Modelabels weigern sich, die First Lady einzukleiden

Die Labels sind im Clinch: Melania Trump einzukleiden, bedeutet Verrat – aber auch viel Geld.

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Das Schweigen war ohrenbetäubend gewesen: Während des ganzen amerikanischen Wahlkampfs hatte sich kein einziges Modehaus zur Kleiderwahl von Melania Trump geäussert. Es waren keine aufgeregten Pressemitteilungen verschickt worden, von wegen, man vermelde stolz, die Gattin des Präsidentschaftskandidaten trage Label XY. Wenn überhaupt, liessen die Modehäuser indigniert durchblicken, sie hätten Mrs. Trump keine Kleider zur Verfügung gestellt, sie müsse diese vielmehr selbst gekauft haben.

Das war an Deutlichkeit nicht zu überbieten: Die Mode wollte nichts mit Melania Trump zu tun haben. Melania Trump war, ganz eindeutig, irgendwie igitt.

Jetzt, wo das ehemalige Model nicht mehr länger bloss die Gattin eines sehr reichen, prominenten Wüterichs ist, sondern die nächste First Lady, stehen die Designer vor der grossen Frage: Wollen wir diese Frau ausstaffieren? Oder distanzieren wir uns, weil ihr Mann politisch für fast alles steht, was wir nicht gutheissen?

Denn es liesse sich mit ihr viel Geld verdienen, sehr viel Geld. Der Werbeeffekt von Berühmtheiten, die ein bestimmtes Label tragen, ist unbezahlbar; und schon während des Wahlkampfs war klar, dass es sich mit Melania Trump nicht anders verhält. Die pinkfarbene Schluppenbluse – auf Englisch Pussy-Bow-Bluse und daher nicht einer gewissen Ironie entbehrend, dass sie sie am ersten Auftritt nach «I grab her by the Pussy»-Gate trug –, war von Gucci und innert Stunden ausverkauft.

An ihr sieht alles grossartig aus – sie war Model

Die Branche tut sich trotzdem schwer mit ihr. Als eine der ersten liess die hierzulande weitgehend unbekannte Designerin Sophie Theallet in einem offenen Brief per Twitter verlauten, sie werde Melania Trump boykottieren (obschon Theallet selbstverständlich nichts dagegen tun kann, wenn diese ihre Kleider kauft und dann trägt).

Es folgten Derek Lam («Ich kenne sie nicht, aber ich will nichts mit der Administration Trump zu tun haben») und Philip Lim («Die Wahl hat mich darin bestätigt, dass wir als Label einstehen müssen dafür, woran wir glauben») sowie Joseph Altuzarra («Ich will keine Leute einkleiden, deren Meinung ich nicht teile»).

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Und dann zogen die Schwergewichte Marc Jacobs («Es interessiert mich nicht, Melania Trump einzukleiden») sowie Tom Ford («Ich wurde schon vor Jahren angefragt, sie einzukleiden. Und ich lehnte ab») nach.

Tommy Hilfiger dagegen erklärte, er würde, schliesslich sei es für jeden Designer eine Ehre, ihr Kleiderausstatter zu sein. Genauso äusserten sich auch Diane von Fürstenberg und Carolina Herrera. Ralph Lauren, der seit Jahren eng mit Hillary Clinton zusammenarbeitet, und von dem wiederum der weisse Hosenanzug stammt, den Mrs. Trump in der Wahlnacht trug, äusserte sich nicht.

Dass Melania Trump auf so wenig Gegenliebe stösst, scheint auf den ersten Blick unverständlich. Sie ist ein ehemaliges Model, kann also alles tragen, Designerkleidung käme an ihr perfekt zur Geltung. Und die Mode ist ein Geschäft wie jedes andere auch, es geht darum, zu verkaufen. Dass man sie trotzdem nicht mag, hat mehrere Gründe.

Zum einen stand die Modebranche geschlossen hinter Hillary Clinton; so deutlich wie nie zuvor hatten sich auch Magazine wie die amerikanische «Vogue» für die ehemalige Aussenministerin ausgesprochen. Das Engagement kam nicht von ungefähr: Trump widerspricht mit seiner reaktionären Politik so ziemlich allem, wofür die Mode steht, die sich nicht nur fröhlich über Geschlechtergrenzen hinwegsetzt, sondern auch besonders viele Schwule und Frauen beschäftigt, insbesondere: Mütter.

Die neue First Lady bevorzugt ausländische Labels

Tom Ford sagte ja auch noch: «Sie entspricht nicht meinem Image», und meinte damit, dass er keine «trophy wife» im Kopf habe, wenn er entwirft, also keine Frau, die bloss Dekoration ist. Er brachte damit auf den Punkt, worum es unterschwellig geht: Die Mode liebt moderne Frauen als Imageträgerinnen – Frauen, die nicht nur schön, sondern eben auch klug sind und einem Beruf nachgehen. Deshalb liebt die Branche Amal Clooney. Und deshalb liebte sie vor allem Michelle Obama. Melania Trump kann da weder von der Intellektualität noch von der Lebendigkeit her mithalten. Sie wirkt vielmehr wie eine Stepford Wife.

Kommt hinzu, dass sie bei der bisherigen Kleiderwahl wenig Fingerspitzengefühl und noch weniger politisches Flair bewiesen hat: Mrs. Trump trug kaum je einheimisches Design. Obschon doch ihr Mann sein Land wieder gross machen will, indem der amerikanischen Industrie neues Leben eingehaucht werden soll, bevorzugte sie Ausländisches: Balmain (französisch), Fendi, Gucci (italienisch) oder Roksana Ilincic (britisch). (SonntagsZeitung)

(Erstellt: 12.12.2016, 09:48 Uhr)

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