Tropen für Anfänger

Die Seychellen gelten als exotisches Inselparadies ohne gröbere Umweltsünden. Herausfordernd bleibt die Diskrepanz zwischen dem Luxus für Besucher und dem Leben der Einheimischen.

Der Granit in der Brandung imitiert die Wellen: Die Anse Source d’Argent auf der Insel La Digue gilt als einer der schönsten Strände der Welt. Foto: Thomas Linkel (Laif)

Der Granit in der Brandung imitiert die Wellen: Die Anse Source d’Argent auf der Insel La Digue gilt als einer der schönsten Strände der Welt. Foto: Thomas Linkel (Laif)

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Oscar schaut uns an, als hätten wir ihn gerade nach dem Weg zum Mars gefragt. Dabei wollten wir nur wissen, wo die nächste Bushaltestelle ist. Der Butler schüttelt den Kopf: «Wir haben doch einen Chauffeurservice!» Zugegeben, es ist etwas atypisch, Ferien im Edel­resort Raffles auf den Seychellen zu verbringen und den schrottigen Linienbus der klimatisierten Karosse vorzuziehen.

Die meisten Gäste hier wollen Luxus im Kolonialstil. Eine Villa mitten in tropischer Gartenlandschaft, einen Privatpool mit Sicht auf den Indischen Ozean und 24-Stunden-Butlerservice. Preis: Mindestens 600 Franken pro Nacht. Ein Einheimischer muss dafür im Schnitt einen Monat arbeiten.

Die Seychellen sind ein Sehnsuchtsziel. Keine Wirbelstürme, keine giftigen Tiere, keine Diebe – ausser den kleinen, roten Vögeln, die Mango- und Papayastücke vom Frühstücksbuffet klauen. Tropen für Anfänger, einsame Traumstrände inklusive. Trotzdem verlassen viele Touristen ihr Resort nur selten. Ein Fehler: Die Seychellen ­haben mehr zu bieten als Luxus und Honeymoon-Romantik. Am nächsten kommt man dem Inselleben auf einer Busfahrt. Butler Oscar hat uns inzwischen aufgeklärt: Eine offizielle Haltestelle gibt es in der Umgebung nicht. Die Busse halten auch auf Handzeichen.

Eine Inselrundfahrt auf Praslin kostet 5 Seychellen-Rupien, rund 35 Rappen. Die blauen, in Indien gebauten Tata-Busse prägen das Strassenbild. Sie fahren regelmässig, wenn auch nicht pünktlich, kurven über staubige Strassen, ­vorbei an baufälligen afrikanischen Dörfern, an teuren Hotels und sattgrünen Vanilleplantagen. Die holprige Fahrt in den abgenutzten Plastiksitzen ist ein ­Erlebnis. Der Fahrer telefoniert, während er mageren Hühnern ausweicht. Festhalten! Ein junger Surfer beschallt den Bus mit Dancehall-Rhythmen, die feuchtheisse Tropenluft wabert durch die offenen Fenster.

Beim Busfahren treffen Inselbewohner jeder Art aufeinander: Marktfrauen mit prall gefüllten Säcken, Fischer mit frischem, aber riechendem Morgenfang, Studenten in fein säuberlich gebügelten Schuluniformen. Indische Gastarbeiter, rauchende Pensionäre und französische Auswanderer in tropfenden Badehosen. Wer aussteigen will, ruft «Devant!», am besten mit kreolischem Akzent.

Die Seychellois sind wie die Riesenschildkröten auf den Inseln. Von ihnen müssen sie die Musse gelernt haben, stundenlang an der brennenden Sonne zu dösen, nie zu hetzen und auch die dämlichsten Touristenfragen charmant wegzulächeln.

Die Ruhe selbst

Am geruhsamsten geht es auf der Insel La Digue zu. Vom Hafen Praslins nahe dem Raffles-Hotel erreicht man La Digue mit der Fähre bequem in 20 Minuten. Bequem, wenn Windstille herrscht. Bei stürmischer See kann sich das schnell ändern – dann werden die Kotztüten zur wichtigsten Schiffsausstattung.

Auf La Digue leben etwas mehr als 2000 der insgesamt 90'000 Seycheller. Viele von ihnen arbeiten in der Tourismusbranche. Doch im Gegensatz zu Praslin oder der Hauptinsel Mahé dominieren auf La Digue nicht die Luxus­hotels, sondern Selbstversorger-Bungalows und familiäre Gasthäuser.

