Skigebiete laden Raser zum Chillen ein

Von Christoph Landolt. Aktualisiert am 18.03.2009 8 Kommentare

Skigebiete predigen Genuss statt Tempo. Tagesanzeiger.ch/Newsnet-Redaktor Christoph Landolt entdeckt das Langsamfahren – genau dort, wo er einst wegen einer Blondine einen Geschwindigkeitsrekord aufgestellt hat.

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Raser sollen draussen bleiben – ausgerechnet hier.
Christian Jäggi

   

Sie war siebzehn, blond, mit atemberaubenden Kurven gesegnet und hatte Augen, die blau waren wie der St. Moritzersee. Ich war so verliebt in meine Skilagerbekanntschaft, dass ich jegliche Vernunft vermissen liess. Obwohl machistischen Mutproben sonst durchaus abgeneigt, stürzte ich mich zu Imponierzwecken derart mutig in den steilen Paradiso-Hang, dass an Bremsen bald nicht mehr zu denken war. Ich überlebte die Schussfahrt mit schlotternden Knien und mit Adrenalin vollgepumpt, aber letztlich unbeschadet. Sie aber war mässig beeindruckt, und so beschloss ich, es künftig mit dem Rasen bleiben zu lassen.

Umso grösser dann mein Erstaunen, als ich Jahre später zu beruflichen Zwecken wieder an die gleiche Piste komme. Sie ist jetzt mit einem giftgrünen Banner mit der Aufschrift «ChilloutRiding» versehen. Hier ist Genussfahren angesagt; Pistenraser sollen draussen bleiben. Die Skifahrer werden dazu eingeladen, «es ein bisschen lockerer zu nehmen», wie Skilehrerin Michèle Misteli es ausdrückt. «Im Mittelpunkt steht das Geniessen der Natur, das Körpererlebnis auf den Ski und ein entspanntes Fahren»

Angst vor einer Regulierungswelle

Die staatlichen Präventionskampagnen und einige aufsehenerregende Unfälle haben in den Medien ein breites Echo geworfen – zum Ärger der Bergbahnen. Markus Meili, Geschäftsführer der St. Moritzer Bergbahnen gibt sich zerknirscht: «Die Beamten brauchen ein Thema, um zu Geld zu kommen. Nun gehen sie auf die Skifahrer los.»

Die Behauptung im berühmten BFU-Werbespot mit dem Helikopter-Geschwader, dass pro Tag 1000 Skiunfälle passierten, sei schlicht falsch, sagt Meili. Die tatsächliche Zahl sei viel tiefer. Auch die BFU gebe zu, dass auf den Pisten weniger Unfälle passieren als früher. Zugenommen hat dagegen die Zahl der schweren Verletzungen. Diese Einschätzung teilt auch er. «Das Tempo auf den Pisten hat sich verschärft. Das hat damit zu tun, dass die Pisten immer besser präpariert sind und deshalb höhere Geschwindigkeiten zulassen.»

Spass ohne Tempo-Exzesse

Bei den Bergbahnen Engadin St. Moritz fürchtet man Imageschäden. Deshalb soll auf den Pisten gemächlicher und rücksichtsvoller gefahren werden. Dabei will man nicht mit Horror-Spots und erhobenem Zeigefinger diejenigen Gäste abschrecken, die eh schon Angst vor Pistenrowdys haben. Ganz im Gegenteil: Anfänger und junge Skifahrer sollen verinnerlichen, dass man auf den Ski auch ohne Tempo-Exzesse Spass haben kann. Unter dem Begriff «ChilloutRiding» sensibilisieren Wintersportorte, Skischulen und Hotels ihre Gäste. «Eigentlich machen wir gar nichts Spezielles. Ich zeige meinen Kunden einfach, wie sie die Natur geniessen können, indem sie einmal innehalten. Oder wie sie ihre Bewegungsabläufe verfeinern, indem sie zum Beispiel auf ihre Atmung achten», sagt Misteli.

