Hochstimmung auf den Azoren

Die neun Inseln im Atlantik haben einiges zu bieten – für Vulkanologen, Wanderer, Weinliebhaber und Walbeobachter.

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Das Inferno kündigte sich mit Erdstössen an. Das Meer begann zu brodeln, Gase drangen an die Oberfläche. Fontänen von schwarzer Asche und Wasserdampf schossen empor. Die weissen Wolken türmten sich bis zu 4 Kilometer in der Atmosphäre. In einer gewaltigen Explosion wurden glühende Lavabrocken in die Luft katapultiert, Lavaströme bahnten sich einen Weg zum Meer. Als sich die Erde schliesslich wieder beruhigte, war die Insel Faial um 2,4 Quadratkilometer grösser. Dafür verschwand ein Dorf von der Landkarte, Äcker und Felder wurden unter einer bleigrauen Aschedecke begraben. Das alles spielte sich 1957 auf den Azoren ab.

Die Ausstellung im Museum beim Vulkan Capelinhos in der westlichsten Ecke der Azoreninsel Faial macht das Naturschauspiel fassbar. Im Gebäude, das architektonisch geschickt in den Ascheboden versenkt wurde, zeugen schaurig-schöne historische Aufnahmen, Geländeprofile und geologische Karten, wie der neue Teil der Insel innerhalb weniger Tage entstand.

Wind und Gezeiten haben Vulkangebiet abgetragen

Ein älteres Paar studiert aufmerksam die Schwarzweissaufnahmen. Hagere, ärmlich gekleidete Männer und Frauen blicken misstrauisch in die Kamera. Mit einem kleinen Aufschrei bleibt das Paar plötzlich stehen. Sie haben auf einer Aufnahme Verwandte des Mannes entdeckt. Der aufgeregte Besucher, der sich als Ernesto vorstellt, musste 1957 als Kind zusammen mit mehr als 2000 Menschen das Heimatdorf verlassen. Die US-Regierung anerbot sich, einen Teil der Obdachlosen aufzunehmen. Ernesto gehörte zu den Auswanderern. In den USA hat er Jahre später ein Baugeschäft gegründet. Nun besuchte er nach 54 Jahren zusammen mit seiner Frau erstmals wieder seinen Geburtsort.

Von dem Dorf sind nur noch einige Häuserruinen übrig geblieben sowie der Leuchtturm. Die Berge von Asche und Schlacke, auf denen Touristen wie farbige Ameisen herumkrabbeln, kontrastieren mit dem leuchtenden Blau von Himmel und Meer. Eine bizarre, aber vergängliche Landschaft. Die starken Winde und die Gezeiten haben das 1957 hinzugekommene Vulkangebiet mittlerweile auf weniger als einen Quadratkilometer abgetragen.

Vulkanfelder als überdimensionale Kochstellen

Höchste Zeit, daran zu erinnern, dass die neun Inseln nichts anderes als Vulkane sind. Die einst Feuer speienden Krater sind in allen Variationen anzutreffen. Frischgebacken wie der Capelinhos. Formvollendet wie der 2351 Meter hohe Pico auf der gleichnamigen Insel, zugleich Portugals höchster Berg. Abgeschliffen und scheinbar zugewachsen wie der Cabeço Gordo auf Faial oder der Pico do Ferro auf São Miguel. Was dem ungeübten Auge wie ein Hügel im schweizerischen Mittelland erscheint – vielleicht auch, weil überall Kühe weiden –, zeigt seine wahre Natur erst von oben, wenn der Blick in den oft mehrere Hundert Meter tiefen Krater (Caldeira) fällt. Obwohl die Vulkane längst erloschen sind, ist im Untergrund immer noch viel los. Es dampft und zischt, wo heisse Quellen an die Oberfläche und Wasserdämpfe aus Fumarolen (Austrittsstellen) dringen.

