«Wanderleiter haben mit roten Socken nichts zu tun»
Von Paula Lanfranconi. Aktualisiert am 03.09.2009
Wandern ist sein Beruf: Anselmo Loretan.
Wer bietet welche Ausbildung?
Schweizerischer Bergführerverband (SBV: Als besonderen Vorteil nennt der SBV seine lange Erfahrung mit der Bergführerausbildung. Den Schwerpunkt seiner Ausbildung legen die Bergfexe denn auch auf das Risikomanagement. Im Sommer geht es um Themen wie Ausrutschen, Steinschlag, Wetterwechsel, Orientierung bei Nebel. Im Winter stehen Lawinenfragen im Vordergrund. Dazu kommen Kenntnisse über Natur, Umwelt und Kultur. Der modulare Kurs dauert 40 Tage, dazu kommen noch 16 Praktikumstage. Die Ausbildung kostet rund 12'500 Fr. Anmeldeschluss für den Lehrgang 2010/2011: 20. September 2009.
Wanderleiterschule St-Jean: Mit 80 Tagen bietet diese Walliser Schule nach eigenen Angaben die umfangreichste Ausbildung im deutschsprachigen Alpenraum an. Im ersten Sommermodul stehen Sicherheit und Naturkenntnisse im Zentrum. Im Sommermodul des zweiten Jahres geht es vor allem um die konkrete Arbeit als Wanderleiter. Die Teilnehmenden stellen ein eigenes Programm zusammen und suchen dafür zahlende Kunden. Im Wintermodul geht es ums Schneeschuhwandern. Die Absolventen schreiben eine Abschlussarbeit und erhalten ein Diplom des Schweiz. Verbandes der Wanderleiter (ASAM). Die Ausbildung kostet 12 000 Fr. und dauert 80 Tage, verteilt über drei Jahre. Nächster Eintrittstest: 3./4. Oktober 2009; Anmeldeschluss: 10. September. Kursbeginn ist der 11. April 2010.
Schweizer Wanderwege: Dieser Kurs ist für Hobby-Wanderleiter gedacht. Mit dem Zertifikat «Wanderleiter/Wanderleiterin Schweizer Wanderwege» darf man im Auftrag der kantonalen Wanderwegorganisationen ehrenamtlich Wanderungen bis und mit Schwierigkeitsgrad «Bergwanderweg» leiten. Der Kurs dauert 5 bis 7 Tage; Voraussetzung ist ein Samariterkurs. Kosten: 1000 bis 1500 Fr. Durchgeführt werden die Kurse von den Bündner und den Berner Wanderwegen.
Warum sollen Laien sich überhaupt zum Wanderleiter ausbilden? Wer in der Schweiz wandert, der braucht ja bloss den Wegweisern zu folgen.
Klar, wer nur von A nach B gelangen will, der findet den Weg ohne Problem. Als Wanderleiter kann ich jedoch meinen Kunden etwas über die Region, die Zusammenhänge zwischen topografischer Lage, Wirtschaft, Kultur, Flora und Fauna vermitteln. Warum wachsen auf dieser Blumenwiese genau diese Pflanzen? Oder was hat diese Kapelle mit den lokalen Sagen zu tun?
Böse Zungen behaupten, Wanderleiter seien bloss gescheiterte Bergführer, die ein neues Geschäftsfeld entdeckt hätten. Was für Leute kommen denn an Ihre Schule?
Wir haben Teilnehmende mit den unterschiedlichsten Berufen, vom Lokführer über die Krankenschwester bis zum Banker. Altersmässig reicht das Spektrum von 20 bis 60 Jahren.
Drückt man während der Ausbildung mehrheitlich die Schulbank?
Nein, Theorie und Praxis machen je etwa 50 Prozent der Ausbildung aus. Das Spezielle ist, dass wir in St-Jean im Walliser Val d’Anniviers ein eigenes Schulungszentrum besitzen. Die Bergwelt liegt also direkt vor unserer Haustür. Wir machen immer wieder Exkursionen. Während des Wintermoduls sind wir auch zwei Wochen im Jura; die Teilnehmenden stellen sich dort den Herausforderungen des Schneeschuhwanderns.
Muss man als Wanderleiter, Wanderleiterin speziell fit sein – Sie führen ja einen Eintrittstest durch?
Ja, es gibt einen Eintrittstest. Dabei schauen wir, wie es bei den Interessenten mit den Grundkenntnissen in den Bereichen Flora, Fauna etc. bestellt ist. Ergänzt wird der Test durch einen Orientierungslauf, ein Gespräch sowie einen Konditionstest. Kondition ist ein Faktor im Bereich der Sicherheit.
Wo liegen die Grenzen eines Wanderleiters, einer Wanderleiterin?
Wanderleiter bewegen sich bis zum mittleren Gebirge – auf Gelände, auf welchem es keine technischen Hilfsmittel wie Pickel oder Seil braucht. Also nicht auf Gletschern und nicht auf Klettersteigen.
Ihre Ausbildung ist berufsbegleitend, sie dauert 80 Tage und kostet 12 000 Franken. Das ist viel für einen Beruf, von dem wohl die wenigsten leben können.