Bereits haben die Skigebiete von Davos Klosters, Zermatt, Jungfrau und St. Moritz Pisten ausgeschieden, auf denen Raser nicht willkommen sind. Christian Jäggi, der Initiant des Projekts, verhandelt mit weiteren Partnern: «Wir sind auch im Gespräch mit Swiss Snowsports sowie Jugend + Sport. Die Skimarke Head ist auch dabei. Denn über den direkten Kontakt zu den Skifahrern kann ChilloutRiding am besten vermittelt werden.»

Skilehrer werden sensibilisiert

Dazu hat die Skischule des Hotels Suvretta in St. Moritz ein Programm in mehreren Lektionen entwickelt, das allen Skilehrern im Oberengadin demonstriert wurde. Der Direktor von Suvretta Snowsports, Patrik Wiederkehr, sagt, dass man Gästen heute anrate, nicht unbedingt die teuersten Rennski zu mieten. «Die teuersten Ski sind nicht unbedingt für jeden Gast die besten. Ein Genussfahrer braucht keine Latten, die sich aggressiv in den Schnee fressen und nur schwierig kontrollierbar sind.»

Eine Philosophie, die auch der Glarner Ski- und Snowboardproduzent Palmer teilt: Mit der technischen Aufrüstung auf den Pisten soll Schluss sein. Dazu hat man ein neues Produkt entwickelt: flache Ski. «Die neuen Spitzen reduzieren beim Carven den Kantendruck und machen unsere Ski weniger aggressiv und leichter kontrollierbar. Sie reagieren bereitwillig und bieten in den Kurven einen fantastischen Halt. Das spart Kraft, schont die Knie und macht mehr Spass», sagt Jürg Kunz von Palmer.

Snowboard-Lifestyle soll Skifahren entschärfen

«Unsere Marke hat ihre Wurzeln im Snowboarden», erklärt Kunz, der das Label vor achtzehn Jahren gemeinsam mit Snowboard-Champion Shaun Palmer aufgebaut hat. «Mit unseren Ski wollen wir das Lebensgefühl, das es beim Snowboarden schon immer gab, aufs Skifahren übertragen: Spass und Genuss statt Tempobolzerei.» Tatsächlich: Die getesteten Palmer P02 drehen schon bei tiefen Geschwindigkeiten sehr leicht und lassen jederzeit gemütliches Carven zu, sind aber auch bei hohem Tempo gut zu kontrollieren.

Keine Sekunde komme ich in Versuchung, zu schnell zu fahren. Die Ski bereiten auch so viel Spass. Und Michèle, soviel ist klar, beeindrucken elegante Schwünge mehr als Schussabfahrten. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 18.03.2009, 14:21 Uhr

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8 Kommentare

Lisa Dühring

18.03.2009, 17:37 Uhr
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Ich bin gerade in der Schweiz, bin Anfängerin beim Skifahren und habe mir schon überlegt, wo ich Pisten finde, auf denen die Leute nicht so schnell herunterrasen. 2 x schon habe ich beobachtet, wie gerade kleine Kinder und Familien hilflos den Rasern hinterherschimpfen, die Kinder platt fahren... ist das hier so üblich in der Schweiz? coole Kampagne... :-) Antworten


Nicola Hammerschmidt

18.03.2009, 17:19 Uhr
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Die Kampagne kann ich 100%ig unterschreiben. So wurde genau heute Nachmittag mein 4,5 jähriger Sohn in Melchsee Frutt von einer unkontrolliert fahrenden Raserin überfahren und wurde vom Pistendienst abtransportiert. Alles war ein Schock für ihn, wo er erst ein paar Tage Ski fährt. Wo kann ich sicher mit ihm fahren ohne Angst vor Rasern zu haben?Sind tats nur 4 Skigebiete sicher?Wo sind die andern? Antworten



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