Geschäftstüchtige Bewohner haben auf São Miguel solche Vulkanfelder kurzerhand zu überdimensionierten Kochstellen umfunktioniert. Am Morgen wird ein riesiger Topf mit allen möglichen Fleischsorten und Gemüse in einem Loch versenkt. Um die Mittagsstunde wird der Kessel herausgeholt, und der Cozido, wie der Eintopf genannt wird, landet auf den Tellern der Touristen. Zu den üppigen Portionen werden höchst ansprechende Weine von Pico serviert.

Hortensien überziehen die Insel

Die Weinbauern an den westlichen Vulkanhängen unterteilten ihre Produktionsflächen ab dem 18. Jahrhundert in kleine und kleinste Parzellen und umgaben sie mit Trockenmauern aus schwarzem Lavagestein. Die Mauern schützten vor den teilweise heftigen Winden und speicherten die Tageswärme, was für gleichbleibend hohe Temperaturen am Boden auch in der Nacht sorgte. Das noch heute genutzte Mauersystem, das von oben wie ein enormes Labyrinth aussieht, wurde 2004 von der Unesco in die Liste des Welterbes aufgenommen.

Nicht nur die Rebe gedeiht auf dem vulkanischen Untergrund prächtig, wie Azorenreisende schnell bemerken. Ob zu Fuss auf den ausgedehnten Wanderwegnetzen, die jede Insel überziehen, oder vom Mietauto aus: Die Hortensie ist eine Augenweide. Was in unseren Breitengraden nur mit viel Pflege zu einem mittelgrossen Strauch mit eher blässlichen Blüten heranwächst, wuchert auf den Inseln als beinahe baumhohes Gewächs in leuchtenden Farben, das Strassen und Wege säumt. Weidezäune könnten sich die Bauern eigentlich sparen. Ein Hortensienzweig in den Boden gesteckt – schon schlägt er Wurzeln und wächst zu einer Hecke heran.

Norberto weiss alles über die Gewässer und ihre Bewohner

Auch die Gewässer um Pico, Faial und São Jorge sind nährstoffreich. Mehrere Walarten sowie Delfine kommen hierher zur Nahrungsaufnahme. Wale bringen ihre Jungen zur Welt und ziehen sie auf. Whale-Watching ist deshalb ein Muss.

Veranstalter für Bootstouren gibt es viele. Aber nur einen Norberto Serpa, der beste Seemann und Tauchprofi, wie die Einheimischen beteuern. Also warten wir zur vereinbarten Zeit vor seinem Verkaufsstand im Hafen von Horta, dem charmanten Hauptort von Faial. Die Minuten wachsen sich aus zu einer halben Stunde. Voller Argwohn beobachten wir, wie die anderen Walbeobachtungsboote aufs offene Meer hinausbrausen. Dann kommt er: klein, drahtig, braun, wie man es nie zu werden wagt, ausgebleichter Haarschopf, der bis auf die Schultern reicht, ein Seemannsbart wie Kapitän Haddock. Während wir uns in die angejahrten Schwimmwesten zwängen, begrüsst Norberto erst einmal entspannt Freunde und Bekannte auf den umliegenden Booten. Der 55-Jährige wird auch von professionellen Tauchern und Universitäten gebucht, weil er alles über die Gewässer und ihre Bewohner weiss.

«Schaut! Wo? Dort!»

Als unser Katamaran endlich den Hafen verlässt, ist die Konkurrenz am Horizont kaum mehr auszumachen. Dann gibt Norberto Gas. Die Touristen, die zuvor noch lässig an der Bugreling standen, sitzen am Boden und klammern sich verzweifelt an allem fest. Das Schiff schlägt mit Wucht über die Wellen. Die Gleichgewichtssinne melden Alarm, einige Gäste verziehen sich grün im Gesicht in die Kabine.

