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Der Alltag als Laufsteg

Die Zeitschrift «Brigitte» verzichtet ab der aktuellen Ausgabe auf professionelle Models. Das ist clever, aber durchschaubar.

Model für einen Tag: Sibylle Zschaber, 29, Lehrerin aus Hamburg.

Model für einen Tag: Sibylle Zschaber, 29, Lehrerin aus Hamburg. (Bild: «Brigitte»)

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Jetzt ist sie also am Kiosk käuflich zu erwerben, die neue Ausgabe der «Brigitte», und da verkünden diese Grossbuchstaben auf einer hellblauen Banderole: «Die erste ‹Brigitte› ohne Models». Wird der Streifen entfernt, findet sich darunter die Coverstory «Die neue Diät – So passt sie in Ihr Leben». – Wie jetzt?

Als die Chefredaktion der «Brigitte» im vergangenen Herbst verlauten liess, man verzichte von nun an auf professionelle Models, weil man ein Zeichen setzen wolle gegen den Zwang zur Magersucht in der Modebranche, war dem Magazin die Aufmerksamkeit sicher, selbst dem britischen «Guardian» war das Vorhaben einen Artikel wert. Nicht weiter verwunderlich: Die «Brigitte» lancierte damit ein Thema, bei dem man eigentlich nur alles richtig machen kann, seitdem in den Medien suggeriert wird, die Magersucht sei eine sich rasend schnell verbreitende Volkskrankheit, obschon das Gegenteil der Fall ist: Die Leute werden immer dicker. Dennoch: Niemand kritisiert eine Frauenzeitschrift dafür, fortan auf bedauernswerte Hungerhaken zu verzichten, die so dünn sind, dass sie am Ende am Computer verdickt werden müssen.

Darum jetzt also die Laien-Models: Eine Gastronomin (28) zeigt Fifties-Mode und eine Lehrerin (29) die neuen Pudertöne, eine Lodge-Besitzerin (36) aus Tansania posiert mitsamt Familie im Safari-Look und eine Künstlerin (45) aus Reykjavik in Abendkleidern. Gut sieht das aus. Gut sehen vor allem die Frauen aus. Sie tragen schätzungsweise Grösse 38 bis 40, in der Modelwelt unvorstellbar beziehungsweise inexistent, weil in der Dimension von Nilpferden. Mindestens. Dennoch sind die Fotostrecken professionell gemacht, und auch wenn die Modelle Amateurinnen sind, so sind sie doch allesamt jung und hübsch und faltenlos, bis auf die isländische Künstlerin mit ihrem Charakterkopf; den Mut, sie anstelle der 21-jährigen Christine aufs Titelbild zu heben, hatte man dann aber doch nicht, das wären vermutlich selbst «Brigitte»-Leserinnen zu viele der Furchen.

Diät für die Gesundheit

Die Aktion ist also in erster Linie ein cleverer Schachzug in eigener Sache. 10'000 begeisterte Leserinnen hätten sich gemeldet, heisst es im Heft, und um die breite Unterstützung zu demonstrieren, werden Schauspielerinnen wie Nora Tschirner, Barbara Auer und Ursula Karven zitiert, genauso wie Star-Autor Frank Schätzing oder die Schweizer Schriftstellerin Milena Moser. Klar, sie finden das alle eine super Sache, einzig Auer fragt rhetorisch: «Haben wir Frauen inzwischen nicht genug Selbstbewusstsein, um uns von derartigen Vorgaben nicht beeinflussen zu lassen?» Ein bedenkenswerter Einwand, zumal die «Brigitte»-Leserinnen längst keine Teenager mehr sind.

Mit einer Auflage von 690'000 Exemplaren ist sie das grösste Frauenmagazin Deutschlands. Bloss sinkt sie, die Auflage; da kann ein wenig Wirbel nicht schaden. Und die Modebranche mit ihrem verzerrten Schönheitsideal und den überkandidelten Protagonisten eignet sich geradezu perfekt als Sündenbock: Sie ist nicht demokratisch, sondern elitär und zelebriert das unverfroren. Sie für Essstörungen verantwortlich zu machen, greift dennoch zu kurz.

Und wie war das jetzt nochmals mit der Diät? Die Redaktion scheint sich des Widerspruchs bewusst zu sein und erklärt bereits im Editorial, dass das sehr wohl gehe, ein neues Selbstbewusstsein für Frauen zu propagieren und gleichzeitig Diätrezepte zu veröffentlichen. «Sich vernünftig ernähren, ein paar überschüssige Pfunde loswerden oder gar gefährliches Übergewicht – das ist kein Schlankheitswahn, sondern dient der Gesundheit.» Und: «Attraktivität hat nichts mit vermeintlichen Traummassen und Schönheitsidealen zu tun. Sondern mit Persönlichkeit, mit Ausstrahlung, mit Leben.»

