Pferde sind der Cadillac der Crow

Tradition und ein riesiges Fest machen die Crow-Indianer in Montana zu einem ganz besonderen Stamm.

Für die Crow Fair kleiden und schminken sich die Indianer traditionell – angereist wird aber meist mit dem Auto. Foto: Christian Heeb (Laif)

Für die Crow Fair kleiden und schminken sich die Indianer traditionell – angereist wird aber meist mit dem Auto. Foto: Christian Heeb (Laif)

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Der Mann hat Nerven. Ständig klingelt das Telefon. Eine Budenbetreiberin will wissen, ob es sich lohnt, an die Crow Fair zu kommen. Sylvan Covers Up, genannt Buzzy, 38 Jahre alt und Cheforganisator des 96. Events, macht PR. «Jon Voight, Angelina Jolie und Whoopi Goldberg waren auch schon hier», sagt der Musiker und Rodeo-Mann. Die Fair ist das wichtigste Ereignis im Jahr der Crow. Sie ist Familientreffen (rund ein Viertel der zirka 10 000 Stammesmitglieder lebt ausserhalb des Reservats) und dient vor allem der Selbstvergewisserung.

Wir sitzen in einem Büro in Crow Agency, dem winzigen Hauptort. Clan-Onkel Marvin sitzt ein paar Türen weiter. Gut für Buzzy. Wann immer ihm der ganze Trubel über den Kopf zu wachsen droht, kann er zu ihm gehen und ihn ­bitten, für ihn zu beten. Er lädt ihn zum Essen ein oder schenkt ihm Zigaretten oder zehn Dollar. Dann spricht Marvin das Gebet. Das ist so Sitte bei den Crow.

Buzzy ist Traditionalist. Er geht in die Schwitzhütte, auf Visionssuche und an den alljährlichen Sun Dance, den Sonnentanz. Ab und zu schaut er bei den Katholiken vorbei. Aber spirituell zu Hause fühlt er sich bei seinen Leuten von der ­Native American Church. Sie brauen Tee aus dem halluzinogenen Peyotekaktus, sitzen im Kreis und imaginieren das grosse Ganze. Der Kaktus kommt aus Mexiko. Heute darf er zu indianisch-zeremoniellen Zwecken importiert werden. Buzzys Vorfahren wurden dafür noch verhaftet.

Auf einmal rauchen alle

Leonard Bends und seine Familie haben es sich an ihrem angestammten Plätzchen auf dem Crow-Fair-Areal gemütlich gemacht. Ihre fünf Tipis stehen in Reih und Glied, wie alle hier aus unbemaltem Segeltuch. Der Mann, der als Einziger kraft seines Wissens das Recht besass, Tipis zu bemalen, starb, ohne sein Wissen weitergegeben zu haben.

Teenager auf dem Weg zum Little Bighorn River reiten vorbei, die meisten ohne Sattel. Viele Familien sind mit Pferdeanhänger angereist, Pferde sind der Cadillac der Crow. Wir sitzen unter der Pergola, trinken eisgekühltes Wasser und knabbern Kekse. Dann bietet einer Zigaretten an, und auf einmal rauchen alle, auch Leonard Bends Frau Virginia. Zu ihr will das aber nicht passen. Der Groschen fällt später. Das war eine zeremonielle Zigarette: Wünsch’ dir was, für dich, deine Familie, deine Freunde. Der Rauch wird deinen Wunsch wie ein Gebet gen Himmel tragen.

Leonard Bends war zwölf Jahre lang Sun Dance Chief. Jetzt ist der ehemalige Schulberater 63 Jahre alt, seine Kraft ist aufgebraucht. Schon als Junge hatte er getanzt, vom Rand des Kreises zum ­Mittelpfosten und zurück, immer dem Adler und dem Büffelkopf zugewandt, den beiden Krafttieren par excellence. Irgendwann spürte er: Die Kraft war in ihm; der Schöpfer hatte sie ihm geschenkt. Als sein Vorgänger ihn fragte, ob er übernehmen wolle, war er unschlüssig: «Ein Sun Dance Chief ist für alle da. Die Leute wenden sich an dich mit ihren Fragen und Sorgen. Das belastet die Familie.»

Zwei Tage fasten für Vision

Er brauchte eine Antwort. Er ging in die Berge fasten, er wollte, dass Virginia mitkam. Zwei Tage lang tat sich nichts. Dann, im nächtlichen Traum, erschien ihm ein Vogel. Am nächsten Morgen wachte er auf, sang das Morgengebet und sah seinen verstorbenen Grossvater an seiner Seite sitzen. Er lächelte seinem Enkel zu. Fürchtete er sich? «Nein.» Und Virginia? «Sie sah ihn auch.»

Von nun an gehörte seine Kraft den Tanzenden. Leonard Bends betete, und der Adler trug seine Gebete zum Schöpfer. Er berührte die Leidenden mit dem Fächer aus Adlerfedern. Die Kraft floss über den Fächer in sie hinein und heilte, und das nicht nur bei Alkohol- und Drogenproblemen. «Zu meiner Zeit wurden zwei Krebskranke wieder gesund.»

