Nachtruhe um neun – das Licht ging erst um zehn aus
Von Nadja Klingler. Aktualisiert am 07.10.2010 85 Kommentare
Beim Wandern in der Schweiz tun sich tiefe Abgründe auf: Es gibt nicht nur Schluchten, wie die Via Mala. (Bild: Keystone )
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Nadja Klingler
Die Journalistin aus Berlin (45) durchwanderte 2009 die Schweiz. Ihre Reportage «Über die Alpen. Eine Reise» ist jetzt bei Rowohlt Berlin erschienen (317 S., Fr. 33.90).
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Im Sommer letzten Jahres war ich in den Schweizer Alpen unterwegs. Am Nordrand des Gebirges war das Wandern beschwerlich, mit jedem Schritt Richtung Süden wurde es leichter. Was nicht leichter wurde: das Grüssen. Ich bekam das «Grüezi» nicht hin. Es gelang mir nicht, die Zunge zu rollen, ohne zu stolpern. Fehlerfrei vom ü zum e zu turnen und beim i in den festen Stand zu kommen. Mein «Grüetzi» klang nicht ehrlich.
Die Seele leidet
Dabei wanderte ich durch ein ehrliches Land. Die Wirtin, die in Appenzell die Tür öffnete, war das Gegenteil eines Pagen, der, mit Goldknöpfen und lustiger Kappe dekoriert, vor Grossstadthotels Fremden das Gepäck abnimmt. Sie demonstrierte: Es geht auch grauhaarig, griesgrämig, in Hauslatschen und Kittelschürze. Sie musterte mein Outfit. Rucksack, Stöcke, grobe Schuhe. Sagte: «Hätten Sie mir am Telefon verraten, dass Sie nur eine Nacht bleiben, hätte ich Sie nicht reingelassen.»
Demütig verunreinigte ich im Dachzimmer Bettwäsche und Handtücher. Am nächsten Morgen erschien ich im Frühstücksraum. Es war eine Schande. Ich bereitete der Wirtin Arbeit. Ich hatte ihr meine Aufenthaltsdauer verschwiegen, was nichts anderes war als Lügen. Obendrein bildete ich mir ein, eine gute Touristin zu sein, eine, die sich beim Wandern auf Leib und Seele des Berglands einlässt. Dabei kann man in den Alpen von den Guten nicht überleben. Das Gebirge verkauft seinen Leib an Skiurlauber und andere Erlebnistouristen. Und so leidet eben auch die Seele.
Die Wirtin in Amden am Walensee versperrte mit ihrem Leib die Tür zur Herberge. Sie sagte: «Keine Wanderschuhe in meinem Haus.» Verschränkte die Arme, während ich, am Boden hockend, nasse Schnürsenkel entknotete. Andere Schuhe hatte ich nicht. Ich war nun sozusagen nackig. Weil ich am nächsten Tag schon wieder weiterwollte, erhöhte sie den Zimmerpreis um zehn Franken.
Der europäische Bustourismus
In Cröt in Graubünden war Ruhetag. Die Wirtin versprach am Telefon, um sechs vor Ort zu sein und aufzuschliessen. Ich war um vier da, streunte verschwitzt und hungrig ums Haus. Schlief auf der Bank hinter der Herberge ein. Tatsächlich kam sie um sechs – aus der Hintertür. Eine zierliche Frau mit triumphierendem Habitus. Sie hatte mich seit zwei Stunden durchs Fenster gesehen und warten lassen. Sie benahm sich wie eine Naturgewalt. Sie spielte Alpen.
Die Schweizer haben das Gebirge mit Infrastruktur ausgestattet. Alte und Versehrte sollen auf Berge kommen, Skifahrer dürfen abfahren, ohne aufzusteigen, Für Eltern mit Kindern gibt es Fun-Parks. Die Schweizer sind ehrlich: Auch vom behäbigen europäischen Bustourismus, der in der Höhe eigentlich nichts zu suchen hat, wollen sie profitieren. Weil sie so ehrlich sind, können sie nicht verhehlen, dass ihnen ein Gebirge, dem Infrastruktur die Macht nimmt, nicht gefällt. Deshalb haben sie die Alpen mit tückischen Regeln versehen. Sie stehen nirgendwo geschrieben. Aber man kommt nicht an ihnen vorbei.
