Gibt es Regeln beim Anstossen?

Die Antwort auf eine Stilfrage zum richtigen Verhalten zu Tische.

Nicht alle Gläser klingen gleich schön. Diese hier versprechen einen guten Klang. Foto: iStock

Nicht alle Gläser klingen gleich schön. Diese hier versprechen einen guten Klang. Foto: iStock

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Welche Reihenfolge sollte bei einem Essen auswärts beim Anstossen mit Wein eingehalten werden? Ich dachte, es werde zuerst mit dem befreundeten Paar, dann mit dem eigenen Partner angestossen. Liege ich da falsch?
R.N.

Sie liegen nicht falsch, aber so strikt wie einst werden Umgangsformen heute nicht mehr befolgt. Man mag das befreiend und gut finden oder auch übel und dem Zeitgeist der galoppierenden Verwahrlosung geschuldet. Letztlich setzt die Zahl der Anwesenden zu Tisch dem Anstossen physikalische Regeln beziehungsweise Grenzen.

Tischsitten haben an Wertschätzung und somit Bedeutung verloren – vergleicht man mit den gestelzten Ritualen, die im 17. Jahrhundert am Hof von Louis XIV. zelebriert wurden, kommt uns heute der Sonnenkönig tatsächlich wie von einem andern Stern vor. Dass er coram publico gespeist hat, mag noch verständlich sein, aber dass diese Öffentlichkeit (neben wenigen Gästen mit Sprecherlaubnis) aus einer schweigenden Mehrheit bestand, die auf Abstand gehalten den Monarchen anstaunte, wirkt heute doch ziemlich anstrengend. Von Anstossen keine Rede.

Sitzen Sie also zu viert am Tisch, Paar und Paar, dann hebt der oder die Gastgeberin das Glas, trinkt auf das Wohl der Gäste und «eröffnet» das Dinner offiziell. Ohne Einladung, also wenn beide Paare Speis und Trank aus der eigenen Tasche bezahlen, ob nach abgerechneter Konsumation oder halbe-halbe, kann man anstossen, wie man will – nur nicht über den ganzen Tisch die entfernte Diagonale anpeilen. Der «Ess- und Tisch-Knigge» stellt klar: «Die formvollendete Variante: Man hebt das Glas und sucht lächelnd Blickkontakt. Alles ausser ‹Zum Wohl(e)›, ‹Auf Ihr Wohl› oder eventuell noch ‹Cheers› klingt lächerlich.» Auch «Santé»? Das ist halt Französisch und nicht allen verständlich. Auf keinen Fall sollte man «Hoch die Tassen» oder ähnliche Sprüche ins Lokal trompeten.

Heftiger Körperkontakt ist übrigens ebenfalls eine Frage des persönlichen Geschmacks. Und man muss die Gläser nicht zwingend aneinanderstossen: Die einen können sie nicht oft genug klingen lassen, anderen geht das ständige ­Geschepper auf die Nerven. Hier gilt es zudem, Form und Qualität der Gläser zu bedenken: Ein dünnwandiges, hand­geblasenes Glas auf hohem Stiel, mit grossem Bauch und nur zu einem Drittel gefüllt, gibt einiger­massen schöne und kaum dissonante Töne von sich – im Gegensatz zu Zahngläsern, die bis an den Rand eingeschenkt sind.


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(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.06.2017, 10:45 Uhr

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