Ein Hauch von New York

Eine Reise nach Georgien ist wie eine Achterbahnfahrt. In Tiflis trifft postsowjetische Tristesse auf rasante Hipsterkultur.

Blick auf den Rike Park und die Friedensbrücke in Tiflis. Foto: Jane Sweeney (robertharding, laif)

Blick auf den Rike Park und die Friedensbrücke in Tiflis. Foto: Jane Sweeney (robertharding, laif)

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An der Passkontrolle bekommt der ­Einreisende eine kleine Flasche Rotwein Saperavi Vintage 2012 gereicht. «Für Sie!», sagt die junge Dame an der ­Kontrolle in vorsichtigem Englisch und lächelt. Selten ist man überzeugender begrüsst worden als am Flughafen von Tiflis, der Hauptstadt Georgiens.

Im Winter hierhin zu fliegen, wirkt wie eine bemüht originelle Idee. Tatsächlich wurde sie bei einem Zufalls­gespräch mit einem in Berlin lebenden Amerikaner geboren, der bereits mit diversen internationalen Boutique-Hotelketten gearbeitet hat. «Die derzeit in­teressantesten Hoteliers machen die Rooms Hotels in Georgien», hatte er ­kategorisch erklärt. Wie sich heraus­stellen wird: Er hat nicht übertrieben. Die Adjara Group gehört dem Unter­nehmer Temur Ugulava, der mit Kasinos ein Vermögen gescheffelt hat. Und offenbar Appetit auf andere Geschäfte bekam. Neuerdings sammelt er Kunst – und die schicksten Hotels Georgiens.

Das Land ist eineinhalbmal so gross wie die Schweiz und so abwechslungsreich wie ein ganzer Kontinent. Hier prallen postsowjetische Tristesse, ur­altes Christentum und atemloser Unternehmergeist aufeinander. Im Süden hängen die Bäume voller Mandarinen, im Osten wird seit Jahrtausenden Wein angebaut, und im Norden türmt sich ein gewaltiges Gebirge auf, der Grosse Kaukasus. Und überall, in der Hauptstadt wie in der Provinz, begegnet man einem ­bemerkenswerten innovativen Geist.

Genauso am Flughafen. Eine kleine Ewigkeit rollt die Maschine nach der Landung in Tiflis zunächst an ver­lassenen Terminalgebäuden vorbei, die heute rührend veraltet wirken. Daneben steht ein neuer, luftig-heller Terminal.

30 Minuten später stehen wir in der Lobby des Rooms Hotel Tbilisi zwischen Bücherregalen mit eklektischem Sortiment. Ein Bildband über die Rolling ­Stones, das Buch zum Film «Mr. and Mrs. Smith» in mehrfacher Ausführung. Bei mittlerer Auslastung könnte die Hälfte der Gäste das Buch simultan lesen.

Ort sowjetischer Propaganda

Das Gebäude ist eine ehemalige Zeitungsdruckerei. «Hier wurde sowjetische Propaganda produziert», wird uns lächelnd versichert. Das Hotel nimmt nur einen Flügel ein. Der Rest ist eine Baustelle. Das Rooms ist der neue Standard. Es wirkt wie direkt aus einem New Yorker In-Viertel in die ehemalige Sowjetrepublik Georgien gebeamt. Nicht umsonst war das Wythe Hotel im New Yorker Stadtteil Williamsburg eines der Vorbilder. Draussen, 25 Meter vom Eingang entfernt, sitzt ein Grossmütterchen auf dem Trottoir neben einer Blechtonne, deren Feuer sie wärmen soll. Drinnen herrscht die ostentative Lässigkeit der globalen Hipsterkultur.

In der Lounge prasseln ein Kaminfeuer und laute Clubmusik – in Georgien ist das kein Widerspruch. In der Bar sitzen Grüppchen von exzellent zurechtgemachten Frauen. Und im Restaurant servieren junge Männer mit unterschiedlichen, aber in jedem Fall kunstvollen Vollbärten Randensalat mit Ziegenkäse oder Marronisuppe.

Bis vor kurzem kochte hier ein Mann, der zuvor im New Yorker Per Se tätig war, demnächst übernimmt ein Kollege aus einem berühmten Berliner Steak­lokal. «Georgische Restaurants haben wir genug in Tiflis», sagt General-Manager Levan Berulava. Er selbst hat ein paar Jahre in New York studiert und gearbeitet. Ebenso wie Valeri Chekheria, CEO der Adjara Group, der ähnlich wie Berulava zeitweilig für die georgische Regierung gearbeitet hat. Heute Morgen plagt ihn die Frage, was man einem Scheich zur Hochzeit schenkt – in wenigen Stunden startet sein Flugzeug nach Dubai. Es läuft gerade ganz gut für die beiden, von CNN bis zur «New York ­Times» wurde schon über das Rooms ­berichtet. Und dass die Sheika von Katar schon zu Besuch war, berichten sie ganz ohne Ironie. In sein Heimatland sei er mit einem ehrgeizigen Ziel zurück­gekehrt, sagt Berulava: «Wir wollen hier den Tourismus neu definieren.»

