Liebeserklärung an die Terra d’Otranto
Von Artur K. Vogel. Aktualisiert am 12.05.2011 10 Kommentare
(Bild: TA-Grafik san)
Tipps und Reise-Informationen
Apulien: Die Region Apulien, Hauptstadt Bari, ist genau halb so gross wie die Schweiz, hat gut 4 Millionen Einwohner und ist in sechs Provinzen aufgeteilt.
Beste Reisezeit: April bis Juni und September/Oktober. Im Sommer ist es zu heiss und auch voll. Anreise: Tägliche Direktflüge mit Helvetic Airways ab Zürich nach Bari, donnerstags und sonntags von Zürich nach Brindisi. Bis Mitte Oktober fliegt Helvetic jeden Freitag auch ab Bern nach Brindisi und zurück: www.helvetic.com.
Unterkunft und Verpflegung:
Trani: Osteria Corteinfiore, modernes,elegantes Lokal im alten Gemäuer,Küche auf hohem Niveau: www.corteinfiore.it
Fasano und Savelletri: Masseria Alchimia: elegante kleine Masseria ohne Restaurant, mit Zimmern in diversen Grössen:www.masseria-alchimia.it
Masseria San Domenico: Fünfsternhotel für höchste Ansprüche mit Bar, Gourmetrestaurant, Pool, Spa, Wellness sowie eigenem Strand und eigenem Golfplatz (18 Loch). (Kinder unter 14 Jahren sind nicht zugelassen; Familien können Ferien in der Masseria Cimino oder im Ferienkomplex Borgo Egnazia buchen, die ebenfalls der Familie Melpignano gehören und kaum weniger luxuriös sind.) www.masseriasandomenico.it
Borgo San Marco: ehemalige Festung der Malteser Ritter in einem riesigen Olivenhain:www.borgosanmarco.it
Masseria Torre Coccaro: eine weitere Edel-Masseria mit Gourmetrestaurant, Pool, Spa, eigenem Strandclub und Golfplatz (9 Loch).www.masseriatorrecoccaro.com
Maddalena: vorzügliches Fischrestaurant am Hafen von Savelletri.
Zwischen Savelletri und Torre Canne: Alba Chiara, einfaches Restaurant, direkt am Strand.
Ostuni: Osteria Piazzetta Cattedrale, gemütliches, aber teures Lokal im Herzen der Altstadt mit raffiniert interpretierten lokalen Spezialitäten und einer riesigen Weinkarte:www.piazzettacattedrale.it
Otranto: Hotel Palazzo Papaleo: kleines Fünfsternhaus in einem alten Familienpalais, nur zehn Zimmer, sehr persönlicher Service. www.hotelpalazzopapaleo.com
Ristorante Laltro Baffo: Fischrestaurant beim Castello Aragonese.
Agli Angeli Ribelli: Fischrestaurant in der Altstadt.
Gallipoli: La Puritate: teures, elegantes Restaurant in der Altstadt. (akv)
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Paolo Chiarelli gibt sich als einfacher Fischer: Am Morgen fährt er hinaus; am Abend kommt auf den Tisch, was er gefangen hat, zubereitet von seiner Frau Simona nach dem Gusto des Gastes. Man speist köstlich bei Paolo und Simona in Otranto, Vorspeisen, Artischocken, eingelegte Peperoni, lauwarme Tentakel vom Tintenfisch, rohe Meeresfrüchte mit Olivenöl, zum Hauptgang Tintenfisch aus dem Ofen, Fisch aus der Pfanne oder vom Grill, am Ende selbst gebackener Kuchen mit Süsswein. Paolos Lokal heisst «Agli Angeli Ribelli», was aus Dantes «Göttlicher Komödie» stammt, in der ein Kapitel «den guten Engeln und den rebellischen», also den gefallenen, gewidmet ist.
