Das Plastik der Zukunft kommt aus Zürich

Der Zürcher Designer Beat Karrer hat einen kompostierbaren Werkstoff entwickelt, der ganz neue Gestaltungsmöglichkeiten eröffnet.

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Am Anfang stand die Kartoffel, damals in einem Workshop des Vitra Design ­Museums in Weil am Rhein. Beat Karrer und der Biochemiker Michael Kangas ­experimentierten 2008 spielerisch mit hausgemachtem Bioplastik, das unter anderem aus der Stärke geschälter Kartoffeln bestand. Das machte nicht nur viel Spass, sondern war die Geburt eines neuartigen, kompostierbaren Werkstoffs, der aus günstigen Abfallprodukten der Industrie und Landwirtschaft besteht.

Fluid Solids heisst das Wundermaterial mit der tollen Ökobilanz, man kann daraus hochpräzise Produkte und Bauteile fertigen. Der neue Stoff lässt sich giessen, aber auch pressen und unterschiedlich einfärben. Zum Schluss ist er beinhart. Mit 3-D-Drucken hat das alles nichts zu tun – «eine überschätzte Technik, weil teuer und längst nicht für alles einsetzbar», sagt Beat Karrer. Fluid ­Solids ist quasi Öko-High-Tech hausgemacht, aber mit dem Potenzial, einmal ein Fixstern am Firmament der Werkstoffe zu werden, eine echte Alternative zu Metall und Plastik. Ein schönes Beispiel ist der Hocker «FS Stool».

Alchimistenlabor und Metallwerkstatt

In Karrers kreativ-chaotischer Werkstatt im Kreis 4, einer Kreuzung aus Alchimistenlabor und Metallwerkstatt, steht das attraktive Dreibein auf der Werkbank. Karrer stellt es auf den Kopf und zeigt auf die Eckverbindungen. Weil die Sitzfläche aus Fluid Solids besteht, können die Holzbeine während des Giessprozesses direkt mit der Sitzfläche verbunden werden – ohne Leim, Schrauben oder sonstige Hilfsmittel. 2011 erhielt er dafür den Materialica-Design- und-Technologie-Award in der Kategorie «CO2-Effizienz». Manchmal muss man eben ganz vorn anfangen wie im Sandkasten – oder bei der Kartoffel, wenn man Neues kreieren will. Genau das will der agile Tüftler und gelernte Schreiner Karrer: «Innovative Werkstoffe und Technologien sind die wahren treibenden Kräfte im Design», sagt er. Sich selber bezeichnet er als «Produktdenker», um klarzumachen, dass es ihm um intelligente Problemlösungen geht. «Eigentlich haben wir in der Schweiz ja nichts anderes zur Verfügung als Wasser und unser Hirnschmalz.» Karrer drückt sich gern deutlich aus. Die heutige Designszene findet er denn auch recht mutlos, gefällig höchstens. Die gleichen Ideen zumeist, nur etwas anders verpackt. «Da ist wenig Eigenständiges dabei», urteilt er und rollt die Augen.

Karrer ist ein exzellenter Industriedesigner mit einem ausgeprägten Bewusstsein für spannende Materialien, vielleicht einer der talentiertesten in ­Europa. Konsumgüter wie Lampen und Möbel entwirft der 48-Jährige zwar auch immer noch, unter anderem für den ­italienischen Edelküchenhersteller Boffi, «aber wir wollen nicht Möbelhändler werden», sagt er über seine kleine Firma, die er als AG betreibt. «Wir sehen uns als Innovationsschmiede, die Technologie und Material verkauft.» Recht abstrakt tönt das, ist es aber bei genauerem Hinschauen nicht.

