Leben

Safari im rauen Hochmoor

Von Ingrid Schindler. Aktualisiert am 13.03.2010

Weite Landschaften, halbwilde Ponys und pittoreske Piratenverstecke auf einsamen Inseln - in Connemara zeigt sich Irland von seiner wildromantischen Seite. - Teil 1 der grossen Reisereportage.

Weite Landschaften: Irlands romantische Seite zeigt sich in Connemara.

Weite Landschaften: Irlands romantische Seite zeigt sich in Connemara.
Bild: Keystone

In Connemara zu Hause: Das Connemara-Pony entstand im 16. Jahrhundert, als irische Ponys sich mit Pferden kreuzten, die den Untergang spanischer Galeeren vor der westirischen Küste überlebt hatten.

In Connemara zu Hause: Das Connemara-Pony entstand im 16. Jahrhundert, als irische Ponys sich mit Pferden kreuzten, die den Untergang spanischer Galeeren vor der westirischen Küste überlebt hatten.

Links

Tipps&Infos

Anreise: Flug nach Dublin, weiter mit dem Mietwagen über die neue Autobahn nach Galway (215 km, 2,5 Std.) und von dort nach Clifden (87 km, ca. 1,5 Std.).

Übernachten: In Galway: The Meyrick, stilvolles Grandhotel (siehe Link). Clifden: Abbeyglen Castle Hotel (sowie einige B&Bs an der Sky Road) - siehe Link.

Connemara-Safari: Die gesamte Tour dauert fünf Tage und startet in Clifden im Abbeyglen Castle, führt über Killary Harbour nach Inishbofin, Inishturk bis nach Clare Island. Preis all inclusive: 699 Euro (rund 1025 Fr.), Frühbuchrabatt 15 Prozent. Flexible Termine für Gruppen, auf Wunsch auch länger.

Die Inseln: Unterkünfte gibt es auf Inishbofin (200 Einwohner) sowie auf Clare Island (120 Einwohner) und Inishturk (North, 70 Einwohner). www.irelandsislands.com.

Clifden: 1800 Einwohner, das Zentrum Connemaras, bekannt für seine Singing Pubs. Im August grosse Connemara Ponyshow.

Galway: Die jüngste, am schnellsten wachsende, bereits jetzt drittgrösste Stadt (75'000 Einwohner). Ausgangspunkt für Autorundreisen durch Connemara.

Shopping in Galway: Irische Delikatessen, Whiskey bei McCambridge’s, 38-39 Shop Street, Riesensortiment preisgünstiger Bücher bei Charlie Byrne’s Bookshop, Middle St., Original-Claddagh-Ring, der keltische Freundschaftsring bei Thomas Dillon, 1 Quay Street.

Stadtführungen in Galway: Conor Riordan, www.discoverwest.ie.

Weitere Tipps: Connemara Nationalpark. Eine Traumstrecke im Auto sind die 25 Kilometer von Clifden nach Ballyconneely, wo die Roberts Meeresfrüchte und Fische räuchern. Kylmore Abbey: Kloster am See mit viktorianischem Walled Garden.

In Connemara beginnt der Frühling schon im Februar. An der Sky Road, die von Connemaras «Metropole» Clifden, einem Kaff mit zwei Kirchen und zahlreichen Pubs, zu den Inseln im äussersten Westen Irlands führt, blüht der gelbe Ginster, und die Fuchsien tragen dicke Knospen. «Der Stechginster blüht immer als Erstes», sagt Brian Hughes, der mit uns über die enge Panoramastrasse geradewegs in die Wetterküche über dem Atlantik kurvt.

«Kommt der Wind von Osten, wird es warm und schön», erklärt der Hotelier in wasserdichter Wandermontur. Jäh reisst der Wind die schwarzgrauen Wolken auf und taucht die Küstenlandschaft in dramatisches Licht. Heute kommt er wie an den meisten Tagen aus Westen und jagt atlantische Tiefausläufer über den grossen Teich. «Das Wetter wechselt hier so schnell, dass wir alle vier Jahreszeiten an einem Tag erleben», sagt Hughes.

