Verhüllen statt entkleiden?

Immer kürzer, immer sexier: Jahrzehntelang haben sich die Modedesigner vor allem mit dem Entblättern der Frau beschäftigt. Das könnte sich nun ändern – mit Trends aus dem Osten.

Der Zwiebellook soll die Strasse erobern: Kollektion des englischen Labels Topshop.

Der Zwiebellook soll die Strasse erobern: Kollektion des englischen Labels Topshop.

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Stil? Damit hat man Musliminnen bisher nicht assoziiert. Zwar konnte man ab und zu lesen, dass die Frauen unter ihren langen Kleidern Labels aus dem Westen tragen. Und man wundert sich im Westen immer wieder von neuem, wenn eine junge Muslimin sagt, sie trage das Kopftuch freiwillig. Aber für stilbewusst oder gar für Trendsetterinnen hat man die Frauen bisher nicht gehalten.

Das könnte sich ändern. Denn nicht nur Designerlabels wie Jil Sander, auch Streetstyle-Ketten wie Zara, H & M oder Topshop beschäftigen sich 2012 modisch mit dem Verhüllen. (Lesen Sie auch: «Höschen bis zum Bauchnabel».)

Auf den Laufstegen präsentierte Sander knöchellange Jupes, drapierte Tüllröcke über kurze Shorts, kombinierte Maximäntel zu wadenlangen Bleistiftjupes – kurz: Diesen Sommer ist mehr Stoff als Haut angesagt. Der lange Jupe wurde von seinem Ruf der Biederkeit befreit und erlebt das erste wirkliche Revival jenseits der Hippie-Ikone. Wer sich auf der Strasse umschaut, sieht, dass die knallenge Röhrenjeans der locker geschnittenen Chino gewichen ist. Verhüllen als Trend, der sich fortsetzen wird. Denn auch Prada und Chanel haben an den diesjährigen Fashionshows für die Wintersaison den Laufsteg mit Kleidern und Mänteln gefüllt, die über Hosen getragen werden.

Verhüllen statt entblössen

Jahrzehntelang hat sich die Mode mit dem Enthüllen beschäftigt. Nach und nach wurde ein weibliches Körperteil von der Mode entkleidet: zuerst die Arme, in den Sechzigerjahren die Beine, vor der Jahrhundertwende der Bauch. Warum plötzlich diese Umkehr? (Lesen Sie auch: «Das sexy Drunter im Retro-Stil».)

Der Fashion-Blog des «Guardians» vermutet, dass daran der Islam nicht ganz unschuldig ist. Beziehungsweise der weibliche Teil dieser Welt. Denn dort ist sehr viel Geld zu verdienen: Geschätzt wird, dass der muslimische Modemarkt rund 96 Millionen Dollar schwer ist. Doch im Westen hat sich bisher keiner damit beschäftigt, den modischen Musliminnen eine Alternative zu den Produkten der Billigketten für drüber und der teureren Designerware für drunter zu präsentieren. Keine Geringere als Vivienne Westwoods Protegé Barjis Chohan hat sich nun daran gemacht, das zu ändern. «Junge stylische Musliminnen haben es schwer, in westlichen Modeketten ihren Look zu finden: Die Ausschnitte sind zu gross, die Röcke zu kurz, und der typische Zwiebellook mit den Hosen und Röcken im Angebot zu unchic und heiss», sagt Chohan und konterte mit einer Kollektion, die ebenso züchtig ist wie elegant. Da finden sich enge Leggingshosen unter langen Mänteln, locker über der Hüfte drapierte Kleider, wunderbar fallende Stoffe, die nicht nur verhüllen, sondern auch kleiden.

Dass sie mit dieser Idee in der Fashionwelt, die permanent nach neuer Inspiration sucht, Spuren hinterlässt, ist nicht erstaunlich. Genauso wenig wie die Tatsache, dass sich die Mode irgendwann wieder auf ihre Kernkompetenz zurückbesinnen würde: Frauen zu bekleiden, statt zu entblättern.

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(Erstellt: 02.05.2012, 21:39 Uhr)

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