Will ein Stammesangehöriger in die vierköpfige Regierung gewählt werden, gibt er für seinen Clan Essen aus. Die Geladenen langen zu, wollen wissen, was er sonst noch für sie tun kann. In einer Gesellschaft mit 50 Prozent Arbeitslosigkeit, einer Armutsquote von 30 Prozent und einer kaum existenten Privatwirtschaft lässt man sich einen Verwaltungsjob gern zuschanzen, egal ob man dafür qualifiziert ist oder nicht.

«In einem ökonomisch gebeutelten Umfeld gilt das Primat des Geldes», sagt Bill Yellowtail. Der Mann mit der Statur ­eines Ranchers hat Karriere gemacht: demokratischer Senator im Senat von Montana; Regionaldirektor der staatlichen Umweltschutzbehörde in Denver, zuständig für sechs Bundesstaaten. Nun ist er zurückgekehrt in sein Haus in den Bighorn Mountains. «Zu viele», sagt er, «haben sich im Status quo eingerichtet.»

Mangelndes Engagement

Vertraglich vereinbart zu einer Zeit, als Washington zur Einsicht kam, dass es billiger war, die Indianer durchzufüttern als zu töten, sichern sogenannte «Treaty Rights» das Überleben des Stammes auf tiefem Niveau. Unterkunft, Schule, weitergehende Ausbildung und Gesundheitsversorgung sind kostenlos, Sozialprogramme und Lebensmittelmarken warten in der Pipeline. «Wir müssen uns an den eigenen Haaren aus dem Sumpf ziehen», sagt Bill Yellowtail. «Aber wie?»

Noch sprechen rund 70 Prozent der Stammesmitglieder Crow, vor allem die älteren. Die Jungen aber lernen es nur noch in der Schule. Das reicht nicht. In den 80er-Jahren kam Kabel-TV ins Reservat. Seither plärrt der Fernseher; seither nehmen die Sprachkenntnisse bei den Jüngeren ab, Fettleibigkeit und Diabetes hingegen zu. Die Eltern lassen es geschehen.

Mangelndes Engagement: Tim McCleary kennt das. Der Anthropologe irisch-schottischer Abstammung unterrichtet am Little Bighorn College. Mehr als die Hälfte seiner Schüler schwänzt regelmässig, den Abschluss der zwei­jährigen Ausbildung schafft nur jeder Zweite. Die, die danach an einem «weissen» College bis zum Master durchhalten, kommen selten zurück: Brain Drain.

Tim McCleary ist in der Gemeinschaft fest verankert. Gleich drei Familien haben den Mann mit dem flachsblonden Haar adoptiert. Sein indianischer Name Baaxpaa bedeutet Kraft. Einer seiner Adoptivväter kämpfte im Schutz dieses Namens als Maschinengewehrschütze im Zweiten Weltkrieg und kam heil zurück. Ein guter Name also.

Für einen Anthropologen sind die Crow ein interessantes Volk. Es kennt eine matrilineare Familienordnung: Die Frau vererbt Besitz und Clanzugehörigkeit. Zudem ist das soziale Leben streng reglementiert, so etwa spielt Respekt eine grosse Rolle. Dies führt zu mitunter seltsamem Verhalten: Schwiegermutter und Schwiegersohn reden nie miteinander. Sie halten sich auch nie im selben Raum auf und nie am selben Tisch. Warum? «Aus Respekt», sagt Tim McCleary. «Beide haben eine dominante Position inne. Sie sollen nicht aneinandergeraten.» Respekt ist so wichtig bei den Crow, dass er auch den Unterricht von Tim McCleary beeinträchtigt: Sitzt ein etwas älterer Student in der Klasse, redet nur dieser. Die anderen schweigen – aus Respekt.

Heilige Berge

Es ist mucksmäuschenstill unter den Pappelbäumen. Der «Pipe carrier», der Krieger mit Beutel und langstieliger Pfeife, trägt Federschmuck und Brille, sein Schimmel ist sich selbst genug. ­Zusammen führen sie den Stamm ins neue Jahr, über drei Stationen bis in die Tanzarena. Sie nennen es «Parade Dance», die religiöse Zeremonie am Ende der Crow Fair.

Frauen und Männer in Kostümen wie aus dem Bilderbuch stehen im Halbkreis. In der Mitte reichen die Trommler die Pfeife reihum. Eine junge Frau bietet zeremonielle Zigaretten an, der alte Crow neben mir nimmt sich lächelnd ein paar auf Vorrat. Der Sprecher redet und redet, alles in Crow, der alte Mann übersetzt: Wir danken für das alte Jahr und bitten um ein gutes neues. Jetzt taktet die Trommel, der einsetzende Kopfgesang drillt sich ins Gehör. Der Rhythmus gibt das Signal zum «Crow hop», weniger ein Tanz als ein Energiesparschritt. Sie heben die Hand zum Gruss an die heiligen Berge, von denen das lebensspendende Wasser kommt. Dann ziehen sie weiter zur nächsten Station, vier Kriegsveteranen vorneweg. Sie kämpften in Somalia, Afghanistan und im Irak. Sie sind unversehrt nach Hause zurückgekehrt. So möge sich die Kraft, die sie beschützt hat, auf den ganzen Stamm übertragen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 27.10.2014, 19:02 Uhr

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