Inseln ideal für Wanderungen

Den 42-jährigen Besitzer des Abbeyglen Castle Hotels in Clifden zog es schon immer in die wilden Weiten Connemaras und seine vorgelagerten Inseln, die für Wanderungen wie geschaffen sind. Und weil der quirlige Ire dabei Gesellschaft schätzt und gerne lukullische Picknicks in unzugänglichen Piratennestern veranstaltet, hat er vor 16 Jahren aus seiner Lust eine touristische Tugend gemacht: die «Connemara Safari». Von Juni bis September, und wenn es die Küche des Castles erlaubt, auch darüber hinaus, veranstaltet er für Gruppen bis zu 15 Teilnehmern Wandertouren auf die Inseln Inishbofin, Inish Shark, die beiden Inishturks und Clare Island. Brians Co-Inselhüpfer Gerry McCloskey (63) ist in der Nebensaison der Koch des Castles. Er kennt nebst Singing Pubs und Pilgerpfaden auch jeden Findling und Steinzeitkreis, denn nach 30 Jahren höchst erfolgreicher Arbeit in den Küchen Connemaras hat er Archäologie studiert.

Einst das Ende der Welt

Hier ein Hallo, dort ein Schwätzchen - Brian und Gerry lassen sich Zeit und unser Boot, die Island Discovery, wartet dann eben ein wenig länger mit dem Ablegen. Die Fähre verkehrt regelmässig zwischen dem Fischernest Cleggan und Inishbofin, wo das Reich der einstigen Piratenkönigin Grace O’Malley beginnt. Die Überfahrt dauert eine gute halbe Stunde. Die Fähre zieht in der Clew Bay an Weiden vorbei, auf denen Connemara-Ponys tollen und Megalithgräber seit Jahrtausenden Wind und Wetter trotzen, die Kegel der Twelve Bens im Rücken und den kleinen Leuchtturm vor Cromwells Festungsruinen auf Inishbofin im Visier.

«Go to hell or go to Connaught!», hiess es in früheren Zeiten, wenn man jemanden aus der Welt schaffen wollte. Ins raue Connemara, das zum County Galway und in die Provinz Connaught gehört, verbannte Oliver Cromwell, der Gründer der englischen Republik, zu der Irland vorübergehend zählte, einst unliebsame Zeitgenossen, vor allem katholische Mönche. Überhaupt ist das einsame Connemara geschichtsträchtiger, als man denkt. «Schon vor 6000 Jahren kamen keltische Siedler hierher und begannen mit dem Anbau von Emmer und Einkorn», erzählt Gerry. Vor der letzten Eiszeit war das Klima wärmer und freundlicher als heute.

Unfreundlich wurden hingegen die Falco Blanco Meridiano und andere Galeeren der spanischen Armada empfangen, als sie im 16. Jahrhundert in der Clew Bay Schutz suchten. Deren Wracks sind heute eine Attraktion für Taucher und bescherten Connemara das Pony. Einige der Araberpferde an Bord der gesunkenen Schiffe schafften es an Land und kreuzten sich mit den einheimischen Ponys, woraus das robuste Connemara Pony hervorging, das laut Zuchtstatuten ein Stockmass von maximal 1,48 Meter haben darf.

Türkisblaues, kaltes Meer

Auch fremden Handelsschiffen wurde hier zu Zeiten von Elizabeth I. und Francis Drake übel mitgespielt. Gerry deutet beim Einlaufen in den Naturhafen von Inishbofin auf die Klippen: «Von einer Seite zur anderen liess Grace O’Malley Ketten spannen, sodass die vor Anker liegenden Schiffe nicht hinausfahren konnten und nur gegen Zahlung hoher Wegezölle freikamen.» Die seefeste, navigationstüchtige und schlachtenerprobte Tochter des Clanchefs der O’Malleys schlug sich derart erfolgreich in den westirischen Gewässern, dass sie als Piratenkönigin in allen Ehren von der gleichaltrigen Elizabeth I. an deren Hof empfangen wurde. Die beiden Damen sollen sich auf Anhieb verstanden haben.

Anders als in Piratenzeiten ist der Empfang auf der Insel heute herzlich. Man kennt Brian auch hier, was bei 200 Einwohnern und der irischen Geselligkeit kein Wunder ist. Im Winter käme eh kaum jemand her, meint er, da freue man sich über jeden Besuch. Doch bevor im Pub Tratsch ausgetauscht, Wetten abgeschlossen und Whiskey-Grogs getrunken werden, steht Wandern auf dem Programm.

