascatal, nur um einiges wilder. Ein tolles Tummelfeld für Schweizer, die dem Barcelona-Stress für ein paar Tage entkommen wollen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.03.2009, 16:09 Uhr

Leben

Populär auf Facebook Privatsphäre


Grandioses Berg-Erleben.

Weltberühmte Berge und 100 Jahre Jungfraubahn: Sommerurlaub vor der schönsten Kulisse der Welt!

Online-Kadermarkt

ALPHA.CH: der online-Kadermarkt der Schweiz.

Online-Kadermarkt

ALPHA.CH: der online-Kadermarkt der Schweiz.