Nicht jeder ist ein Rothschild

Mit dem Velo im Universum des Bordeaux: Eine Reise durch die Weingeschichte der Stadt, die mit dem Traubensaft reich wurde, von den Händlern im Quartier des Chartrons zu den Winzern im Médoc.

Weltkulturerbe: Place de la Bourse in der Weinstadt Bordeaux.

Weltkulturerbe: Place de la Bourse in der Weinstadt Bordeaux. Bild: Keystone

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Erste Nase, langer Sniff, ohne das Glas zu drehen, zweite Nase, erster Mund, zweiter Mund: Der zweistündige Einführungskurs an der Ecole du Vin in Bordeaux ist die Investition von 25 Euro wert. Man erfährt in den heiligen Hallen der Welthauptstadt des Weins auf kurzweilige, kenntnisreiche Art mit praktischen Übungen, wie man Wein degustiert, woran man einen guten Bordeaux erkennt und warum er schmeckt, wie er schmeckt. Danach entlarvt man Banausen auf den ersten Schluck und sieht die Stadt mit anderen Augen.

Die Ecole du Vin befindet sich in der Maison du Vin an zentraler Lage, schräg gegenüber dem Touristenbüro. Im Weinhaus schlägt das Herz der Branche. Die rund 10'000 Winzer des weltgrössten Qualitätsweinbaugebiets (180'000 Hektaren Rebfläche) sind hier organisiert und verkaufen via 400 Händler und 130 Weinbroker die hochwertigen Rebensäfte des Bordelais in alle Welt. Im Parterre befindet sich die Bar à Vin des Hauses, wo jedermann edle Tropfen glasweise probieren kann. Weitere Weinbars sind gleich um die Ecke.

Neumodische Weinbars

«Weinbars sind neumodische Erscheinungen. Zugeständnisse an den Zeitgeist», sagt Christine Birem. «In Bordeaux trinkt man Wein nicht einfach so, sondern immer zum Essen.» Auf breiten Radwegen führt die Stadtführerin Weintouristen auf der Velo-City-Tour an den prachtvollen Fassaden die Garonne entlang. Das kilometerlange Prunk-Ensemble aus dem 18. Jahrhundert bildet die längste geschlossene Fassadenfront Frankreichs, seit 2007 ist sie Weltkulturerbe. Kernstück ist die im Halbkreis angelegte Place de la Bourse, wo sich früher die alte Hafenbörse (heute Zollmuseum) befand.

Der alte Hafen, Port de la Lune nach der mondsichelartigen Biegung der Garonne benannt, ist zur Vergnügungsmeile geworden. In Jahren mit geraden Zahlen feiert Bordeaux hier seinen Wein, in ungeraden seinen Fluss. Tanker und Frachter werden weit draussen abgefertigt, bei Le Verdon, wo die Gironde in den Atlantik mündet. Wenige Kilometer hinter Bordeaux fliessen Garonne und Dordogne erst zur Gironde zusammen. An deren linkem Ufer liegt das Médoc mit den Spitzenweingütern dieser Welt.

Von keltischen Ursprüngen zum Wirtschaftsmotor

Wein aus dem Bordelais stand schon bei den Römern hoch im Kurs. Die Rebberge reichten bereits vor zwei Jahrtausenden an die Tore der Stadt, als Burdigala die Hauptstadt der römischen Provinz Aquitanien war. «Im Namen der ehemaligen Keltensiedlung verbirgt sich das keltische Wort Burd für Sumpf und nicht das französische Bord d’eau, am Ufer des Wassers», erklärt Madame le Guide. Das Wasser hat die Stadt in den Sümpfen mit der Welt verbunden und reich gemacht.

Durch die Hochzeit Eleonores von Aquitanien mit dem englischen König Henri Plantagenet kam Bordeaux von 1153 bis 1454 unter englische Herrschaft. Der Weinhandel mit England und der Hanse florierte. Hamburg und Lübeck wurden zu den grössten Umschlagplätzen für roten Bordeaux. Lübeck exportierte ihn als Lübecker Rotspon bis nach Stockholm und St. Petersburg.

