Wäsche draussen am Sonntag?

Die Antwort auf eine Stilfrage zum nachbarschaftlichen Zusammenleben.

So etwas wollen manche am Sonntag nicht sehen. Foto: Alessandro Della Bella (Keystone)

So etwas wollen manche am Sonntag nicht sehen. Foto: Alessandro Della Bella (Keystone)

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Als Mitglied und Mieter einer Wohnbaugenossenschaft möchte ich gerne wissen, ob ich zu wenig tolerant bin, wenn ich als 74-Jähriger darauf bestehe, dass auf das Aufhängen der Wäsche im Freien an Sonn- und Feiertagen verzichtet wird (Trocknungsraum und Tumbler sind vorhanden). Ich habe mich beim Hauseigentümerverband erkundigt und erfahren, dass die aktuelle Normwaschordnung immer noch davon ausgeht, dass an Sonn- und Feiertagen überhaupt nicht gewaschen werden soll. So weit will ich gar nicht gehen. Mich stört bloss, wenn ich bei schönem Wetter am Sonntag von meinem Fenster aus auf eine volle Wäscheleine blicken muss. Bin ich mit meiner Einstellung altmodisch? G. M.

Lieber Herr M.,

Wir müssen hier sofortigstens ein Missverständnis aus der Welt schaffen: nämlich dasjenige, wonach Sie automatisch altmodisch sein sollen, bloss weil Sie sich als 74-jähriger Herr an etwas stören.

Erstens dürften Sie mit Fug und Recht altmodisch sein, zweitens ist das nicht per se schlecht und drittens handelt es sich keineswegs um eine Altersfrage, denn der wahnsinnig hippe Mitmensch etwa ist entgegen seiner demonstrativen Weltläufigkeit im Kopf verblüffend oft verblüffend frühvergreist.

Gar gruselig altmodisch ist indes dieser Hauseigentümerverband mit seiner Normwaschordnung. Die stammt aus einer Zeit, in der die Hausfrau die Woche über daheim war und Vollzeit, nun ja, eben haushaltete. Heute gehen mitunter – das soll es geben – auch weibliche Personen einer bezahlten Arbeitstätigkeit nach, weshalb manchmal nur der Sonntag bleibt, um hauszuhalten.

Aber es geht ja um diese Wäsche. Und ich hege den Verdacht, dass die nicht aussieht wie in der Werbung für Weichspüler, dass sich da also nicht blütenweisse Laken sanft im Wind wiegen, sondern dass da ästhetisch zweifelhafte Dinge hängen. Dass Sie, lieber Herr M., es präferieren, ins Grün zu gucken statt auf gräulich verfärbte Frotteetücher, ausgeleierte Unterleibchen und Unterhosen im Bridget-Jones-Format – da bin ich ganz bei Ihnen. Wenigstens am Sonntag will man nicht belästigt werden mit den Abgründen der Menschheit und wenigstens optisch seine Ruhe haben.

Und mich dünkt ja, angesichts der Existenz von Trockenraum und Tumbler müsste ein Kompromiss drinliegen: dass also die werte Nachbarschaft am Wochenende auf Freilufttrocknung verzichtet. Als Erklärung muss reichen, dass Sie es einfach ein bisschen schön haben möchten.

Bettina Weber


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(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 21.05.2017, 21:01 Uhr

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