Diese Feststellung hören wir häufig. Die 12 000 Franken verstehen sich jedoch inklusive Vollpension. Kommt dazu, dass unsere Ausbildner ausgewiesene Fachexperten auf ihrem Gebiet sind. In der Deutschschweiz ist der Beruf des Wanderleiters halt noch jung, aber je bekannter er wird, desto grösser ist die Nachfrage. Das sieht man auch in Frankreich, wo es diesen Beruf schon seit 40 Jahren gibt.
Trotzdem: Wie viele Wanderleiter können hierzulande von diesem Beruf leben?
In der Schweiz arbeiten die allermeisten Wanderleiter Teilzeit. Das Problem ist die Nebensaison: Im November und Dezember hat die Schneeschuhsaison noch nicht begonnen. Und von Ende März bis Mai liegt für Bergwanderungen noch zu viel Schnee. Zur Überbrückung führen einige Wanderleiter Treckings im Ausland durch, die meisten gehen aber einer anderen Beschäftigung nach.
Wie geht man konkret vor, wenn man sich eine Existenz aufbauen will?
Am besten schliesst man sich einem Team von Wanderleitern an, damit man sich nicht unnötig konkurrenziert und das lokale Angebot koordiniert werden kann. Man arbeitet mit den örtlichen Bergführern, den Tourismusbüros, Hotels und Bergbahnen zusammen. Es gibt auch grössere Wanderorganisationen – zum Beispiel Per Pedes Bergferien –, die Wanderleiter und Wanderleiterinnen beschäftigen.
Und wie kommt man zu Kundschaft?
Indem man ein interessantes Produkt anbietet – ein Programm mit einem attraktiven Aufhänger. Gefragt sind Themenwanderungen, zum Beispiel Walserwanderungen, Wanderungen entlang den Walliser Suonen, aber auch Sagen- oder Rebwanderungen. Jemand, der eher esoterisch interessiert ist, bietet vielleicht Wanderungen von Kraftort zu Kraftort an. Den Ideen sind fast keine Grenzen gesetzt.
Man hört seit Jahren, der Beruf des Wanderleiters werde schon bald eidgenössisch anerkannt. Wo klemmt es?
Die Vorbereitungen mit dem Bundesamt für Berufsbildung und Technologie sind abgeschlossen. 2010 starten die ersten Ausbildungsgänge zum eidgenössischen Fachausweis. Bisherige Absolventen können diesen Ausweis im Rahmen einer erleichterten Prüfung erwerben.
Ihre Schule ist nicht der einzige Anbieter. Was ist das Spezielle an Ihrem Angebot?
In 80 Tagen wird man zum professionellen Wanderleiter; damit bieten wir die umfassendste Ausbildung im deutschsprachigen Alpenraum an. Inzwischen hat die Schule 15 Jahre Erfahrung und eine praxisnahe, professionelle Ausrichtung auf den Wandertourismus. In der Schweiz bieten wir zudem die einzige Ausbildung an, die der internationale Wanderleiterverband anerkennt.
Wie hat sich die Nachfrage entwickelt?
Enorm. Zuerst boten wir den Kurs nur auf Französisch an und hatten Mühe, die Lehrgänge zu füllen. Heute melden sich für die 18 Plätze bis zu 60 Bewerber. 2003 starteten wir mit der Ausbildung für Deutschsprachige. Auch für diese 18 Plätze ist die Nachfrage steigend.
Suchen einfach immer mehr Leute einen sinnvollen Job in der Natur?
Ja, es gibt viele Leute, die stark naturverbunden sind und auch gerne mit Menschen umgehen. Dieser Beruf ist sehr vielseitig.
Irgendwann wird es aber genug Wanderleiter geben.
Das dachten wir am Anfang auch. Aber diese Befürchtung ist nicht eingetroffen. Im Gegenteil: Je mehr Leute schon einmal mit einem Wanderleiter unterwegs gewesen sind, desto grösser wird die Mundpropaganda. Im Oberwallis und im Berner Oberland zum Beispiel ist die Nachfrage so stark, dass es bereits zu wenig Wanderleiter gibt.
Was sind die Zukunftsfelder des Berufs?
Ein Trend im Bereich des Reisens geht in Richtung Slow Travelling. Ein zukunftsträchtiges Tätigkeitsfeld sind die regionalen Naturparks, von denen es immer mehr gibt. Ein aktuelles Beispiel liegt direkt vor meiner Haustür: der kantonale Naturpark Pfyn-Finges. Bei Schulklassen herrscht ein regelrechter Boom, einen Tag in einem solchen Park zu verbringen. Da braucht es Menschen, die den jungen Leuten die Natur auf spielerische Art näherbringen können.
Welche Vorurteile ärgern Sie am meisten?
Dass es ein Job sei, den man dann nach der Pensionierung mal machen könne. Professionelle Wanderleiter und Wanderleiterinnen haben aber mit dem Klischee von den roten Socken rein gar nichts zu schaffen.
* Anselmo Loretan ist Leiter der Wanderleiterschule St-Jean im Val d’Anniviers VS. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 03.09.2009, 10:59 Uhr


