Mit wohltuender Bodenhaftung

Was will die moderne Frau tragen? Das wissen die am besten, die es selbst sind: Phoebe Philo und Stella McCartney. Ansonsten war Paris für einmal etwas mutlos, aber ein Skandälchen gab es doch.

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Die wichtigste Show der Pariser Prêt-à-porter-Schauen, die am Mittwoch zu Ende gingen, war eigentlich gar keine. Sondern eine Präsentation im intimen Rahmen mit bloss 70 Gästen; Fotografen waren nicht zugelassen, das Verbreiten von Bildern über Social Media und Handys untersagt. Während Burberry in London, Gucci, Versace und Dolce?&?Gabbana in Mailand auf die Live-Übertragung im Internet setzten, machte man bei Céline genau das Gegenteil: Exklusivität war angesagt. Weil man es sich leisten kann.

Chefdesignerin Phoebe Philo ist die zurzeit einflussreichste Designerin – und weil sie gerade hochschwanger mit ihrem dritten Kind ist, mochte sie sich kein herkömmliches Defilee im grossen Stil und mit Hunderten von geladenen Gästen zumuten. Philo machte nie ein Geheimnis daraus, dass ihre Familie vorgeht. Bereits nach der Geburt ihres ersten Kindes nahm sie sich eine dreijährige Auszeit – und für die Anstellung bei Céline danach machte die Engländerin zur Bedingung, nicht am Hauptsitz in Paris arbeiten zu müssen, worauf man ihr ein Atelier in London einrichtete. Ein Novum in einer Branche, die nicht gerade als familienkompatibel gilt. Und jetzt setzte die 38-Jährige wieder ein Zeichen. Dass da eine noch ein Leben nebst der Mode hat, kommt dieser zugute. Philos Mode hat Relevanz, sie macht keine kurzlebigen Stücke, sondern vielmehr Bausteine für eine zeitlose Garderobe. Oder anders gesagt: Die Frage, was moderne Frauen anziehen wollen, stellt sich für Philo nicht. Sie weiss es.

Sportlich ist Trumpf

Für die Saison Herbst/Winter 2012 zeigte sie locker fallende Hosen mit Reissverschlüssen und blockartigen Streifen, dazu übergrosse Mäntel, die, das steht jetzt schon fest, der grosse Trend des nächsten Winters sein werden. Die Kollektion verströmte eine sportliche Eleganz, war klar und sachlich; farblich dominierte Weiss, daneben gab es Blau, Fuchsia und Rot.

Sport spielte auch bei der anderen wichtigen Engländerin in Paris eine grosse Rolle: Stella McCartney – die für Adidas das britische Team für die Olympischen Spiele in London ausrüsten wird – zeigte eine grandiose Kollektion für erwachsene Frauen. Blau dominierte, dazu gab es schmal geschnittene Kleider, sehr figurbetont, sehr elegant, die Sexiness aber subtil. Auch bei ihr ist diese wohltuende Bodenhaftung zu spüren, und so sagte sie nach der Show zur «Times»: «Es geht bei der Stella-Frau immer um Balance. Ich dachte darüber nach, wie die in meinem Leben so aussieht angesichts des Pendelns zwischen Stadt und Land, zwischen Alltag und Cocktails.» Und sie soll, so die «Daily Mail», inmitten der Gratulationen und des Trubels backstage gesagt haben, sie könne sich durchaus vorstellen, noch ein fünftes Kind zu haben.

Slimane zu Yves Saint Laurent

Die dritte Show, die in Paris stets mit grosser Spannung erwartet wird, ist diejenige von Isabel Marant. Sie beherrscht die Kunst, ihren Kleidern diese unverschämte Leichtigkeit zu verleihen, eine Nonchalance, die so pariserisch wirkt, so entspannt und zufällig, dass sie zum Lieblingslabel der französischen «Vogue»-Redaktorinnen zählt. Marant zeigte knöchellange Jeans in leuchtenden Farben, teilweise mit Fransen versehen, dazu Cowboyblusen. Spektakulär war das nicht, aber das ist Marant nie – muss sie auch nicht. Ebenfalls schön: Clare Waight Keller für Chloé. Sie hat die Nörgler Lügen gestraft, die ihre Debütkollektionen verrissen hatten, und zeigte harmonische, zart-verspielte Entwürfe und als eine der wenigen Röcke. Denn im nächsten Winter geht es vor allem um Hosen, selbst Miuccia Prada bei Miu Miu setzte ausschliesslich auf Beinkleider.