Otranto ist ein kleines Städtchen, mit 5000 Einwohnern nur, am östlichsten Ausläufer der Halbinsel von Salento, die man wegen ihrer Form als Absatz des italienischen Stiefels kennt. Doch Otranto hat seine Geschichte – wie hier jeder Ort seine Geschichte hat. Bis in die jüngste Zeit wurde das ganze Salento – das heisst die Provinz Lecce und Teile der Provinzen Tarento und Brindisi – Terra d’Otranto genannt. Vor Otranto befindet sich die engste Stelle der Adria: 80 km bis zur Küste Albaniens. Und seit der Antike bildet Otranto die Grenze zwischen dem Adriatischen und dem Ionischen Meer.
Einmaliges Fussbodenmosaik
Die Altstadt mit Befestigungsmauern und den engen, gepflasterten Gässchen ist malerisch, nur an Wochenenden zu meiden sowie im Juli und August, wenn sie von italienischen Touristen überrannt wird. Und mittendrin, nahe der Promenade am Meer und unmittelbar neben der Kathedrale, kann man gediegen absteigen, im Hotel Palazzo Papaleo, einem alten Stadtpalais der Familie Papaleo, das vor kurzem zu einem Fünfsternhotel mit zehn eleganten Zimmern umgebaut worden ist.
Vom Dach des Hotels, wo im Sommer Bar, Restaurant und Jacuzzi zum Verweilen laden, hat man eine generöse Sicht auf Altstadtdächer und Meer. Die Kathedrale Santa Maria Annunziata in der Altstadt sieht auf den ersten Blick aus wie unzählige andere Kirchen der Gegend: erbaut nach der Eroberung durch die Normannen, 1088 geweiht. 1514 wurde das Portal im Renaissancestil angefügt; im Barock wurde das Innere neu gestaltet. Doch was einmalig ist in der Kathedrale von Otranto, ist das vollständig erhaltene Fussbodenmosaik, geschaffen von 1163 bis 1165, ein gigantisches Kunstwerk von 50 Meter Länge, eine reich befrachtete Bildergeschichte, an der man sich kaum sattsehen kann.
Exponierte Lage
In der rechten Apsis der Kathedrale wird man dann an die blutige Geschichte dieses Ortes erinnert: In der Kapelle der Märtyrer sind die Gebeine von mehr als 500 Menschen aufbewahrt, die 1480, nach der Eroberung der Stadt, von den Türken ermordet wurden.
Apulien hat wegen seiner exponierten Lage im Mittelmeer eine befrachtete Historie, und jede Epoche hat Spuren hinterlassen: Ab 750 v. Chr. wurde Süditalien von Griechen kolonisiert, später kamen die Römer, 217 v. Chr. fiel Hannibal ein, und es kam zu epischen Kämpfen zwischen den römischen Garnisonen und den Karthagern. Apulien, noch immer mehrheitlich griechisch, wurde nach Hannibals Vertreibung von römischer Einwanderung geprägt: Kriegsveteranen liessen sich auf dem Land nieder, das ihnen der römische Staat geschenkte hatte. Ab dem 4. Jahrhundert wurde die Terra d’Otranto christianisiert, es kamen Byzantiner, Goten, Langobarden und Sarazenen, Ottonen und Normannen, Staufer und Bourbonen – und alle haben Spuren hinterlassen. Deshalb ist Apulien nicht nur eine erhabene Landschaft, teils flach, teils hügelig, mit schattigen Olivenhainen, Weinbergen, Schafweiden und malerischen Küsten, zum Beispiel der von Otranto nach Santa Maria di Leuca, am «Ende der Welt». Dort kann man den südlichsten Punkt Apuliens begehen, «durch keine Wallfahrtskirche verbaut und durch kein Sperrgebiet versaut», wie der Dumont-Führer schreibt: ein Ort, «an dem man ungestört die Tränen fliessen lassen kann».
Historisches Freilichtmuseum
Wegen seiner aufregenden Geschichte ist Apulien auch ein vielfältiges Freilichtmuseum, und das auch ausserhalb der grossen Städte Bari, Brindisi, Lecce und Taranto, die wir mit dem Mietwagen auf bequemen Schnellstrassen umfahren haben. Kleine Orte entwickeln umwerfenden Charme. Zum Beispiel Trani, 50 km nordwestlich von Bari. Hier steht eine wuchtige romanische Kathedrale direkt am Meer, dahinter eine romantische Altstadt, die nachts raffiniert beleuchtet wird. Oder Alberobello, wegen seiner Trulli weltberühmt, den runden, weiss getünchten Steinhäusern mit spitzen Steindächern.
