Portugals heimliche Hauptstadt
Tipps & Infos
Anreise: Die portugiesische Fluggesellschaft TAP fliegt einmal täglich von Zürich nach Porto. Der günstigste Tarif für den Hin- und Rückflug liegt derzeit bei 373 Franken.
Einwohner: 240'000 (Stadt), 1,6 Millionen (Grossraum).
Reisezeit: Ideal sind Frühling und Herbst, doch der Atlantik kühlt auch im Hochsommer.
Übernachten: Hotel Infante de Sagres (zentrales, traditionsreiches 5-Sterne-Haus mit Patina), Doppelzimmer ab 195 Euro. Hotel Internacional, gutes 3-Sterne-Hotel im Zentrum, Doppelzimmer ab 88 Euro.
Essen: «Chez Lapin», urchiges Speiselokal in Ribeira. «D. Tonho», schickes Lokal am Douro in Vila Nova de Gaia, mit toller Aussicht auf Porto.
Ausflug: Im Nostalgiezug ab dem alten Bahnhof São Bento nach Peso da Régua und von dort per Schiff das Douro-Tal hinauf nach Pinão oder bis zur spanischen Grenze – vorbei an den Rebgärten, aus denen die Portweintrauben stammen.
Die Ingreja de São Francisco steht auf einer kleinen Terrasse in Ribeira, der Altstadt Portos. Sie ist zwar eigentlich ein mächtiger, hochgewachsener Bau. Mit ihrer schlichten gotische Fassade wirkt sie aber eher bescheiden – und auch durch den Umstand, dass sich ein Teil hinter Nachbarhäusern versteckt. Wer die Franziskuskirche dann aber betritt, wird vom protzigen Prunk des barocken Innenlebens beinahe erschlagen.
Daneben empfindet man das Estádio do Dragão, die «Kathedrale», in welcher die Portuenser dem Fussball huldigen, als geradezu luftig. Das Drachenstadion mit seinen 51'000 Plätzen wurde für die letzte Euro am anderen Ende der Stadt in den Berg gehauen. Es dient heute dem heiss geliebten FC Porto, der 2004 die Champions League gewonnen hat, als Heimspielstätte. Wie gut es mit der Koexistenz der beiden «Religionen» klappt, zeigt sich an jedem Kiosk: Da sind Heiligenbilder und Fanartikel unmittelbar nebeneinander zu finden.
Die zweite Geige zu spielen, damit hat man sich in Porto noch nie abfinden wollen. In Sachen Sehenswürdigkeiten steht Porto der Hauptstadt Lissabon kaum nach, und im Fussball hat der FC Porto in den letzten sechs Jahren den Lissabonner Teams Sporting und Benfica fünfmal den Meister gezeigt. Spätestens nach der zweiten Taxifahrt weiss man über diesen Fakt Bescheid.
Die Altstadt sieht alt aus
Vor zwölf Jahren hat die Unesco Portos Hafenviertel Ribeira in die Liste der Weltkulturerbe aufgenommen. Dies sowie die Wahl Portos zur europäischen Kulturhauptstadt 2001 haben zwar einige Mittel für die dringend nötige Sanierung der historischen Bausubstanz freigesetzt, doch hält das soziale portugiesische Mietrecht noch immer viele Hauseigentümer von nötigen Investitionen ab. Für sie ist es rentabler zu warten, bis die Mieter trotz festgeschriebener geringer Mieten aus den maroden Wohnungen ausziehen.
Neben verschiedenen gut in Stand gehaltenen staatlichen und historischen Bauten gibt es zwei private Portuenser Institutionen, denen man unbedingt einen Besuch abstatten sollte. Im Café Majestic von 1921, an dessen Tischchen die britische Autorin J. K. Rowling «Harry Potter und der Stein der Weisen» erfand, können sich nicht nur Anhänger des Zauberlehrlings bei einem «bica» (Espresso) auf eine Zeitreise in die Belle Epoque begeben. Und bei «Lello&Irmão» kommen Leseratten und Nostalgiker auf ihre Kosten. Wenn man die Buchhandlung betritt, zieht einen die geschwungene Holztreppe unweigerlich auf die Balustrade, von der aus das Jugendstilinterieur optimal zur Geltung kommt.
Den besten Blick auf die pittoreske Altstadt hat man auf der kühnen Bogenbrücke Ponte Dom Luís weit über dem Douro, der wenige Kilometer entfernt in den Atlantik mündet. Die Attraktionen des Porto gegenüberliegenden Vila Nova de Gaia beschränken sich auf Restaurants, von denen man nachts eine schöne Aussicht auf Porto hat.
Portwein als Szenegetränk?
Zudem ein Muss: die renommierten Portwein-Kellereien, die sich alle am linken Douro-Ufer angesiedelt haben. Die Führung durch die dunklen Gewölbe der Traditionsmarke Ferreira etwa ist erhellend. Im Gegensatz zu vielen anderen Port-Labels ist sie nicht in britischer, sondern in portugiesischer Hand. Da der alte englische Adel als klassische Klientel langsam wegstirbt, ist man sichtlich bemüht, den Portwein nach dem Muster des Whisky mit einer modischeren Präsentation zu einem Lifestyle-Getränk für die jüngere Generation zu machen. Bei einer Degustation kann man sich davon überzeugen, dass Portwein heute zur Liebhaberei taugen könnte und mehr ist als nur ein schwerer Lustigmacher für deprimierende Wetterlagen.
Avantgardistische Kunst
Ein modernes architektonisches Gesicht zeigt Porto nicht nur in der wellenförmigen Stahldachkonstruktion der jüngsten Fussballarena. 1999 wurde im Parque de Serralves das ebenso puristische wie avantgardistische Museum für zeitgenössische Kunst des portugiesischen Architekten Alvaro Siza eröffnet. Wer nicht nachvollziehen kann, was an unansehnlichen Altautos oder lauten Videos künstlerisch wertvoll sein soll, kann sich zumindest an schönen Ausblicken auf die englischen und französischen Gärten erfreuen.
Spannender ist, wie der holländische Architekt Rem Koolhaas durch die Verwendung von transparenten Materialien in der 2005 eingeweihten Casa da Música die Grenzen zwischen innen und aussen verwischt. Das Konzerthaus wird zwar von vielen Portuensern despektierlich «die weisse Schuhschachtel» genannt. Diese Reduktion auf die kubische Aussenform lässt sich so erklären, dass die Leute den Bau noch nie aus der Nähe gesehen und nie die Akustik im Innern erlebt haben. Ausserdem spricht aus ihr das Misstrauen gegenüber dem 100 Millionen Euro teuren Renommierobjekt, das nicht der Mentalität der Bewohner entspricht. Schliesslich sagt der portugiesische Volksmund, dass in Porto das Geld erarbeitet wird, das die Bürokraten in Lissabon mit vollen Händen zum Fenster hinauswerfen. (Das Magazin)
Erstellt: 16.01.2009, 11:58 Uhr
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