Leben

Mit Anna Wintour per Du

Von Bettina Weber. Aktualisiert am 20.05.2010

Die Zürcherin Stella Greenspan arbeitet als Modeassistentin beim wichtigsten Magazin der Branche, der amerikanischen «Vogue». Deren berüchtigte Chefredaktorin, Anna Wintour, findet sie ganz in Ordnung.

Stella Greenspan bei der Arbeit: Besuch der Modeschau von Patrik Ervell in New York.

Stella Greenspan sitzt im New Yorker Stadtteil SoHo im Café Select des Zürcher DJs Oliver Stumm, trinkt ein Rivella blau und schwitzt, denn es ist unerträglich heiss und feucht an diesem Sonntagnachmittag im Mai. Ihre langen, dunklen Locken sind nass, sie war eben noch schnell unter der Dusche. Sie trägt flache Sandalen, eine schwarze Jeans und ein dunkelgraues T-Shirt, dazu Silberschmuck um den Hals und an den Händen, deren Nägel kurz und babyrosa angemalt sind. Sie ist ungeschminkt.

An dem Tag, an dem sie sich bei Anna Wintour, der Chefredaktorin der US- «Vogue», als Assistentin der Mode-Chefin Grace Coddington vorstellte, stand Stella Greenspan etwas länger vor dem Kleiderschrank als sonst. Sie entschied sich damals, vor einem Jahr, für einen Jupe und eine Bluse von Proenza Schouler, einem jungen amerikanischen Designer-Duo. Nicht ganz zufällig, gibt sie freimütig zu, das Label zählt zu Wintours Lieblingen. Aber da war das Problem mit den Schuhen. Gerüchten zufolge sind auf Geheiss der Chefin bei der «Vogue» keine flachen Schuhe erlaubt. Greenspan misst aber beeindruckende 186 Zentimeter und trägt nie hohe Hacken. Eine Ausnahme mochte sie auch für Anna Wintour nicht machen.

Und dann stand sie also vor ihr, vor der Frau, die man in der Öffentlichkeit auch in geschlossenen Räumen nur mit Sonnenbrille sieht, die nie lächelt, die wegen ihrer Strenge «Nuclear Wintour» genannt wird und die dem Film «Der Teufel trägt Prada» den Namen gab. Der Weg von der Tür bis zum Pult erschien Greenspan unendlich lang, sie fühlte sich wie auf einem Laufsteg, «und irgendwie lief alles wie in Zeitlupe ab». Bevor sie das Pult erreicht hatte, stand Wintour auf, ging darum herum und streckte ihr die Hand entgegen: «Hi, I'm Anna» und setzte sich wieder. Die Höflichkeit dieser alltäglichen Geste brachte Stella Greenspan vollends aus dem Konzept.

Mit Mode ein Bild kreieren

Wie lange das Interview dann dauerte, weiss sie nicht mehr; auch nicht, was genau Wintour wissen wollte und was sie darauf antwortete. Aber es war gut, oder vielmehr sehr gut, denn gut reicht für die «Vogue» nicht, und die Zürcherin bekam den Job. Und es ist ein Job, für den viele ziemlich viel, vielleicht sogar alles geben würden; einige Bewerberinnen flogen zum Vorstellungsgespräch aus Frankreich ein.

Greenspan, dank ihres Vaters im Besitz eines amerikanischen Passes und somit von der Sorge um eine Green Card befreit, ist zum Job gekommen durch harte Arbeit, gepaart mit einer charmanten Unbeschwertheit. Nach der Matura absolvierte sie den Grundkurs der F + F, der Zürcher Schule für Kunst und Mediendesign, und wusste eigentlich nicht so recht, was sie wollte. Sie hatte zwar als Kind aus den Bildern der «Vogue» ihrer Mutter Collagen gebastelt, aber Designerin wollte sie nicht werden. Ihre Begabung, das war ihr immerhin klar, lag nicht beim Entwerfen, sondern darin, ein Bild zu kreieren, eine Komposition. «Mode», sagt sie, «besteht aus mehr als bloss aus Trends.»