Wohl bloss deshalb ist die «Brigitte»-Diät seit Jahren ein Verkaufsschlager. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 05.01.2010, 06:45 Uhr

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11 Kommentare

Fiona Jackson

08.01.2010, 10:56 Uhr
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Ich kann das absolut verstehen das diese Models streiken . Denn Models müssen schon genug ertragen (abnehmen). Diese Schuhe gefallen mir persönlich auch nicht unbedingt. Das Alexander McQueen dass seinen Models zumutet ist unverantwortungsvoll denn gesund ist es garantiert nicht. Es gefällt mir das dass in der Zeitung steht. So merkt man wie hart das Modelbuissness wirklich ist. Antworten


Michelle Jackson

08.01.2010, 10:56 Uhr
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ModelsstreikenWegenzuhohenSchuhen. Ich finde diesen Artikel sehr gut, vielleicht werden Modedesigner auch darauf achten nicht mehr solche Schuhe zu entwerfen.Und ich persönlich finde es ganz klar dass diese Models streiken. Denn diese Schuhe gefallen nicht unbedingt jedem und sie sind ungesund. Ich würde sie auch nicht anziehen. Es sollte sich kein Mensch sich sagen lassen was er anziehen soll. Antworten


Andreas Pecora

05.01.2010, 19:40 Uhr
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@Frau Dr. Koller: Ja das habe ich! Ständig! Meine Freundin trägt diese Grösse und sie ist NICHT essgestört. Wir ernähren uns gesund, essen aber sehr gerne. Was soll sie also machen? Absichtlich ungesundes Fast-Food, Chips oder einfach fettiger und süsser essen? Antworten


Tom Breuer

05.01.2010, 16:41 Uhr
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ISt doch klar, dass in einer Moderzeitschrift keine hässlichen oder dicken Frauen abgebildet werden. In einem – sagen wir mal – Snowboardmagazin werden schliesslich auch keine Anfänger abgelichtet, die kaum über ein Hügelchen hüpfen können. Seid doch bitte mal realistisch! Antworten


REgula Odermatt

05.01.2010, 14:26 Uhr
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zu Mark Gabe zu was gehören denn Sie? Muss annehmen, dass Sie sehr schlank und durchtrainiert sind, gell? Von wegen "dicke Frauen"!! Gibt es auch noch was Zwischendurch? Zwischen Magersüchtig und was Sie sagen, dick? Denke nicht, dass Frauen mit Kleidergrösse 42 "Dick" sind!! Antworten


Dr. med. Alina Koller

05.01.2010, 13:50 Uhr
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@ Andreas Pecora: Eine erwachsene Frau, die Kleidergrösse 32 (!) trägt, hat keinen BMI im normalgewichtigen Bereich. Deshalb ist es wohl nicht verfehlt, diese untergewichtigen Frauen etwas überspitzt als Hungerhaken und Magersüchtige zu bezeichnen. Haben Sie sich schon mal ein Kleidungsstück dieser Grösse angesehen???? Antworten


Andreas Pecora

05.01.2010, 09:51 Uhr
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Mich nervt es, dass zierliche Frauen mit Kleidergrösse 32 pauschal als Hungerhaken und Magersüchtige hingestellt werden. Wer dünn ist, leidet nicht automatisch an einer Essstörung. Leider wird dies dünnen Menschen immer wieder vorgeworfen... Antworten


Teresa Bagnato

05.01.2010, 09:15 Uhr
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Sie sind sicher ein Adonis, Herr Gabe... Ich kenne mollige Frauen, die sehr gut aussehen, weil sie sich richtig kleiden. Aber vor allem kenne ich einige Männer, die nicht auf Hungerhaken mit Grösse 32 stehen... Es ist eben reine "Geschmackssache". Und denken Sie daran, kein Mann mit Bierbauch wird magersüchtig, weil eine Frau ihn deshalb nicht will... Antworten


dan huber

05.01.2010, 09:11 Uhr
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@ r.odermatt: in der modewelt gehören sie definitv zu den walen. aber die modewelt muss man ja nicht ernst nehmen, oder? Antworten


Mark Gabe

05.01.2010, 08:58 Uhr
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Tja Frau Odermatt, so läuft es halt, niemand will dicke Frauen sehen. Bin mir sicher, dass Sie auch nicht hässliche Bierbäuche bewundern. Antworten


Regula Odermatt

05.01.2010, 08:37 Uhr
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Super, wäre ja nicht schlecht. Da sind ja aber diejenigen Frauen, welche halt nicht Grösse 38-40 tragen, auch wieder die Angeschmierten. Da heisst es "Sie tragen schätzungsweise Grösse 38 bis 40, in der Modelwelt unvorstellbar beziehungsweise inexistent, weil in der Dimension von Nilpferden." Toll, dann sind wir, welche Grösse 42 oder mehr tragen bei den Elefanten oder Walen anzusiedeln? Antworten



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