Reiseziel Genossenschaftsbauten
Was ist das denn für eine Idee? Wieso sollte jemand Wohnsilos bewundern? Als letztes Jahr sechs Berliner Wohnsiedlungen zum Unesco-Welterbe ernannt wurden, reagierten selbst die Berliner etwas verwundert. Dabei sind die nicht leicht in Verlegenheit zu bringen, wenn es um die Vorzüge ihrer Stadt geht. Aber Genossenschaftsbauten und Weltrang?
Sehr schön und mit Geduld kann das Hubert Staroste erklären. Er ist leitender Dokumentar im Denkmalamt Berlin. Ein Mann, dessen Stolz ohne Auftrumpfen auskommt. Zunächst erklärt Staroste, wie der Unesco-Titel gewonnen wurde. Dann macht er klar, wie faszinierend so etwas Einfaches wie eine Siedlung sein kann.
«Wir waren von unserem Durchmarsch selber etwas überrascht», kommentiert er den Unesco-Titel von 2008, auf den Berlin mehr als zehn Jahre hingearbeitet hatte. Jedes Jahr darf sich nur eines der 16 deutschen Bundesländer bei der Unesco bewerben. Das Karussell dreht sich also im Schneckentempo, mit einer Umdrehung alle 16 Jahre. Die Berliner mussten lange warten, nutzten aber diese Frist, um ein Kontaktnetz für ihre Bewerbung zu knüpfen, Fachleute zu überzeugen.
Geholfen hat zudem, dass die Unesco selbst einen Mangel an Zeugnissen des 19. und 20. Jahrhunderts in ihrer Auswahl festgestellt habe. Deshalb stiess die Berliner Bewerbung auf offene Ohren und wurde gleich im ersten Anlauf akzeptiert.
Neukölln: Das nächste grosse Ding
Inzwischen erfreuen sich die Bauten der Berliner Moderne wachsender Beliebtheit. Die Touristenmassen bleiben zwar aus, aber das Fachpublikum pilgert nach Berlin Falkenberg zur bunten Tuschkastensiedlung oder zur Hufeisensiedlung nach Neukölln (im Bild). Es ist ein Tourismus, der wenig Geld, aber viel Prestige bringt.
Wir besuchen die Hufeisensiedlung in Neukölln. Die Berliner Trend-Medien behaupten gern, Neukölln sei die nächste grosse Nummer, der aufstrebende Bezirk der Stadt. Aber das ist noch ein weiter Weg. Derzeit ist Neukölln bekannt für die Rütli-Schule, für Integrationsprobleme und Kriminalität. Einem Kollegen wurde in Neukölln die Fotoausrüstung geklaut, als er gerade Polizisten fotografierte. Doch die Hufeisensiedlung ist anders: Stylisch in ihrer zurückhaltenden Biederkeit. Die Bauten sind durchkonzipiert: Lange Wohnhäuser entlang der Hauptstrassen riegeln die Siedlung vom Lärm ab. Dahinter sind Einfamilienhäuschen aufgereiht und im Zentrum, um einen Weiher, thront das Hufeisen. Die Häuser sind Pretiosen, von den Eigentümern offenkundig geliebt: Hier eine Büste im Fenster, dort eine Porzellansammlung. Zeugen von Bürgerstolz. Fensterkreuze, Haustüren, Farbgebung - viele Details erzählen heute noch vom Gestaltungswillen des Architekten Bruno Taut, von seiner Visionen einer heilen, kleinbürgerlichen Welt im Berlin der 20er-Jahre.
Die Wohnungen sind begehrt: Neukölln hat eine hohe Ausländerquote, in manchen Ecken 40 Prozent. Die Grosssiedlung Britz mit ihrem Hufeisen dagegen ist rein deutsches Gebiet. Hier grüssen sich die Menschen auf der Strasse - als lebten sie in ihrem eigenen Dorf.
Zur Zeit der Weimarer Republik entwickelte sich Berlin zur Weltstadt. Um 1900 lebten hier noch weniger als 200'000 Menschen. 1920 hatte sich ihre Zahl verdoppelt. Mit Kriegsende strömten die demobilisierten Soldaten in die Stadt. Die Wohnungsnot wurde zur brennenden sozialen Frage. Zugleich zog Berlin die Architektur-Avantgarde an, Leute wie Gropius, Pelzig, Mies van der Rohe und der erwähnte Taut, die sich der Wohnungsmisere annahmen. Die Architekten planten grosse Siedlungen, die neue Standards im Wohnungsbau setzten. Wohnliche Anlagen sollten entstehen, die Grünflächen als «Aussenwohnräume» boten, mit kleinen Küchen und abgetrennten Wohnzimmern als den Inbegriffen der Bürgerlichkeit. Wohnungen, die quer zu lüften waren und Schluss machten mit dem stickigen Mief der preussischen Mietskasernen.
Baugenossenschaften wurden gegründet, wie die «Gemeinnützigen Heimstätten, Spar- und Bau-Aktiengesellschaft» (Gehag). Die Genossenschaften versuchten durch Standardisierungen die Baukosten zu senken, um den neuen Komfort erschwinglich zu halten.
Quer über ganz Berlin verteilt
Der Aufbruchsgeist, der gesellschaftspolitische Stolz dieser Zeit sticht noch heute ins Auge, wenn man sich der Hufeisensiedlung nähert und von einem sozialistisch-roten Riegel gestoppt wird, einem Block mit drei Wohngeschossen und einem Aufbau mit Gemeinschaftsräumen. Die Hufeisensiedlung wurde in den Jahren 1925 bis 1930 gebaut. Das Experiment war ein Erfolg: Zwischen 1924 und 1932 errichteten die Baugenossenschaften in Berlin fast 200'000 Wohnungen für mehr als 680'000 Menschen. Dann kamen die Nazis an die Macht, und die sozialdemokratischen Wohnungsbauer mussten ins Exil. Ihre Vision des erschwinglichen, lebenswerten Wohnraums aber hat überdauert und kann heute bestaunt werden.
Mit einer Einschränkung: Die sechs Bauten des Welterbes sind über die ganze Stadt verteilt. Wer sie alle sehen möchte, braucht Zeit. Viel Zeit. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 06.03.2009, 13:19 Uhr