Das schwitzende Frühstück
Ein Schweizer Berggasthaus-Frühstück ist rationiert. In der Rofflaschlucht verbrachten Wurstscheibe, Käsekrumen, Butterstück und Marmeladenklecks die Nacht auf dem Teller im Kühlschrank. Sie schwitzten unter Frischhaltefolie, als man sie mir morgens servierte. Nur 3 von 20 Herbergen riskierten ein Büffet. Die Furcht, der Fremde könnte sich zu viel nehmen, ist gross. Die Furcht, ihm könnte die Lust aufs Essen ganz vergehen, ist aber noch grösser. Vom Rand der Ebenalp aus kann jedermann in die Tiefe auf den herrlichen Seealpsee blicken. Eigentlich. Auf einem Schild erlauben die Berggasthausbetreiber den Ausblick nur ihren Kunden und fügen hinzu: «Besten Dank fürs Konsumieren!»
Da ich mich zur Notdurft nicht ins Schweizer Bergland hocken wollte, suchte ich Gasthaustoiletten auf. Am Fusse des Alpsteins wies mich ein Zettel über der Klopapierrolle drauf hin, dass es anständig wäre, am Tresen wenigstens noch eine Cola zu kaufen. An der Via Mala beschimpfte mich ein Schild als «WC-Touristin» und forderte mich auf, ein Bussgeld zu entrichten.
Schuhe aus! Nicht auf der Holztreppe knarren! Um sechs gibts Abendessen, keine Auswahl, sondern Menü! Wer um acht kommt, bekommt nichts Warmes mehr, nach neun wird nicht mal mehr Brot geschnitten. «Wenn ich das meinem Mann sage», murmelte die Wirtin in Cröt auf dem Weg in die Küche, um dort für mich Vegetarisches zu ordern. Der Wirtin in Juf beichtete ich meine Essbehinderung bereits am Nachmittag. Das Fleisch kann noch nicht im Topf gewesen sein, aber sie fluchte. Die Wirtin in Amden liess sich vom Fleischgericht nicht abbringen. Sie hatte die Fenstergriffe abmontiert. Es oblag allein ihr, die mit Bratenduft aufgefüllte Herberge zu lüften. Sonderwünsche sind unalpin.
Intimsphäre von 50 Zentimeter
Im Rücken meiner Herbergen stürzte sich Gebirgswasser vom Fels, doch die Wasserhähne im Waschraum tröpfelten nur. Einmal wollte ich Hahnenwasser zum Essen und sollte bezahlen. Ich trank stattdessen am Wasserfall hinterm Haus.
Im Duschraum auf der Tannenbodenalp wiederum erlosch in regelmässig kurzen Abständen das Licht. Der Schalter war draussen auf dem Flur. In den Massenlagern der Berghütten betrug meine Intimsphäre 50 Zentimeter – so breit war das Kissen mit den Spuckerändern, auf dem mein Kopf lag. Die Schweizer Armeedecken kratzten, die Vollbärte der Matratzennachbarn, mit denen ich unweigerlich in Berührung kam, kratzten auch. Am Ober Murgsee war um neun Nachtruhe, aber erst um zehn ging im Haus das Licht aus.
Ehrlichkeit als oberste Tugend
Meine Alpentour war grossartig. Ich mag das Gebirge, weil es ist, wie es ist, und nur dem etwas vormacht, der belogen werden will. Warum sollte ich nicht auch die Schweizer für ihre Aufrichtigkeit mögen? Sie sind keine Hotelpagen. Willi auf dem Glaspass offerierte ein nahrhaftes Frühstücksbuffet. Nicht um mich zu umgarnen. Es war ehrlich. Erwin und Walter in Eugst richteten die Hörnli kunstvoll an und genau so, wie ich es wünschte. Elisabeth Wenk in Wildhaus legte liebevoll gefaltete Handtücher auf mein Bett und schlug mit der Handkante eine Kerbe ins Kopfkissen. Es war mal so, mal so in den Schweizer Alpen. Wie zu Hause. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 07.10.2010, 13:59 Uhr
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85 Kommentare
Mir scheint, die arme Berlin- und eben nicht Alpen-gewöhnte Frau Klingler hat etwas einen Kulturschock erlitten... Ob das wohl ihre letzte Reise in die Schweizer Berge war? Hoffentlich verkauft sich wenigstens ihr Buch gut. Und hoffentlich ist dieses nicht ganz so einseitig negativ wie ihr Eindruck in diesem Artikel... Antworten
Erfrischender Bericht. Unsere mangelnde Gastfreundlichkeit ist ja bekannt. Allerdings muss ich zugeben, dass ich darüber am Rande der alpinen Routen nicht ganz unglücklich bin. Die Alpen, so hoffe ich, werden kein Ort des Massentourismus. Wer alpin wandert möchte nicht in der Schlange stehen. Weder am Alpstein, noch am Martinsloch. Und Berggasthöfe sind nun mal eng und rau. Ist ganz gut so... Antworten
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