Leben
Eine Appenzellerin lehrt New York guten Stil
Von Katrin Hafner. Aktualisiert am 16.07.2009 3 Kommentare
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Tina Roth Eisenberg in Zürich
Derzeit verbringt Tina Roth Eisenberg mit Tochter und Mann ihre Ferien in der Schweiz. Morgen Freitag lädt sie in Zürich zu einem «Creative Morning»: Interessierte treffen sich um 8.30 Uhr in der Freitag-Taschenfabrik auf dem Maag-Areal. Dort wird Daniel Freitag, Mitgründer der Firma, einen Kurzvortrag halten, anschliessend kann man 20 Minuten diskutieren – Ende der Veranstaltung: 10 Uhr; Eintritt frei.
In New York, wo sie wohnt, führt Tina Roth Eisenberg jeden Monat solche «Creative Mornings» durch – immer mit neuen Designern, jeweils an anderen Orten. Sie kündigt die Events auf ihrer Internetseite an, wo man sich per E-Mail anmelden muss (gilt auch für die Veranstaltung von morgen). Mittlerweile sind die Anlässe so beliebt, dass sie oft wenige Stunden nach Ankündigung ausgebucht sind. (kat)
Infos & Anmeldung: www.creativemornings.com
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Dort drüben, im weissen Haus, sei sie aufgewachsen. Tina Roth Eisenberg, 35, sitzt am Steuer, die Appenzeller Welt fliegt vorbei. Sie fährt schnell, redet schnell, denkt schnell. Und lacht laut, Ha!, sehr laut. Seit zehn Jahren lebt sie in New York, mittlerweile mit Mann und Tochter, und gehört heute zur Crème de la Crème der Designerszene. Als diplomierte Kommunikationsdesignerin führt sie in Brooklyn ihr eigenes Designstudio. Sie war Beraterin für das Museum of Modern Art, wird regelmässig als Jurymitglied von Wettbewerben angeheuert und täglich mit Jobangeboten gelockt. Das Mädchen aus dem Appenzellerland hat es weit gebracht im Land der unbegrenzten Möglichkeiten.
Internetanwältin der Kleindesigner
Vor vier Jahren begann sie auf ihrem Blog aus Spass Designobjekte zu «featuren», wie sie es ausdrückt: Möbelstücke, Accessoires und Bücher stellt sie mit wenigen Worten und guten Bildern vor, verlinkt mit dem jeweiligen Hersteller des Produkts. Sie surft täglich stundenlang durch die Netzwelt und stellt, was ihr gefällt, auf die Seite. Das kann ein Badewannenstöpsel oder ein Scherenbett von Thut sein, ein Interview mit dem Deutschen Industriedesigner Dieter Rams oder ein Migros-Werbespot für Bio-Eier, alles archiviert nach Kategorien. So landen gegen 30 neue Posts pro Tag auf ihrem Blog.
Tina Roth Eisenberg verkauft nichts, sie macht sozusagen Gratiswerbung für andere Kreative und hat sich damit ein unglaubliches Ansehen geschaffen. Ihre Website www.swiss-miss.com ist der am meisten verlinkte Schweizer Blog überhaupt. Täglich besuchen mehr Menschen die Website, mittlerweile sind es weit über eine halbe Million pro Monat. Die hohe Klickquote ermöglicht ihr die Teilnahme an einem Online-Werbe-Netzwerk, von dem sie mittlerweile beinahe leben kann.
Erholung in der Heimat
Jetzt sitzt Tina Roth Eisenberg auf der Terrasse ihres gemieteten Ferienhauses in Speicher, Appenzell Ausserrhoden, umnebelt von leichtem Gülle-Geruch, drinnen essen Mann und Tochter Pasta. Weder Handy noch Laptop in Sichtweite, dafür Kühe und viel Grün, sie selbst ganz in Schwarz, Perlen im Ohr, Silber am Handgelenk, dezent geschminkte Augen. Ihr Blog sei «wahnsinnig populär», sagt sie, und da schwingt keine Arroganz mit. Schon eher Koketterie. Etwa wenn sie erzählt, dass inzwischen ihre Idole wie etwa Khoi Vinh, Designchef der «New York Times»-Website, ihren Blog lesen und dass sie dies kaum glauben könne.