Im 18. Jahrhundert entwickelte sich der Port de la Lune zum bedeutendsten Hafen Frankreichs, die Stadt erlebte ihre goldene Zeit – und besass genauso viele Einwohner wie heute (235'000). Wirtschaftsmotor war der sogenannte Dreieckshandel: Waffen für Afrika gegen Sklaven für die Antillen und diese gegen Zucker, Kaffee, Kakao und Gewürze für Bordeaux. Wein und Kolonialwaren verkaufte man lukrativ nach Nordeuropa und brachte dafür Holz und Hanf nach Hause.

Wein nach Indien und zurück

Was man dem Rotspon nachsagte, nämlich, dass Bordeaux auf See besser und schneller altere, galt bald auch für den «Vin retour des Indes». Seit eine für die englische Armee nach Indien verschiffte Ladung Wein nach langer Irrfahrt nach Bordeaux zurückkam, fand man, es lohne sich, absichtlich Wein nach Indien und zurück zu schicken. Der «Vin retour des Indes» verkaufte sich gut und teuer. Der saure Piquette jedoch aus dem Weingarten vor der Stadt schmeckte den Bordelaisern so wenig, dass man die Rebstöcke ausriss und einen Jardin public anlegte. Die Gegend um den Stadtpark ist heute die nobelste Adresse der Stadt.

Auf dem Velo geht es an den eleganten Häuserzeilen am Jardin public vorbei ins Quartier des Chartrons. Hier lagerten die Fässer aus dem ganzen Bordelais. Es entstanden regelrechte Industrien um den Rebensaft. Mary Chantal Leboucq, Kuratorin des kleinen, feinen Musée du Vin et du Négoce, in einem typischen Weinhändlerpalais untergebracht, weiss Erstaunliches aus früherer Zeit zu berichten. Zum Beispiel von den Holländern, die nicht nur die Sümpfe trocken- und das geometrische Strassennetz des Quartiers anlegten, sondern auch als Erste die Fässer mit Schwefel desinfizierten und damit den Ausbau im Barrique lancierten.

Ein Château ohne Schloss

Heerscharen von Küfern, Kellermeistern, Korkenmachern, Glasbläsern und Lagerarbeitern liessen sich im Quartier nieder, auch Händler aus England, Irland oder Norddeutschland, wie Schröder et Schÿler aus Hamburg, Bordeaux‘ grosse Weinhandelsdynastie. Den Händlern spielte die Revolution in die Hand: Sie konnten die Weingüter der Adligen draussen vor der Stadt günstig erwerben und errichteten dort ihre Châteaux.

Abfüllen liess der Korkenadel, wie man die zu Wohlstand und Schloss gekommenen Weinhändler nannte, weiterhin im Quartier des Chartrons. Erst mit Philippe de Rothschild kam die Wende, als dieser 1924 beschloss, seinen Wein am Produktionsort fortan selbst abzufüllen, und ihn mit der Aufschrift «mise en bouteille au château» versah. Ein Châteauwein ist heute jeder noch so bescheidene Tropfen, wenn der Winzer die Trauben nicht nur kultiviert, sondern auch keltert, abfüllt und lagert. Allein im Médoc, der Halbinsel zwischen Gironde und Meer im Norden von Bordeaux, gibt es rund 1500 Châteaux.

Man muss nicht ein Baron Rothschild sein, um in der Weinelite des Médoc zu Château und Ansehen zu kommen, wie das Beispiel Château Mayne-Lalande zeigt. 1973, als ein paar Güter weiter Mouton-Rothschild als letztes Château nach Haut-Brion, Lafite, Latour und Margaux in den heiligen Gral der Premiers Grands Crus des Médoc aufgenommen wurde, rüstete Bernard Lartigue den kleinen Hof seines Vaters auf Weinbau um. Der Bauernsohn wusste, Boden und Klima sind dank Golfstrom, Gironde, Sonneneinstrahlung und Meeresnähe ideal, und auch die Lage am westlichen Rand des Rebgebiets schadet nicht. Die flachen Weinberge werden von einem breiten Gürtel aus Pinienwald vor den rauen Winden des Atlantiks geschützt. Warum also nicht Reben statt Kartoffeln pflanzen? Mit der ersten Traubenlese mutierte der Hof zum Château.

