Das Objekt der Begierden

Das Verhältnis von Frauen zu ihren Handtaschen ist innig und nicht einfach zu durchschauen. Jetzt allerdings bemühen sich Soziologen um Klärung.

«Universum der Emotionen»: Model Kate Moss wirbt für eine Handtasche von Longchamp.

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Frauen und ihre Handtaschen sind eine Wissenschaft für sich. Den Frauen eine wichtige Begleiterin im Alltag und Trägerin mancher intimer Gegenstände bleibt sie für die meisten Männer eine Blackbox. Geschätzt, wenn es um die Ablage von Telefonen und Schlüsseln geht, gefürchtet, wenn ein teures Exemplar auf der Christkind-Wunschliste der Partnerin ganz oben steht. Weder die Investitionsbereitschaft für die kostspielige Hülle noch die Logik des Inhalts erschliesst sich den meisten Männern intuitiv. Doch sie bemühen sich um Verständnis und Erkenntnis. (Lesen Sie auch: «Die artgerechte Haltung der Frau»)

Und ja, die Wissenschaft interessiert sich tatsächlich auch für so profane Alltagsgegenstände wie Handtaschen und kommt im Fall von Jean-Claude Kaufmann zur Erkenntnis: «Eine Tasche ist wirklich kein gewöhnlicher Gegenstand, sie sieht nur so aus.»

Der französische Soziologe hat 75 Frauen zur «Privatsache Handtasche» befragt und ist dabei zu zahlreichen Einsichten gekommen. Einsichten, die bei Frauen eher dem Erfahrungswert entsprechen, als einer wissenschaftlichen Analyse bedürfen. Etwa, dass die Taschen vieler Frauen im Laufe ihres Lebens zuerst an Umfang zulegen, im Alter dann wieder leichter werden. Eine kleine Tasche bedeutet wenig Ballast, auch wenig Verpflichtungen. Oder dass die Handtasche für Aussenstehende immer ein kleines Geheimnis enthalte. Der Forscher bezeichnet das Innere der Tasche als «Universum der Emotionen». (Lesen Sie auch: «Weshalb Frauen Stöckelschuhe tragen»)

Schicke Hülle mit chaotischem Kern

Die befragten Frauen sahen das pragmatischer und erzählten ganz gerne über das Innenleben ihres Universums, das in der Regel viel über die Trägerin und ihre Lebensumstände aussagt. Etwas unangenehm ist den meisten das Chaos von Schlüsseln, Pillen, Agenda, Telefon, Schnullern und allen anderen überlebenswichtigen Gegenständen, die für Unordnung sorgen. Der Soziologe schreibt dies einem Bedürfnis zu, sich dem reglementierten und geordneten Alltag zu entziehen. Auf 76 Tage beziffert eine deutsche Studie die Zeit, die eine Frau im Laufe ihres Lebens in der Handtasche nach Gegenständen sucht.

Ein Fall für eine Taschentherapeutin? Vielleicht, auf jeden Fall ist es eine Berufsbezeichnung, die Rosanna Pierantognetti gewählt hat und es damit zu Bekanntheit gebracht hat. Die Deutsche betreibt die Website Handtaschentherapie.com. Gleich selber analysiert die amerikanische Aussenministerin Hillary Clinton das Verhältnis zu ihrer Handtasche in einem Interview mit «Harpers Bazaar». Sie himmle ihre pinkfarbene Ferragamo-Tasche an. «Es ist der Wunsch, das zu organisieren und zusammenzuhalten, was uns im täglichen Leben wichtig ist», sagt die Politikerin. (Lesen Sie auch: «Pink-Riot»)

Die Tasche als politisches Statement

Die pinkfarbene Tasche ist eine Extravaganz, die man der Aussenministerin nicht unbedingt zutraut, vielleicht ist sie aber auch ein Zeichen dafür, dass die Frauen in der Politik definitiv angekommen sind. Vorarbeit hat da die erste britische Premierministerin geleistet. Margaret Thatcher stellte ihre schwarze, glatt glänzende Asprey jeweils auf den Kabinettstisch, um ihre Präsenz als Chefin zu markieren. Bei ihr wurde die Handtasche zum gefürchteten Statement, und der Begriff «handbagging» fand dank der eisernen Lady Eingang in die Lexika als Zeichen für Durchsetzungsfähigkeit.