Wenn die Swiss Miss einen Gegenstand auf ihre Seite nimmt, kann es sein, dass er innerhalb weniger Stunden ausverkauft ist. Die Frau hat Macht und verändert Leben. Zum Beispiel dasjenige des jungen Mannes, der ihr per Mail seine Erfindung präsentierte: ein Kunststoffblech mit eingestanzten Buchstaben, die mit Wasser gefüllt im Gefrierfach zu Eis oder mit Teig gefüllt im Ofen zu Gebäcken werden. «Schlichtes Design mit einer Spur Humor – da schlägt mein Typografenherz höher.» Die Swiss Miss hievte das Ding auf ihre Website und erhielt wenig später eine Lobeshymne: Die Kaufhauskette Urban Outfitters hatte die Erfindung auf ihrem Blog entdeckt und gleich eine Grossbestellung aufgegeben. Das ist, was Tina Roth Eisenberg glücklich macht: «Es gibt nichts Besseres, als wenn du einem aufstrebenden, kleinen Designer eine Chance geben kannst.» Sie sieht sich als Anwältin unbekannter Talente. «Das bringt allen etwas: den Gestaltern Bekanntheit, mir einen Kick, und den Blogbesuchern bin ich ein Taste-Maker, wie sagt man auf Deutsch, jemand, der ihnen zeigt, was gut ist.»
Konsumkurbel mit Stil
Ja, was ist denn gutes Design, Frau Roth Eisenberg? Pause. «Das ist total subjektiv», ihre Antwort. Woher diese Furcht vor dem Expertenstatus? «Viele Menschen erwarten zu viel von mir. Ich zeige einfach, was mir persönlich gefällt, fertig.» Das aber tut sie gnadenlos konsequent. Sie schafft es, Kreationen vorzustellen, die auf keinem zweiten Blog zu finden sind. Kurbelt so den Konsum an mit Stil, ihrem Stil. Und das kommt an. Fans berichten, die halbe Wohnung nach Swiss-Miss-Geschmack eingerichtet zu haben.
Heute, da von London über Tokio bis nach Kapstadt identische Produkte und Marken zu kaufen sind, wächst die Sehnsucht nach Einzigartigem – und verbindlicher Hilfe bei der Suche danach. Das Internet ist zwar der geeignete Ort zum Herauspicken von Trouvaillen. Nur: Wer sucht, verliert sich. Tina Roth Eisenberg übernimmt eine Art Gatekeeper-Funktion. Sie avanciert zur Designwegweiserin im Internetdschungel. Vor allem in der Kategorie «Möbel» zeigt sich ihre Vorliebe für «smarte» Gestaltung, wie sie es nennt: intelligent, funktional, minimalistisch – eben klassisches Schweizer Design à la USM Haller und Corbusier.
Dass sie sich als «Swiss Designer gone NYC» vermarktet, ist taktisch geschickt, denn, so gibt sie zu: «Die Amis stehen auf alles, was nach Schweizer Design tönt.» Nun hat selbst Schweiz Tourismus erkannt, welch einmalige Rolle sie spielt, und animiert sie, Reisetipps auf ihren Blog zu stellen. Die Appenzellerin ist nicht abgeneigt: «Warum nicht? Ich liebe die Schweiz! Auch wenn ich nicht da leben möchte, es geht mir hier alles zu langsam.»
Mit Deo und Socken nach Brooklyn
In die grosse Stadt kam Tina Roth Eisenberg übrigens, weil sie nach Abschluss der Münchner Fachhochschule für Kunst zwei Monate Praktikum machen wollte – und einen Arbeitsvertrag mit Visum erhielt. «Ich habe Glöggli gehabt», appenzellisch für Glück. Das Glück bemüht sie gerne, wenn sie ihre Karriere erklären soll. Es sei «totales Glück», dass sie ab August an der New Yorker School of Visual Arts unterrichten könne und mit ihren «Creative Mornings» den Nerv der Zeit getroffen habe. Jeden Monat lädt sie auf ihrem Blog zu einem Frühstück bei einem Designer ein, mit anschliessender Diskussion und Gelegenheit zum Networken. Mittlerweile sind die Anlässe oft kurz nach Ausschreibung ausgebucht. Die Kreativen von New York scheinen sich ob all der virtuellen Welten nach realen Kontakten zu sehnen (siehe Kasten).
Und Tina Roth Eisenberg sehnt sich nach all den Jahren in den USA nach «ihren» Schweizer Alltagsprodukten. Bevor sie mit Mann und Tochter Ella Joy heimreist, nach Brooklyn, kauft sie noch Deo, «Gewürze von Schmid-Metzg» und ihre Lieblingssocken, Ha!
www.swiss-miss.com
BILD THOMAS BURLA
Tina Roth Eisenberg mit Tochter zu Besuch im Appenzell. Und man fragt sich: Von welchem In-Designer stammt wohl dieses Kinderkleidchen?
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 16.07.2009, 22:37 Uhr
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3 Kommentare
Grossartig! Mich freut es, wenn Menschen wie Sie, liebe Tina Roth, Erfolg haben. Leute, die ihre Arbeit nicht des Prestiges wegen, sondern aus Leidenschaft machen. Dies ist selbstverständlich auch ein Privileg. Denn nicht alle können das tun, was ihnen liegt. Deshalb reden Sie ja auch von "Glück", was Sie zusätzlich sympathisch macht. Weiterhin alles Gute im Land der unbegrenzten Möglichkeiten! Antworten


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