Dass es den Beruf der Stylistin gab, wusste sie nicht. Bis sie im Sommer 2004 für ein paar Monate nach New York ging und eine Menge Leute aus der Modebranche kennen lernte, die nicht bei irgendwelchen Titeln arbeiteten, sondern bei den richtig einflussreichen. Sie begann, bei Fotoshootings zu assistieren, und arbeitete immer wieder mit dem Hairstylisten Didier Malige zusammen, der wiederum der Lebenspartner von «Vogue»-Creative-Director Grace Coddington ist. Und eben die brauchte eine rechte Hand. Malige vermittelte.

Das erste Treffen verlief erfolgreich, mit Coddington verstand sich Stella Greenspan auf Anhieb, gerade wegen deren sanftmütiger Art. Das ehemalige Model gilt als eine der erfahrensten und wichtigsten Stylistinnen der Branche; mit ihrem flammend roten Haar und dem Verzicht auf Make-up galt sie als der heimliche Star des Dokumentarfilms «The September Issue»; auch, weil sie es sich als Einzige herausnimmt, La Wintour zu widersprechen.

Und so, nach fünf Vorstellungsgesprächen und der finalen Absolution durch Anna Wintour, begann die Zürcherin Stella Greenspan mit gerade mal 24 Jahren am New Yorker Times Square als Assistentin der wichtigsten Frau und beim wichtigsten Blatt der Mode. Sie kümmert sich um die Organisation der Modeshootings – aufwendige Produktionen, die mehrere 10'000 Franken kosten. Models müssen eingeflogen, das Budget im Auge behalten und all die Menschen, die mitarbeiten, vorab und vor Ort an einem exotischen Fleckchen der Welt koordiniert werden.

Das ist anstrengend, unter der Woche reicht die Zeit gerade mal für zehn Minuten Mittagspause. Während es aber in gewissen Kreisen als chic gilt, auch am Wochenende arbeiten zu müssen, wird das bei der «Vogue» wenn immer möglich vermieden. Das ist gut, erst recht, wenn man nur zwei Wochen Ferien hat pro Jahr.

Höflich und bescheiden

Wie sie dasitzt, die langen Beine übereinandergeschlagen, mit den Händen gestikuliert, viel lacht und überhaupt eine grosse Heiterkeit ausstrahlt, will Stella Greenspan so gar nicht in diese Welt der Anna Wintour passen. Die legendäre Arroganz der Modebranche kennt die 25-Jährige, wobei sie präzisiert: So benähmen sich diejenigen, die im Grunde nichts zu sagen hätten. Die richtig wichtigen Leute seien meist bescheiden, höflich und professionell.

Und La Wintour? Greenspan lehnt sich im Stuhl zurück und dreht an einer Locke. Es stimme, sagt sie, Anna verlange viel. «Ich habe sehr viel Achtung und Respekt vor ihr, erst recht, seit ich sie hautnah erlebe.» Und: Sie frage sich, ob man einen Mann in der gleichen Position einer ebenso gnadenlosen Beurteilung unterziehen würde. «Anna hat einen knallharten Job. Es geht um eine Menge Geld, und sie hat nicht nur die Verantwortung für das Ganze, sondern auch den Überblick.» Das heisst: Wintour kümmert sich nicht nur um den Inhalt des Magazins, indem ihr jeder Vorschlag, und sei es nur das Make-up für ein Shooting, vorgelegt werden muss. Sondern auch um die Finanzen, um die Anzeigen, ums Budget. «Sie schafft es, dass der Name «Vogue» diesen Zauber behält, den er immer hatte.»

Vielleicht, weil der Name tatsächlich so gross ist, vermeidet ihn die Zürcherin und spricht stattdessen vom «Heftli», was zwar lustig klingt, aber nicht despektierlich gemeint ist: «Ich brauchte ja auch ein halbes Jahr, bis ich den Satz «Ich arbeite bei der «Vogue» über die Lippen brachte».» Draussen radelt der Fotograf Terry Richardson vorbei. Und es ist noch heisser geworden. Greenspan will noch ins Moma, zur Ausstellung von Marina Abramovic. Aber vorher muss sie sich noch ein neues T-Shirt kaufen, sie fühlt sich zu verschwitzt. Sie macht sich also auf den Weg. Zu H&M.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 19.05.2010, 22:36 Uhr

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