Das Ende eines ästhetischen Terrors
Von Michèle Binswanger. Aktualisiert am 30.08.2011 33 Kommentare
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Ein Weltreich wankt, eines mehr. Lang genug hat er uns ästhetisch terrorisiert, der Beherrscher von Cellulite-Hintern und Arschgeweihen, unseren Glauben an die Mode überhaupt arg erschüttert. Aber nun ist die Zeit gekommen, da auch der Stringtanga sich eine Blösse geben muss. Seine Herrschaft ist zu Ende, es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis er endgültig gestürzt wird. So sehen es zumindest die Analysten. Seit 2003, dem Höhepunkt seines Regimes, sind die Verkäufe von Tangas um 17 Prozent gefallen, meldet «Dailymail», sein Anteil am Unterwäschemarkt ist auf 23 Prozent gefallen. Endlich.
String vs. Tanga
Jetzt, da die Schrecken bald ein Ende haben dürften, können wir uns fragen, wie es so weit gekommen ist. Wie konnte dieses Kleidungsstück, das fast nur aus Bändern besteht und zudem denkbar unbequem zwischen die Hinterbacken zu rutschen pflegt, die ganze Welt erobern? Ungeachtet der Tatsache, dass ein String auf 99 Prozent aller Hintern etwa so sexy wirkt wie das Netz um die Salami. Und ganz zu schweigen davon, dass dieses Kleidungsstück vom Tragekomfort ziemlich genau dem entspricht, was man auf Englisch so schön als «A pain in the ass» bezeichnet. Obschon G-String und Tanga bei uns synonym gebraucht werden, muss man hier unterscheiden. Das Hauptmerkmal des Strings ist die Schnur zwischen den Hinterbacken. Der Tanga kann hingegen auch in anderen Varianten daherkommen, zum Beispiel mit Stoff zwischen den Beinen, wobei die Schnüre nur über die Hüften spannen – was für die meisten Hintern weit schmeichelhafter ist, weil der Fokus so auf den Hüften liegt.
Die Anfänge des Strings liegen im Dunkeln der Menschheitsgeschichte. Verschiedene Naturvölker sollen schon vor Jahrtausenden Strings getragen haben, die man ursprünglich zum Zweck entworfen habe, die männlichen Genitalien zu schützen. Die Zivilisation liess den String dann von der Bildfläche verschwinden und es brauchte die Popkultur, in deren Fahrwasser der String schliesslich sein fulminantes Comeback feierte. Die Ouvertüre zu seinem weltweiten Siegeszug dürfte auf das Jahr 1914 fallen. In Edgar Rice Burroughs Buch «Son of Tarzan» erschien der Titelheld auf Seite 26 in einem G-String. Irgendwann entdeckten denn auch die Frauen die Reize des Kleidungsstückes oder besser dessen ökonomisches Potenzial. Bekannt ist, dass Stripteasetänzerinnen der Dreissigerjahre auf den Hauch von Nichts zurückgriffen, um ihre Kundschaft in Fahrt zu bringen – was der damalige New Yorker Bürgermeister Fiorello LaGuardia für wenig schicklich hielt und deshalb dagegen vorging.
Kompromiss zwischen Liberalismus und Legalität
In der Folge feierte der G-String in den verborgenen Zonen der homosexuellen Gegenkultur und Fetischszene erste Erfolge. Das ging so bis in die Siebzigerjahre. 1974 präsentierte Modedesigner Rudi Gernreich den ersten modernen Tanga-Bikini auf dem Laufsteg. Dieser sei ein «Kompromiss zwischen Liberalismus und Legalität», denn er biete an öffentlichen Stränden die Vorzüge des Nacktseins, ohne das Gesetz zu brechen.
Bis der Körperkult in jede Pore der Gesellschaft durchsickern – oder treffender sich zwischen die Hinterbacken ebendieser klemmen sollte –, vergingen zwar noch fast zwei Jahrzehnte. Aber bereits Ende der Siebzigerjahre entwickelte sich der Tanga in Kreisen mit Affinität zu Körperkult zum Must-Wear. Zunächst eroberte er die Strände Südamerikas, dann tauchte er in den Schlafzimmern Amerikas auf und eroberte schliesslich die Unterwäscheabteilungen der ganzen Welt.
Popstars, Wags und Big Brother
Es hiess, ein Tanga sei sexy. Diese Ansicht verdankt sich wahrscheinlich seinen Auftritten in Filmen wie «Fear City» (1984), wo Melanie Griffith nur mit einem Stringtanga bekleidet den Männern das Blut in den Unterleib jagte. Später hatte Kelly Lynch einen Auftritt in einem Stringtanga an der Seite von Tom Cruise in «Cocktail» (1988). Es folgten die Neunzigerjahre, und die Popkultur implementierte im kollektiven Unterbewusstsein das pornografische Äquivalent zum beuysschen Ausspruch, dass jeder Mensch ein Künstler sei. Doch ausgerechnet am Tanga musste diese Hoffnung, dass jeder Mensch ein Sexgott ist, spektakulär scheitern. Nach drei Dekaden seiner Herrschaft liesse sich analog höchstens behaupten: Jeder Mensch hat einen Käsehintern.
Der Masse als Accessoire der Stunde an Hintern von Popstars präsentiert, schmückten Tangas bald auch die Derrières von Fussballer-Gattinen, Big-Brother-Teilnehmerinnen und schliesslich der Hausfrau von nebenan. Um die Jahrtausendwende etwa war der Tanga Mainstream geworden.
Doch es gibt Hoffnung. Ob es an der taumelnden Wirtschaft liegt, die uns einflüstert, wir sollen uns warm anziehen, oder ob die Frauen endlich eingesehen haben, dass Lingerie weit mehr zu bieten hat als praktisch nichts, ist eigentlich egal. Wobei, ganz egal ist es nicht, denn wenn der Tanga endlich mal aus unseren Köpfen verschwindet, kommen wir vielleicht wieder darauf zurück, was Lingerie eigentlich wirklich soll: nämlich etwas, das mehr oder weniger schön sein kann, möglichst schmeichelhaft zu verpacken. Und nicht der Welt aufs Auge zu drücken.
(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 30.08.2011, 10:29 Uhr
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33 Kommentare
Ich treibe viel und gerne Sport und es gibt dazu nichts bequemeres unten drunter als diese Strings. Klein, nicht viel Stoff der verrutschen kann und es zeichnet sich nichts ab unter den Kleidern. Klar stehts nicht jedem, aber sind wir mal ehrlich: die wenigsten von uns haben Model-Masse und da sehn auch 'Oma-Hösschen' u.ä. nicht viel besser aus. Auch Pantys stehn schlanken Frauen besser... Antworten

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