Vom Wein zum Meer

Ein Schloss sucht man auf Château Mayne-Lalande heute noch vergebens, auch wenn das Gut auf 20 Hektaren angewachsen ist und sich seinen Platz in der Weinwelt erarbeitet hat. Doch kann man hier noch ohne viel Aufhebens den Keller besichtigen, was in den Star-Domainen kaum noch möglich ist, und in einem der lang gezogenen Landhäuser à la médocaine gediegen und komfortabel übernachten. Mit etwas Glück erlebt man den Hausherrn in seinem Element – bei Degustation, Weinbergpicknick oder Table d’Hôte. Dort bekommt man sie noch, die guten, alten Spezialitäten des Bordelais, wie Grenier Médocin, in Court Bouillon gesottenen Saumagen, Kutteln oder Entrecôte auf Bordelaiser Art (mit viel Schalotten), über Rebenholz grilliert. Und dazu die passenden Tropfen aus dem Keller.

Anders als im Juli, wenn Urlauber sowie Fans und Fahrer der Tour de France die Route du Vin im Médoc bevölkern, bietet sich der Spätherbst für gemütliche Genuss-Velotouren übers flache Land von einem Château zum nächsten an. Mayne-Lalande ist ein guter Ausgangspunkt, einer aus einer ganzen Reihe. Wo man auch logiert, die romantischen Ufer der Gironde sind nah, das Meer ist es ebenfalls.

Von Mayne-Lalande etwa sind die traumhaften Sandstrände von Carcans oder Lacanau 30 bis 40 km entfernt. Dort kann man ebenfalls herrlich Velo fahren. Auf gut ausgebauten Radwegen hinter den Dünen. Und wenn man durch einsame Küstenwälder rollt, mit Seeluft in der Nase, und dabei von Austern, Moules und wildem Wolfsbarsch träumt, kann man gewiss sein: Die nächste Strandbude mit frischem Seafood kommt bestimmt.

Diese Reportage wurde von Atout France unterstützt. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 02.11.2011, 17:12 Uhr)

Stichworte

Gemütliche Genuss-Velotouren: Bordeaux und Médoc. (Bild: TA-Grafik kmh)

Tipps: Bordeaux und Médoc

Allgemeine Informationen:
www.bordeaux-tourisme.com
www.tourisme-gironde.fr
Anreise: EasyJet fliegt täglich von Basel nach Bordeaux
Attraktionen: Ecole du Vin, Weinkurse an jedem letzten Samstag im Monat, Kochkurse, Gourmetmenü, Weingutbesuch
www.bordeaux.com
Musée Vin et Négoce, Le Cellier des Chartrons, 41, rue Borie, Bordeaux
www.mvnb.fr
CAPC, Place Lainé, Bordeaux: Die ehemalige Seehandelsbörse ist jetzt ein Kunstmuseum. Marché Colbert, an der Uferpromenade des Quartier des Chartron: Sonntagvormittag Bauernmarkt mit Austerndegustation.
Velo-Stadtbesichtigung: VCube Velomietstationen, La Pierre qui roule, 32,
Place Gambetta oder via Tourist Office:
www.bordeaux-tourisme.com
Velotour: Atlantikküste/Médoc: Diverse Verleiher in Carcans-Maubuisson:
www.tourisme-aquitaine.fr
Essen, Trinken, Übernachten: Hôtel de Normandie, zentral, angenehm, 7, cours du
30 Juillet, Bordeaux
www.hotel-de-normandie-bordeaux.com
Château Mayne-Lalande, Listrac Médoc. Gästezimmer mit Charme und Komfort, Pool
www.château-mayne-lalande.com
La Tupina, erstklassiges Bistro mit landes­typischer Küche, 6, rue Porte de la Monnaie, Bordeaux
www.latupina.com
Le Bistro du Sommelier, 163, rue Georges Bonnac, bekannte Bistroküche, günstige Menüs und Weine
www.bistrodusommelier.com

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