Nebst den dominierenden Frauen waren da natürlich auch noch ein paar Männer. Stefano Pilati zeigte seine letzte Kollektion für Yves Saint Laurent; er wird, das wurde jetzt erst bestätigt, tatsächlich durch Hedi Slimane ersetzt werden. Das ist der Mann, der Karl Lagerfeld dazu gebracht haben soll, 40 Kilo abzunehmen – weil der Chanel-Chef unbedingt in Slimanes schmale Dior-Anzüge passen wollte. Das Saint-Laurent-Defilee wird also im nächsten Oktober das begehrteste der Saison sein.

Tragbarer als auch schon

Die beiden grossen B, Balenciaga und Balmain, waren tragbarer als auch schon. Nicolas Ghesquière präsentierte taillenhoch geschnittene, futuristisch anmutende Hosen und Pullover, die nicht sehr figurfreundlich sind in ihrer Unförmigkeit. Aber das ist bei Ghesquière nie ein Kriterium, und er spielt virtuos damit. Olivier Rousteing wiederum, der erst seine zweite Kollektion für Balmain zeigte, blieb dem Stil des Hauses treu, entledigte sich aber dessen ­Aggressivität. Die Balmain-Uniform aus schmalen Hosen und Lederjacken ist immer noch zentral, daneben gab es aber auch messerscharf geschnittene, mit unzähligen Perlen bestickte Minikleider.

Nach der sehr starken Woche in Mailand wirkte Paris für einmal ein wenig brav, wenig experimentierfreudig auch. Man konnte sich bei vielen Designern des Eindrucks nicht erwehren, das Gezeigte schon letzte Saison woanders gesehen zu haben, der Wow-Effekt stellte sich kaum ein. Immerhin: Kenzo, seit geraumer Zeit in der Bedeutungslosigkeit versunken, hat ein neues Designerduo. Und zwar die Gründer der stilprägenden amerikanischen Boutique Opening Ceremony, Carol Lim und Humberto Leon. Und die beiden brachten frischen Wind nach Paris, ihre Kollektion war munter, energiegeladen, fröhlich. Da spielten zwei mit grosser Lust auf der Klaviatur der Mode und schienen vor Kreativität geradezu zu bersten. Kenzo wird man sich in Zukunft wieder merken müssen; die Pullover mit der Label-Aufschrift werden im nächsten Herbst garantiert überall zu sehen sein.

Bezahlte Prominenz

Und dann hatte ja Paris doch auch noch sein Skandälchen. Während in Mailand die Nachricht vom Rücktritt (oder wohl eher: von der Entlassung) Raf Simons bei Jil Sander für Konsternation gesorgt hatte, war es diese Woche eine französische Designerin, die seit Jahren in London lebt und arbeitet. Nicole Farhi erklärte gegenüber dem «Sunday Telegraph» frei heraus, was schon lange gemunkelt wurde, aber nie jemand öffentlich zu sagen wagte: dass die Modeunternehmen die Prominenz für ihr Auftauchen in der ersten Reihe bezahlen.

Und das nicht zu knapp: Insidern zufolge verlangen Stars und Sternchen Zehntausende Dollar, damit sie sich an einer bestimmten Show blicken lassen – worauf der Name des Labels um die Welt geht, wenn auch die Kleider kaum gezeigt werden. Richtig reden mag in der Branche niemand darüber, der Inhaber einer einflussreichen PR-Agentur brachte es aber auf den Punkt, als er meinte: «Dieses heimliche Bezahlen verleiht der ganzen Branche etwas Billiges. Aber ein Ende dieser Praxis ist nicht in Sicht.» Das spricht leider überhaupt nicht für die Mode. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 09.03.2012, 10:07 Uhr)

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