Der Weg verläuft ein paar Kilometer sanft ansteigend über weiches Gras an moos- und flechtenbewachsenen Steinmauern entlang. Die felsige Küste unterbricht immer wieder ein traumhafter Sandstrand. Bricht die Sonne durch, schillert das Wasser in einladendem Karibiktürkis - wärmer als 13 Grad wird es jedoch kaum. Die leerstehenden Häuser von Inish Shark gegenüber und Kreuze am Wegrand zur Erinnerung an Ertrunkene rufen schnell ins Gedächtnis, dass das Leben am Meer hier keine Wellnesspackage ist.

Als die Klippen mit den Seevogelkolonien immer höher werden und sich die Buchten immer tiefer in die Insel eingraben, wechselt die Farbe des Bodens von Weidegrün zu Torfschwarz. Ein grosser Teil der Insel besteht aus Bog, Hochmoor, wie es typisch für die Region ist. Stege führen über unpassierbare Stellen. Der Himmel weint sich seit Jahrhunderten so heftig in dieser Gegend aus, dass der Boden das Wasser nicht aufnehmen kann. Hier ist längst kein Land mehr für Getreide.

Insel der weissen Kuh

An einem Felsentor ist Zeit für die Rast. Brian packt Wildlachs aus, Ballyconneely steht auf dem Etikett. Das ist die Räucherei der Roberts, die wegen ihrer Liebe zu Qualität und alter Handwerkskunst als «Hüter der Räucherfische» oder gar «Food Heroes» gelten, wie Fischkoch Rick Stein von BBC sagt. Der Lachs schmeckt köstlich, der Pinot Grigio ebenso. Dazu gibt es Sandwiches mit frischen Atlantikkrabben, gefülltes Poulet mit Tomatenbrot und Erdbeeren zum Dessert.

Gut gestärkt geht es weiter über die Insel, die ihren Namen einer keltischen Sage verdankt: Ein Fischer und sein Sohn verirrten sich im dichten Nebel vor Inishbofin und beschlossen, Fisch zu braten. Sie entfachten das Feuer mit einem Stück glühenden Torfs, das sie wie alle Fischer immer bei sich hatten. Plötzlich erblickten sie eine Hexe. Die beiden hielten auf sie zu, um sie zu vertreiben. Da verwandelte sich die Hexe in eine weisse Kuh. Der Junge zog diese am Schwanz, und siehe da, die Kuh wurde zu einem grossen Quarzfelsen. Der Nebel wich, der Fels blieb und heisst seitdem «Insel der weissen Kuh». Die Leute heizen hier ihre Häuser heute noch mit Torf.

Nicht endende Geschichten

Mit Geschichten und Liedern ist der Weg zu Robbenkolonien, alten Klöstern und Relikten aus der Eisenzeit kurz. Am Zielpunkt Pub warten schon die nächsten Geschichten. Vor dem Eingang liegt ein Curragh auf dem Kopf, eines der traditionellen Fischerboote Connemaras. Diese bestehen aus mit Schaftalg und Teer abgedichteter Kuhhaut, die sich um einen Holzrahmen spannt. «Wegen ihres flachen Rumpfs und dem geringen Gewicht sind die Ruderboote extrem schnell», sagt Brian, den man leicht für eine wortwörtliche Spritztour gewinnen kann. Dann rudert er seine Gäste im Curragh übers Meer nach Inishturk South oder ein anderes gottverlassenes Piratennest.

Zufällig steht am Strand eine alte Hummerkiste als Tisch parat, Strandgut dient als Sitz, und der Schlossherr alias Safari-Experte zaubert Guiness, Champagner, eine Gitarre und einen gut gefüllten Picknickkorb aus dem Bauch des Boots hervor - und neue Geschichten hat er sicher auch parat.

Das Connemara-Pony entstand im 16. Jahrhundert, als irische Ponys sich mit Pferden kreuzten, die den Untergang spanischer Galeeren vor der westirischen Küste überlebt hatten. Foto: Ingrid Schindler (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.03.2010, 06:48 Uhr

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