Viel öfter steht die Tasche jedoch für Status und Erfolg. Wer eine echte Stilikone ist, nach der wird eine Tasche benannt. Namensgeberinnen sind etwa Jane Birkin, Jackie Onassis, Alexa Chung oder Grace Kelly. Die Kelly-Bag erhielt ihren definitiven Namen, als Fürstin Gracia Patricia 1956 ihren Schwangerschaftsbauch in der Öffentlichkeit hinter einer Tasche aus Leder versteckte. Seither ist die Tasche Kult, bekam den Namen der Fürstin und wird in den Manufakturen von Hermès weiterhin produziert.

Ein Vermögen im Taschenformat

Begehrt sind die Klassiker nach wie vor. Viktoria Beckham wird von einigen Frauen mehr um ihre Sammlung von Birkin-Bags beneidet als um David Backham. Um die 100 Stück der begehrten Taschen soll sie besitzen, der Gesamtwert der Kollektion wird auf 1,7 Millionen Euro geschätzt. Die Preise für eine Birkin-Bag liegen teilweise in der Kategorie eines Familienwagens. Noch wichtiger: Es gibt eine Warteliste, das steigert die Attraktivität. Die Taschen werden wie Kultobjekte verehrt, und es gibt gut besuchte Blogs, in denen dem Fetisch gehuldigt wird.

«Der Krieg der Taschen wird mit Samthandschuhen geführt», schreibt Kaufmann und spielt damit auf den Status an, der mit dem Kauf der richtigen Tasche verbunden ist. Die Preise für Handtaschen sind in den letzten Jahren kontinuierlich gestiegen, und die Taschen sind für den Umsatz der Modehäuser existenziell.

Kein Einkauf macht mehr Spass

Dabei kommt den Modehäusern entgegen, dass Frauen es lieben, Taschen zu kaufen. Es bereitet ihnen von allen Einkäufen das grösste Vergnügen, wie eine britische Befragung von 2000 Frauen herausfand. Kein mühseliges Probieren, keine Blasen an den Füssen, die richtige Tasche sorgt für bewundernde Blicke unabhängig von Figur und Alter.

Das funktioniert auch generationenübergreifend. Gut zu beobachten ist das Phänomen am anhaltenden Comeback der Longchamp-Taschen, die gerne von Grossmüttern an ihre Enkelinnen verschenkt werden. Handtaschen nehmen auf den Wunschlisten von jungen Frauen einen prominenten Platz ein, und auf den Schulhöfen der Zürcher Gymnasien wird der Snob-Faktor schon mal an der Dichte von originalen Label-Handtaschen ausgemacht. 23 Prozent des Umsatzes mit hochpreisigen Markentaschen werden laut der Website Textilwirtschaft.de mit Frauen bis zu 30 Jahren gemacht.

Männer und Taschen? Ein schwieriges Verhältnis

Die Männerhandtasche ist immer wieder mal ein Thema, den wirklichen Durchbruch hat sie jedoch nicht geschafft. Dabei kann Wundersames passieren, wenn einem Mann eine Markenhandtasche in die Hände kommt. So geschehen dem Verhaltensökonomen Dan Ariely, der als Honorar für einen Vortrag vor Modeleuten eine Prada-Tasche erhielt und vom guten Gefühl überrascht war.

Seine Neugier als Wissenschaftler war geweckt, und er untersuchte in einer Studie, ob das Tragen von echten Markenartikeln die Leute tatsächlich verändert. Die Resultate, die er auch in seinem aktuellen Buch «Die halbe Wahrheit ist die beste Lüge» beschreibt, waren eindeutig. Leute, die das Original trugen (oder dies zumindest glaubten), erwiesen sich in Tests als ehrlicher als ihre Kolleginnen mit den vermeintlichen Fälschungen.

Die Tipps des Soziologen Kaufmann an seine Geschlechtsgenossen: die Nase nicht zu tief in die Tasche stecken, Ironie beiseitelassen und sich auch über scheinbar überdimensionierte Exemplare nicht mokieren. Es könne sein, dass sie das sonst früher oder später bereuen. (Lesen Sie auch: «10 Warnsignale, dass Ihre Beziehung bald in die Brüche geht»)

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(Erstellt: 04.11.2012, 20:57 Uhr)

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