Bis vor wenigen Jahren war der ­Ochsenkarren das Hauptverkehrsmittel. Heute begegnet man ab und zu einem Auto, 50 davon gibt es auf der Insel; Bewohner und Touristen bewegen sich auf dem Velo. Am Hafen buhlen Vermieter um die wenigen Tagesgäste. Glücklich ist, wer eines mit Gangschaltung ergattert. Ein Schloss wird nicht mitgeliefert – auf La Digue klaut man nicht.

Man hat Mühe, die kleine Insel im ­Indischen Ozean auf der Landkarte zu finden. Sie ist tausend Kilometer vom afrikanischen Festland entfernt, «a thousand miles from anywhere», wie es in einem beliebten Volkslied heisst. Und so fühlt es sich auch an. Das Leben auf La Digue scheint stillzustehen. Gemütlich pedalen die Leute über die sandigen Wege, die an traumhaft schönen Stränden oder im dichten Regenwald enden.

Wer La Digue beschreibt, verfällt schnell in klischeehafte Sprachbilder. Doch für einmal sind sie angebracht: Sand wie Puderzucker, kristallklares Wasser, paradiesische Pflanzenwelt. Das Highlight ist die Anse Source d’Argent mit den spektakulären Granitfelsen. Der Küstenstreifen wird in Rankings oft zum schönsten Strand der Welt gekürt.

Auf einer Mauer am Hafen sitzt ­James. Der alte Mann ist so klein und schmal, dass man fürchtet, der Wind könnte ihn davontragen. Auf einem Holztisch vor ihm liegen Fische: rötlich, silbern und ein grosser gelb leuchtender mit weit aufgesperrtem Maul und glasigen Augen. «Seit ich 16 bin, fahre ich täglich auf das Meer hinaus», sagt James. Seine Stimme klingt rauchig und tiefer, als man es erwartet. Mit einer Handbewegung verscheucht er die Fliegen, die immer wieder sein Gesicht ansteuern. «Die Natur ist unser grösstes Kapital. Dank ihr haben viele von uns ein gesichertes Einkommen.»

Die Politik macht viel, damit das so bleibt. Staatliche Auflagen beschränken die Zahl der Seychellen-Touristen. ­Jährlich kommen etwa 130'000 Gäste. Umweltschutzprojekte werden gefördert, der Ökotourismus boomt. Das Recht auf eine intakte Natur wurde ­sogar in der Verfassung verankert.

«Your home?»

Die Massnahmen tragen dazu bei, dass der Lebensstandard im Inselstaat deutlich besser ist als auf dem afrikanischen Festland. Trotzdem wirkt die Diskrepanz zwischen dem ausschweifenden Leben in den Luxushotels und dem ­Alltag der Einheimischen in den oftmals heruntergekommenen Häusern riesig, zuweilen verstörend.

«Devant!», rufen wir dem Busfahrer zu. Er hält vor dem edlen Eingangs­tor des Raffles Resort. Wir spüren die Blicke der anderen Passagiere. «Your home?», fragt der Fahrer und lacht. Sein Hemd ist dreckig, die Sandalen abgewetzt.

An der Rezeption wartet Oscar in ­nobler Butleruniform. Er reicht kühles Wasser und fährt uns mit dem geräuschlosen Golfwägelchen in die Villa.

Die Reise wurde unterstützt von Emirates Airline.

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 17.02.2016, 17:36 Uhr)

Seychellen

Tipps und Infos

Anreise: Emirates fliegt in 13 Stunden von Zürich via Dubai nach Mahé, ab Dubai im Airbus A380. Retourticket Economy ab 1292 Fr. bei Manta Reisen. Emirates: Tel. 0844 111 555, www.emirates.ch

Unterkunft:

Raffles, Insel Praslin: DZ ab 580 Fr. inkl. Frühstück und Privatpool, www.raffles.com/praslin

Maia Luxury Resort & Spa, Mahé: Villa ab 2100 Fr. pro Nacht inkl. VP und Butlerservice, www.maia.com.sc

Reiseveranstalter: Seychellen-Programme bei Manta Reisen, Travelhouse oder Let’s go Tours.

Beste Reisezeit: Ganzjährig warmes, tropisches Klima. Lufttemperaturen fast nie unter 24 Grad Celsius, Wassertemperaturen selten unter 26 Grad. Optimale Zeit zum Tauchen: September bis Mitte Dezember und März bis Mitte Mai.

Inselerlebnisse:

Insel La Digue mit Traumstrand Anse Source d’Argent

Insel Praslin: Nationalpark und Weltnaturerbe Vallée de Mai

Insel Mahé: Hauptstadt Victoria mit farbenfrohen Märkten und netten Bars

Umfangreicher Strandguide: www.seyvillas.com/html/beaches

Allgemeine Informationen: www.seychelles.travel

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