Leben

Kommissar Maigret bittet zu Tisch

Von Ingrid Schindler. Aktualisiert am 15.10.2009

Die Maigret-Krimis sind soeben neu aufgelegt worden. Die berühmte Romanfigur mit der Pfeife ist auch heute noch ein guter Führer durch die typischen Lokale der französischen Hauptstadt.

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Ein Bistro kann vieles sein: Szene-Bar, Café, Brasserie, Gourmetlokal und vor allem die gemütliche Beiz von nebenan. Wir zeigen Ihnen eine kleine Auswahl von Bistros mit «Atmosphère».

   

Ein älteres Paar setzt sich in die Bar du Caveau an der gemütlichen Place Dauphine im Herzen von Paris. Der Kellner fragt «Comme toujours?» und bringt Tartines mit Geflügelpâté und Schinken aus Bayonne, einen Topf Cornichons und eine Flasche Rotwein ohne Etikett an den Tisch. Nebenan, im Haus mit der Nummer 15, haben Yves Montand und Simone Signoret gewohnt. Und an diesen Platz hat Georges Simenon auch die fiktive Brasserie Dauphine gestellt, wo die Inspektoren ihrem Chef, Jules Maigret, jeweils Bier und Butterbrot holen, wenn es bei den Ermittlungen wieder einmal spät und brenzlig wird.

Auf den Spuren des erfolgreichsten, meistgelesenen, -übersetzten und -verfilmten Kommissars des 20. Jahrhunderts lässt sich auch heute noch gut französisch speisen. Maigret ist – wie sein Schöpfer Georges Simenon (1903 – 1989), dessen Bücher auf eine geschätzte Weltauflage von 1,4 Milliarden Exemplaren kommen – ein profunder Kenner der bodenständigen Bistroküche. Die Krimis verraten auch, wo man sie in Paris findet.

Kantine der Pariser Polizei

Gleich um die Ecke der Place Dauphine trifft man in der Taverne Henry IV am Pont Neuf häufig Polizeibeamte und Juristen bei Foie gras, Kalbskopf oder Coq au vin. Maigrets Arbeitsplatz, das Polizeihauptquartier am Quai des Orfèvres, und der Justizpalast sind nur ein paar Schritte entfernt. «Das kleine, gemütliche Bistro fungiert in den Romanen quasi als ausgelagerte Kantine der Pariser Polizei», sagt Anna von Planta, Simenon-Lektorin bei Diogenes. Kantinen gab es damals nicht, aber Maigrets Tisch im Henri IV gibt es noch heute.

Wie es im Buche steht, kann man auch im Marais dinieren und Maigrets Tisch im Les Côtelettes oder Ma Bour-gogne unter den Arkaden der Place des Vosges reservieren. Die Brasserie mit Cachet sieht heute noch so aus wie vor 80 Jahren, als Simenon schräg gegenüber in Haus Nummer 21 wohnte.

Zwei Häuserblocks weiter lässt sich bei Choucroute mit Zander in der Brasserie Bofinger dem Meister der Atmosphäre ein weiteres Mal nachspüren. Ebenso am Boulevard Richard Lenoir, wo sich in Nr. 132 die fiktive Wohnung der Maigrets befindet. Oder unweit am Canal Saint Martin. In «Maigret und die kopflose Leiche» wurde das hiesige Chez Popaul verewigt, einst eine echte Spelunke: «Da trinkt man harte Sachen, führt lärmende Unterhaltungen, und die Luft ist immer blau vom Rauch», heisst es bei Simenon. Heute ist das Quartier trendig, das Bistro hat sich ebenfalls gemausert und heisst mittlerweile Atmosphère.

Das Bouillon Chartier fehlt

Im Bouillon Chartier, in einem Hinterhof der Rue du Faubourg Montmartre, ist dagegen die Atmosphäre mit Händen zu greifen. Nur erwähnt Simenon das Lokal in keinem seiner Bücher: Warum, weiss selbst Simenon-Spezialistin von Planta nicht. Das wäre eine Ermittlung wert, denn voilà: das zeitlose, klassische Paris der kleinen Leute, das der Belgier so trefflich beschreibt. 1896 eröffneten die Brüder Chartier ihre Suppenküche, um einfachen Arbeitern und Marktleuten eine anständige, warme Mahlzeit zu ermöglichen.

Das Originaldekor steht unter Denkmalschutz: das Holztäfer, die Spiegel, Anrichten, Schubladen für das Besteck der Stammgäste, Messinghutablagen über den Bistrotischen und die Gerichte selbst. Die Kellner tragen Nummern, kritzeln die Bestellungen auf weisse Papierdecken über rot-weissem Tuch. «Bis zu 1400 Gedecke werden an einem Tag aufgedeckt», sagt Kellner Nr. 41. Schnell schleust man die Gäste durch, büschelt sie wie Sardinen an den Tischen, bedient sie flink; draussen warten schon die nächsten. Reservieren kann man nicht. Jedoch lohnt das Warten. Hier gibt es vieles, was Geniesser im Geiste Maigrets begehren: die Klassiker der Bistroküche. Diese kommen frei von Schnickschnack daher und schmecken genau so, wie sie sollten. Auch der Preis stimmt: Confit de Canard mit Pommes persillées für 12 Euro. Gleiches gilt für den Wein. Die teuerste Flasche ist ein kalt zu trinkender, guter Gamay von der Touraine für 17 Euro. Kein Wunder, kam das Konzept von Anfang an nicht nur bei den kleinen Leuten an.

Den Abschluss der Spurensuche bildet eine Revue im Folies-Bergère, wo Josephine Baker Simenon mit ihren «Negertänzen im Bananenröckchen» den Kopf verdrehte. Nur wollte der junge Schriftsteller nicht im Schatten eines Weltstars stehen und verzichtete, Mr. Baker zu werden.

Dieser Beitrag entstand mit Unterstützung von Maison de la France.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.10.2009, 13:48 Uhr

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