Oder Ostuni, die «weisse Stadt» mit ihren Häusern, die von weitem aussehen, als wären sie aufeinandergeschichtet, und der steil ansteigenden Altstadt hinauf zur Kathedrale, die 1469 bis 1495 erbaut wurde und auf deren Fassade sich Spätromanik, Gotik und Renaissance streiten, wie der Dumont-Führer schreibt. Auch die Osteria Piazzetta Cattedrale verdient einen Besuch: In Apulien kann man manchenorts vorzüglich essen, nicht die schwere, norditalienische Kost mit Teigwaren und Fleisch, sondern Meeresgetier – oft roh –, Gemüse und dazu Oliven und Olivenöl. Aber die Osteria bei der Kathedrale von Ostuni ist einer jener magischen Orte, an denen Essen, Stimmung, Deko und Bedienung eine perfekte Symbiose eingehen. Oder Cisternino, über das der Führer einen einzigen Satz verliert, das aber wegen seiner erhöhten Lage einen einmaligen Blick übers Land gewährt und dessen Altstadt mit den Palästen vieler alter Familien den Besuch wert ist.Oder Martina Franca, in dessen barocker Altstadt man endgültig den Sinn für die Zeit verliert und die letzten, verkrusteten Reste des aus der Schweiz mitgebrachten Stresses abwirft.Oder Gallipoli, dessen Altstadt auf einer kleinen Insel sauber von den Quartieren neueren Datums und zweifelhafter architektonischer Qualität abgetrennt ist, in der Mitte die Kathedrale Sant’Agata, Ende des 17. Jahrhunderts im ausufernden Barockstil von Lecce erbaut.
Friedrichs achteckiges Schloss
Aber was man unter keinen Umständen verpassen darf, sind das Castel del Monte, Apuliens Wahrzeichen, und Matera. Das Castel del Monte stammt aus der Zeit des Hohenstaufen-Kaisers Friedrich II.; es wurde nach 1240 errichtet, ist achteckig, und bis heute weiss niemand, welchen Daseinszweck es gehabt haben könnte. Die schlichte Erhabenheit seiner Architektur und die herrische Lage hoch über der Ebene entschädigen vollständig für die Unwissenheit.
Und dann Matera, die Steinstadt, die eine eigene Reportage, nicht nur zwei Sätze verdient hätte. Zwar gehört sie nicht zu Apulien, sondern zur Basilikata. Doch einst war sie Teil der Terra d’Otranto, und einen ganztägigen Ausflug ist sie ohnehin wert. Bis in die 1950er-Jahre lebten Menschen in den Felshöhlen der Steinstadt; sie war der Schandfleck Italiens; 1948 brach die Malaria aus. Carlo Levi hat Matera in seinem berühmten Roman «Christus kam nur bis Eboli» ein Denkmal gesetzt. Unter anderem heisst es da: «Im Allgemeinen verfügt jede Familie nur über eine solche Höhle, und darin schlafen alle zusammen, Männer, Frauen, Kinder und Tiere.» Der einstige Schandfleck ist inzwischen ins Verzeichnis des Unesco-Weltkulturerbes aufgenommen worden.
Diese Reportage wurde durch Helvetic Airways, die Masseria Alchimia und das Consorzio Operatori Turistici per la Puglia ermöglicht. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 12.05.2011, 06:17 Uhr
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10 Kommentare
Super Bericht! Gehe mit meiner Familie schon viele Jahre in die Salento Gegend. Sehr empfehlenswert für Familienferien auf einem restaurierten Bauernhof ist die Masseria Montanari in Castrignano dei Greci. Auch Maglie ist eine Reise wert. Die Sandstrände nördlich von Otranto bieten Karibikfeeling pur. Die Preise in den Restaurants sind für unsere Verhältnisse sehr moderat. Antworten
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