Da ist er offenbar nicht der Einzige. Die Hauptstadt von Georgien ist stellenweise atemberaubend heruntergekommen und summt doch vor Aufbaugeist. In der Altstadt gibt es heisse Schwefel­bäder, deren Besuch ebenso beglückend wie erschöpfend ist. Sie reihen sich treppenförmig aneinander am Anfang einer kleinen, malerischen Schlucht. Die Häuser gegenüber hängen im Felsen und werden kernsaniert. Mit ihren charak­teristischen Veranden sehen sie schon jetzt fast ein bisschen zu schön aus, doch nur wenige Strassen weiter, gleich hin-ter dem Verkehrsknotenpunkt Freedom Square, gackern Hühner in verfallenen, aber bewohnten Innenhöfen. Malerisch ist das vermutlich vor allem, wenn man zu Hause eine Zentralheizung hat.

«So viele der schönen alten Häuser sind zerstört worden. Das macht mich traurig», sagt der Modedesigner Djaba Diasamidze. Er ist in dieser Stadt ge­boren, wuchs aber bei seiner Gross­mutter in Paris auf. Dort besuchte er die Modeschule und zeigt seine Kollektionen. Er ist auf Familienbesuch hier, war gerade bei einem Anprobetermin mit ­einer Kundin und trifft uns im Pur Pur. Dieses Restaurant war schon mal auf der Titelseite der «World of Interiors» zu be­wundern, der massgeblichen Ein­richtungszeitschrift der Welt.

Im ersten Stock eines einst grossbürgerlichen Hauses fühlt man sich wie in der guten Stube einer georgischen Grossmutter mit sicherem Händchen für schöne Dinge – aber auch vielen Erinnerungsstücken, von denen sie sich einfach nicht trennen mag. Die Runde am Tisch wird wie von Zauberhand immer grösser.

«Demokratie?» Bei diesem Wort lachen unsere Gastgeber auf. Mittlerweile sind eine TV-Journalistin dazugekommen, die Besitzerin der Modeboutique Pierrot Le Fou sowie die Hausherrin selbst, die im Nebenjob für den geor­gischen Präsidenten arbeitet. Der Premierminister ist wenige Tage zuvor zurückgetreten, wegen einer Korruptionsgeschichte, deren Hintergründe keiner am Tisch kennt oder wissen will.

Informiert und meinungsstark

Man sollte trotzdem keine Gelegenheit auslassen, mit Georgiern über Politik zu reden. Sie sind meinungsstark und meist gut informiert. Und sie haben drei Überfiguren wie aus dem Dreh- buch ­einer Polit-­Soap: Schewardnadse, ­Saaka­sch­wili und Iwanischwili.

Eduard Schewardnadse war der zweite Präsident des unabhängigen ­Georgien (1995–2003) und gilt heute als hoffnungslos korrupt. Michail Saakaschwili (Präsident 2004–2013) ver- half seinem Land zu einem enormen Mo­dernisierungsschub, heute ist er ­G­ouverneur im ukrainischen Odessa und der Korruption verdächtigt. Und Bidsina Iwanischwili (Premierminister 2012–2013) ist vielfacher Milliardär, ­befreundet mit Putin, der klassische Strippenzieher. «Willkommen bei James Bond», begrüsst er dem Vernehmen nach Besucher in seinem hypermodernen Haus am Hang über der Stadt. Alles an dem Mann schillert – sogar seine drei Söhne, alle Albinos.

Nach dem kurzen politischen Diskurs geht es mit dem Land Rover der Boutiquenbesitzerin in die Vororte von Tiflis, auf der Suche nach traditionellem ­georgischen Gesang und Schwertertanz, dann zur Kreuzkirche aus dem 6. Jahrhundert. Hier hatte die Christianisierung Georgiens ihren Ursprung. Nachts aber liegt das Monument im Dunkeln, sodass sich der Ausflug als kurvenreich, aber ­erfolglos erweist. Typisch für Georgien, dessen Bewohner bei allem Aufbaugeist ein wenig unberechenbar, zeitraubend, aber ungeheuer charmant sind. Damit kommt man gut zurecht, wenn man die mitteleuropäische Kontrollwut einfach im Hotelzimmer zurücklässt.

Dieser Artikel erscheint im Rahmen der Kooperation Lena und stammt aus der «Welt am Sonntag».

Bilder Historische Fotos aus Gerogien und Tifliszoom .tagesanzeiger.ch

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 10.02.2016, 21:05 Uhr)

Georgien

Tipps und Informationen

Anreise: Ab Zürich gibt es nur Verbindungen mit Zwischenstopp nach Tiflis, etwa: ­Lufthansa via München, LOT via Warschau, Turkish Airlines via Istanbul sowie Austrian Airlines nach Wien, mit Anschlussflug Georgian Airways.

Arrangement: 4 Nächte im Hotel Laerton, Tiflis im DZ ab 742 Fr. pro Person inkl. Flug, Transfer und Frühstück. Dieses und weitere Angebote zu Georgien-Trips bei Kira Reisen, Tel. 056 200 19 00, www.kiratravel.ch

Unterkunft: Rooms Hotel Tbilisi, Tiflis: DZ inkl. Frühstück ab 150 Euro. Rooms Hotel Kazbegi, Stepantsminda: DZ mit Frühstück ab 120 Euro.

www.roomshotels.com, auch buchbar über www.designhotels.com

Radisson Blu Iveria, Tiflis: neu gebaut, schönes Panorama, DZ ab 180 Euro, www.radissonblu.com

Essen:

Pur Pur: Zu Sowjetzeiten residierte hier die Rote Armee, www.purpur.ge

Black Lion: Moderne georgische Küche in gemütlichem Ambiente, Tel. 00995 322 93 10 07.

Kafe Leila: Vegetarische Küche in der ­Altstadt, Tel. 00995 555 94 94 20.

Allgemeine Infos: www.gnta.ge

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