Die Designerin, die Kate Middletons Hochzeitskleid entwarf
Von Bettina Weber. Aktualisiert am 13.05.2011 1 Kommentar
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Die Ausstellung mit dem Titel «Savage Beauty», die zurzeit im Metropolitan Museum of Art in New York gezeigt wird, ist eine Hommage an den Designer Alexander McQueen. Er war im Februar 2010 einer breiten Öffentlichkeit bekannt geworden, als er sich 40-jährig das Leben nahm. «Savage Beauty» verzeichnete am Eröffnungstag vergangene Woche rekordverdächtige 5100 Besucher – mehr hatte mit 5400 nur die Vincent-van-Gogh-Ausstellung geschafft.
Schlagartig weltberühmt
Dass McQueen zurzeit als Publikumsmagnet funktioniert, liegt an Sarah Burton. Seine Nachfolgerin, bis zum 29. April ausserhalb der Modebranche gänzlich unbekannt, war durch das von ihr entworfene Hochzeitskleid für Kate Middleton – und, nicht zu vergessen, durch das Kleid für deren Schwester Pippa – schlagartig weltberühmt geworden. Und so war sie denn auch der Mittelpunkt des glamourösen MET-Balls, organisiert vom Costume Institute und von US-«Vogue»-Chefredaktorin Anna Wintour, der anlässlich der Ausstellungseröffnung am selben Abend stattfand und als einer der wichtigsten Anlässe von New Yorks High Society gilt.
Alles, was im Modebusiness Rang und Namen hatte, wollte sich mit ihr ablichten lassen, sie beglückwünschen und vor allem wissen, wie denn die Zusammenarbeit mit Kate Middleton so gewesen sei. Auf allen Fotos in den einschlägigen Blogs und Zeitungen war zu sehen, wie Sarah Burton da stand, etwas verlegen in einem weissen, bodenlangen Kleid, lächelte und Hände schüttelte – und offenbar bloss immer wieder «Danke» und «Es machte grossen Spass» sagte, mehr liess sie sich nicht entlocken. Wer ist diese Frau, deren Name über Nacht zum Begriff wurde, deren Gesicht aber niemand kennt? Die vor etwas mehr als einem Jahr eher widerwillig die Nachfolge ihres Mentors übernommen hatte und jetzt dem Label so viel Aufmerksamkeit bescherte wie nie zuvor?
Kleider für Lady Gaga
Man weiss wenig über sie, sie gilt als «very private person». Sie stammt aus Manchester, ist 36 und verheiratet mit dem Fotografen David Burton, das Paar lebt in London. Die Kreativität scheint in der Familie zu liegen, ein Bruder ist Oboist, eine Schwester Opernsängerin. Sie selbst studierte zunächst Kunst, bevor sie sich für Mode entschied und ans renommierte Central Saint Martin’s College wechselte. Durch ihren Tutor Simon Ungless, heute Dozent für Mode an der Universität von San Francisco und ein enger Freund McQueens, kam sie zu einem Praktikum in dessen damals noch winzigem Studio am Hoxton Square und blieb dort, bis sie 1997 ihren Abschluss machte. Danach war sie McQueens persönliche Assistentin und ab 2000 für die Frauenkollektion verantwortlich, daneben entwarf sie Kleider für Michelle Obama, Cate Blanchett, Gwyneth Paltrow und Lady Gaga.
Die Zusammenarbeit mit McQueen war von gegenseitigem Respekt geprägt, die beiden standen sich nahe, ihre Beziehung war innig. Was keine Selbstverständlichkeit war: McQueen galt zwar als hochtalentiert, aber eben auch als schwierig, als äusserst sensibel, als wild und rau und mitunter rüpelhaft, als einer, der seinen Angestellten Höchstleistungen abverlangte. Sarah Burton hingegen ist so sanftmütig, dass ihr Tutor Ungless anfangs zweifelte, ob der Praktikumsplatz bei McQueen der richtige Ort für sie sei. Dennoch war er von ihrem Talent und ihrer Persönlichkeit schon damals überzeugt: «Saint-Martin’s-Studenten kleiden sich meistens möglichst verrückt – das tat sie nie. Es ging ihr nicht darum, aufzufallen, sondern um ihre Arbeit. Und: Sie konnte zeichnen, was bei den heutigen Studenten wirklich unüblich ist.»
Bis heute hat Burton kaum Interviews gegeben, nicht einmal dann, als sie als Nachfolgerin des als Punk der Szene geltenden Designers feststand. Der Schritt war ihr schwergefallen, sie wusste, wie schwierig es ist, das Erbe eines Designers anzutreten, der als Ausnahmeerscheinung der Branche galt – und auch, dass das Label erst 2007 erstmals schwarze Zahlen geschrieben hatte. Wie sollte sie die DNA der Marke erhalten, die untrennbar verbunden war mit der Person McQueens und dessen Vorliebe für das viktorianische Zeitalter und eine düstere Romantik – und ihr gleichzeitig eine eigene Handschrift verleihen? Würde das zur Verwässerung, ja zur Beliebigkeit führen oder dazu, dass McQueen von nun an bloss noch eine Wiederholung dessen sein würde, was der Gründer bis anhin gemacht hatte?
Empfohlen von der UK-«Vogue»
Sarah Burton ist das Kunststück gelungen, die Essenz von McQueen zu bewahren und gleichzeitig der Marke neues Leben einzuhauchen. Ihre Entwürfe sind femininer, weniger brutal und radikal und damit auch kommerzieller, was heisst: tragbarer. Die Kritiker waren bereits von der ersten Kollektion im Oktober 2010 hingerissen, der «Guardian» schrieb: «Sarah Burton stahl in Paris allen die Show.» Es war offensichtlich, dass sie nicht nur eine würdige Nachfolgerin McQueens ist, sondern auch eine hervorragende und vor allem eigenständige Designerin. Dass Kate Middletons Wahl auf Burton gefallen war, verdankte diese einer Empfehlung von höchster Stelle: Alexandra Shulman, Chefredaktorin der britischen «Vogue», hatte der Braut die Designerin wärmstens empfohlen.
Und vielleicht ist es kein Zufall, dass mit ihr eine weitere junge und auffallend zurückhaltende Frau die Modeszene aufmischt. Ähnlich wie die zurzeit einflussreichste Designerin, Phoebe Philo von Céline, mag Burton nicht im Rampenlicht stehen. Die neue Generation von Designerinnen sieht sich selbst nicht als Teil der Glitzerwelt, als die die Modewelt bisweilen gilt, sie sind kaum je auf Partys anzutreffen, lassen sich nicht mit VIPs fotografieren und sind überhaupt sehr diskret und bodenständig. Der Mode bekommt das ganz offensichtlich bestens. Die Chancen stehen gut, dass Burton das Angebot erhält, den Chefposten bei Dior zu übernehmen. Seit der Entlassung von John Galliano werden grosse Namen wie Tom Ford, Nicolas Ghesquière (Balenciaga), Hedi Slimane (ehemals Dior Homme) und Alber Elbaz (Lanvin) herumgereicht – der Name Sarah Burton, wusste das Branchenblatt «Women’s Wear Daily», habe von Anfang an ebenfalls auf der Liste gestanden. Jetzt sei er ganz nach oben gerutscht. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 12.05.2011, 19:36 Uhr
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