Dann ist das Rennen beendet. Nicht aus Erbarmen, sondern weil wir den Beobachtungsort erreicht haben, wo die anderen Touristenboote dümpeln. Die Kamera gezückt, starren wir auf die glitzernden Wellen, suchen die berühmte Gischtfontäne eines Wals, den eleganten Sprung eines Delfins oder – Traum aller Fotografen – die hoch aufgerichtete Schwanzflosse eines abtauchenden Wals. «Schaut! Wo? Dort!» tönt es ohne Unterbruch, wenn Touristen Wale suchen. Nur dass meist kein Wal «dort» ist.

Der Kampf zwischen den Männern und den tonnenschweren Walen

Norberto und die anderen Bootsführer hängen am Funkgerät. Kommt eine Durchsage, schiessen alle Boote in die gleiche Richtung. Diesmal ist tatsächlich ein Wal in Sicht. Der Tipp kommt von Männern, die einst Walfänger waren. Sie sitzen irgendwo auf den Klippen von Pico oder Faial und suchen das Meer mit Fernrohren ab. Erblicken sie eine Walfontäne, benachrichtigen sie die Bootsführer. Mit Glück sind die Boote wenig später dort. Für die Meeressäuger waren die Azoren bis 1984 eine Todeszone.

Die Amerikaner hatten den Walfang hierher gebracht. Für die Männer auf Pico und Faial gab es nur zwei Möglichkeiten, Geld zu verdienen: die Wale zu jagen oder sie in der Walfabrik auszuweiden. Während die Amerikaner von grossen Schiffen aus mit Hightechharpunen Jagd auf die Wale machten, bevorzugten die Männer von Pico den Fang von Hand – eine lebensgefährliche Arbeit. In zwei Museen auf Pico kann man sich ein Bild über den Kampf zwischen den Männern in ihren kleinen Holzbooten und den tonnenschweren Walen machen.

Zeichnungen in Walzähnen

Der beste Ort, um über die Grösse der gesichteten Wale zu prahlen, ist Peter’s Café Sport in Horta. Seit je machen Segler auf ihrem Weg von Europa an die amerikanische Küste auf Faial halt. Zu ihren Ritualen gehört der Gin Tonic bei Peter’s sowie das Erstellen von Graffiti an den Hafenmauern, was Glück für die Überfahrt bringen soll. Kaum ein anderer Hafen ist bunter bemalt als Horta. Über der Bar ist ein kleines Museum für Scrimshaw eingerichtet. Das sind in Walzähne eingeritzte Zeichnungen, die von abenteuerlichen Segelfahrten erzählen, von Monsterwellen und Walflossen, die zwischen den Kanus aufragen. Aber auch Frauenporträts sind zu finden. Angeblich sollen verliebte Seemänner so ihr Geliebte immer bei sich getragen haben. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 17.05.2012, 15:53 Uhr

Die Azoren. (Bild: TA-Grafik san)

Infos zu den Azoren

Anreise TAP Portugal (www.flytap.com) fliegt täglich ab Zürich und Genf auf die Azoren.Flugplan im Sommer: tägliche Flugverbindungen nach Ponta Delgada (Insel São Miguel), Horta (Insel Faial) und Lajes (Insel Terceira). Jeden Samstag gibt es einen Flug nach Pico (Insel Pico). Die azoreanische Sata (www.flysata.com) fliegt ab Lissabon und verbindet die Inseln untereinander. Zwischen den Inseln verkehren auch Fähren.


Walbeobachtung Als Ausgangspunkt eignen sich am besten Pico und Faial. Die ideale Beobachtungszeit ist zwischen Mai und September. Norberto Serpa ist erreichbar unter www.norbertodiver.com


Wandern Alle Inseln sind mit einem meist signalisierten Wanderwegnetz überzogen.
Die Besteigung des Pico ist aus Sicherheitsgründen nur nach vorheriger Anmeldung erlaubt (Casa de Apoio, Tel. 292 628 300).


Allgemeine Tourismusinformationen
www.azoren-online.com

www.visitazores.travel



Die Reise wurde durch Amin Travel & Business in Zürich ermöglicht (www.amin-travel.ch). (rf)

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