Die Idee kam beim Bier

In der Ecke der Werkstatt stehen einige Säcke voll mit Fluid Solids; der Name entspringt übrigens einer Idee beim Feierabendbier, «Fluid bedeutet flüssig, solid hart», erklärt Karrer. Fasern, Füllstoffe und ein Bindemittel stecken im Werkstoff, den Karrer anfänglich selber in einem grossen Küchenmixer mischte und mit eigens entwickelten Metallwerkzeugen in Formen presste. An der optimalen Rezeptur hat er jahrelang gearbeitet. «Aber das Rezept ist nur das eine», sagt er. «Wie beim Kochen oder Backen ist entscheidend, woher die Rohstoffe kommen und von welcher Qualität sie sind. Und wie heiss muss ich den Backofen einstellen, damit der Kuchen gelingt? Der ganze komplexe Prozess muss in sich stimmen.»

Die feinen Fasern bezieht der Designer aus der Holzindustrie, die Füllstoffe sind zum Beispiel Marmormehl, und das Bindemittel stammt von tierischen ­Abfällen aus der Landwirtschaft – Knochenmehl. Die Fachhochschule Rapperswil, die im Rahmen eines KTI-Projektes 180'000 Franken für die Begleitung des Projektes vom Bund erhielt, hat wesentlich dazu beigetragen, dass Karrer sein Wundermaterial heute nicht mehr selber im Mixer mischen muss. «Die Hochschule hat die industrielle Herstellung erst ermöglicht», sagt er.

Kleiderbügel und Raumteiler

Schliesslich hat er Grosses mit seinem Stoff vor. Der Hocker ist eigentlich nur ein Anschauungsstück, zu was Fluid ­Solids alles taugt; demnächst soll er in Kleinserie produziert werden. Im gros­sen Stil – zu Tausenden – werden bereits Kleiderbügel für die Modeindustrie hergestellt. Und für die Mailänder Möbelmesse vor zwei Jahren entwarf Karrer einen riesigen, modularen Raumteiler aus Fluid Solids für den Concept Space der Firma Architonic. Unterschiedlich zusammengesteckt, sehen die einzelnen Elemente immer wieder anders aus. Karrer blickt optimistisch in die Zukunft. Eine Zusammenarbeit mit einem Partner in China ist angelaufen, geplant ist eine neue Generation von Schaufensterpuppen, die «natürlich» aussehen und bei deren Herstellung komplett auf Polyester und Fiberglas verzichtet werden kann. Das Überzeugende an Fluid Solids ist eben nicht nur die Ökobilanz, sondern es sind die optischen und haptischen Eigenschaften. Es fühlt sich warm an, wirkt sympathisch wie Holz und lässt sich doch wie Plastik beliebig formen. Da lässt sich noch vieles denken.

Zum Thema Nachhaltigkeit hat Firmenchef Karrer seine ganz persönliche Definition. «Ich sehe mich als Designer und nicht als Gutmensch», sagt er, «doch es wäre töricht, heute keine umweltschonenden Grundsätze anzuwenden.» Zu echter Nachhaltigkeit gehörten aber vor allem drei Dinge: «Produkte müssen so gut gemacht und gestaltet sein, dass man sie gern seinen Kindern vererbt.» Zweitens müsse man als Chef unter den Mitarbeitern ein so stimmiges, kreatives Klima schaffen, dass das Know-how in der Firma bleibe und nicht abwandere. «Drittens sollten geschäftliche Beziehungen mindestens 20 Jahre halten.»

«Es muss rocken!»

Doch jetzt gehts erst einmal in die ­Ferien. Zuerst New York, dann die Westküste – mit seiner Frau und den beiden Söhnen. Die Welt ist für Karrer seit Jahren ein grosses Thema: «Mich interessiert einfach brennend, wie es die andern machen. Sei es im Design, beim Schulmodell der Kinder oder beim Thema der Rolle Mann/Frau.» Und wenn gereist wird, dann richtig – Karrer mags nicht halb warm, sondern kalt oder heiss. Viele Gespräche und Treffen vor Ort sind dann jeweils geplant. Und: «Es muss rocken», wie er sich ausdrückt. Mal wird auf dem Zeltplatz genächtigt, ein andermal darfs aber auch «ganz fett» sein. Tolle Fünfsternhotels mit Pazifikblick gibts an der Westküste ja einige. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 28.07.2014, 07:31 Uhr)

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Beat Karrer
Der Designer arbeitet im Zürcher Kreis 4.

www.beatkarrer.com

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