Wie, bitte schön, kriege ich meine Tasche wieder?
Von Norbert Raabe. Aktualisiert am 01.09.2011 46 Kommentare
Dossiers
Artikel zum Thema
- Der Kluge reist nicht in diesen Zügen
- S-Bahn knackt Fahrgastrekord
- Strecke HB–Stadelhofen nach Riss im Gleis unterbrochen
Die Flut der Fundsachen
Die korrekte Behandlung von liegengelassenen Gegenständen in Schweizer Bahnen ist eine logistische Grossaufgabe. Laut der Pressestelle der SBB gehen alljährlich rund 150'000 Verlustanzeigen ein. Gefunden wurden im Jahr 2010 etwa 100'000. Die gefundenen Gegenstände werden zentral in Bern verwaltet. Wenn sich kein Besitzer meldet oder eine Zuordnung nicht möglich ist, übernimmt nach der gesetzlichen Aufbewahrungsfrist die Firma Fundsachenverkauf.ch die Gegenstände und verkauft oder versteigert sie.
Stichworte
Korrektur-Hinweis
Melden Sie uns sachliche oder formale Fehler.
Der Fehler lag natürlich bei ihm selbst, wie M.M.* am besten weiss. Wer lässt schon in der S-Bahn von Stäfa nach Zürich seine Tasche mitsamt den wichtigsten Wertsachen und Mobiltelefon auf dem Sitz liegen? Doch als das Unglück geschehen war, eilte er mit seiner Freundin zur nächsten Telefonkabine und rief die Nummer 0900 300 300 an – den Rail Service der SBB, der auch für solche Probleme zuständig ist. Nach einer Weile meldete sich ein Tonband mit der Information, dass der Anruf 1.19 Franken pro Minute koste. Kurz darauf folgte die Ansage, dass alle Linien besetzt seien; er möge es später noch einmal versuchen.
Ärger über Kosten ohne Gegenleistung
Dieser Service kostete M.M. 80 Rappen – bei jedem der fünf Anrufversuche, die M.M. und seine Freundin in der Folge unternahmen. «Mir ist schon klar, dass eine Serviceleistung Geld kostet», sagt er, «aber für nichts zu bezahlen, das hat mich schon sehr geärgert.» SBB-Sprecher Christian Ginsig erklärt auf Anfrage, dass diese Situation bekannt und unbefriedigend sei. «Das ist so. Bei den Callcentern in der Schweiz ist kein sogenannter Tarif Change möglich. Sobald abgenommen wird, egal ob von Mensch oder Maschine, läuft der Zähler», sagt er, «die Provider bieten leider keine anderen Systeme an.»
Weiter berichtet M.M., dass er endlich eine Mitarbeiterin ans Telefon bekam, der er seine Lage schilderte und die er um Hilfe bat, damit seine Wertsachen gesichert würden. Die Frau erwiderte, dass er online ein Formular ausfüllen müsse und im Verlauf der Woche dann Bescheid bekomme. «Mit den Kosten für dieses Gespräch habe ich insgesamt über fünf Franken ausgegeben, um zu erfahren, dass mir das Callcenter nicht helfen kann», sagt M.M., «für einen Kundendienst, der keinen Dienst am Kunden erbringt, fand ich das ziemlich frech.»
Recht auf Service ausserhalb des Internets
Zudem war die Auskunft fehlerhaft, denn laut den Angaben der SBB im Internet ist es auch möglich, eine Verlustmeldung bei Rail Service oder am Schalter aufzugeben – gegen eine Gebühr von 15 Franken, die M.M. angesichts seiner verlorenen Wertsachen mit leuchtenden Augen bezahlt hätte. Ähnliches berichtet ein weiterer Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet, der zweimal Taschen vergass und den Verlust jeweils am Schalter des Bahnhofs in Lachen melden wollte. Auch dort hiess es demnach: «Nur per Internet, bitte!»
«Man hätte schon darauf hinweisen sollen, dass es auch ohne Online-Meldung geht», sagt SBB-Sprecher Ginsig, «da sind in diesen Fällen wohl Fehler gemacht worden, und das bedauern wir sehr.» Zugleich verweist er aber auf die Service-Wirklichkeit am Schalter. Wenn dort eine lange Schlange stehe, sei es doch verständlich, wenn ein Mitarbeiter darum bitte, den Verlust per Internet zu melden. Zumal an grösseren Bahnhöfen Gratis-Terminals vorhanden sind – und die Chance auf ein Wiedersehen grösser ist als vor wenigen Jahren, als nur ein Drittel der verwaisten Gegenstände den Weg zurück zum Besitzer fand.
Heute sind es laut Ginsig dank einer zentralen Erfassung und Bearbeitung in Bern sowie der präziseren Angaben, die Onlineformulare fordern, 49 Prozent. Knapp fifty-fifty – ein Fortschritt zwar, doch kaum beruhigend für jemanden, der seine wichtigsten Wertsachen und Papiere retten will. Was tun? Für eine Suche durch das Personal in Fernverkehrszügen oder in Bahnhöfen lässt sich gegen eine Gebühr von 50 Franken ein Auftrag erteilen – auch telefonisch und am Bahnhofsschalter. Selbst wenn die Warteschlange zwanzig Meter misst.
Glückliches Ende einer hektischen Suche
Für M.M., der seine Tasche in der S-Bahn vergass, gab es diese Chance auf schnelle Hilfe nicht – und zu seinem Glück griff er in der Hoffnung auf ehrliche Bahnfahrer zuletzt zu einem simplen Trick. Er rief unablässig seine eigene Handynummer an, bis eine Frau abnahm, die seine Tasche gefunden und mitgenommen hatte. Die Finderin übergab das gute Stück persönlich und bekam zur Belohnung 100 Franken – ein Schnäppchen, weil die Tasche mitsamt Inhalt rund das Zehnfache wert war.
* Der Name ist der Redaktion bekannt. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 01.09.2011, 10:42 Uhr
Kommentar schreiben
Verbleibende Anzahl Zeichen:
46 Kommentare
Meine Güte! Habe auch schon meine Tasche vergessen. Kurz auf der Webseite (vie smartphone) der SBB nachgeschaut und promt das erwähnte Formular gefunden. Eine Sache von 2 Minuten. In der Zeitung bin ich deswegen nicht.
Die SBB ist ja wohl nicht die Mutter des Herrn M.M. die im ALLES nachtragen muss.
Antworten
Eine mir bekannte Geschichte kostete noch viel mehr Nerven: Die verlorene Tasche war durch einen sehr freundlichen Zugbegleiter bereits beim Fundbüro gelandet. Die Dame dort aber weigerte sich, sie rauszurücken ohne vorgezeigten Ausweis. Der Ausweis aber war in ebendieser Tasche. Die Dame wollte partout auch nicht eigenhändig die Tasche öffnen, um den Ausweis rauszunehmen, das dürfe sie nicht...! Antworten
Leben
Grandioses Berg-Erleben.
Weltberühmte Berge und 100 Jahre Jungfraubahn: Sommerurlaub vor der schönsten Kulisse der Welt!

Bitte warten


