Was heisst cool?

Sonnenbrille? Jazz? Justin Bieber? Wer weiss schon, was wirklich cool ist. Ein Wissenschafter ist der Frage nach der Coolness nachgegangen – und fand überraschende Antworten.

Die Brille, zwischen mir und der Welt: Madonna für Dolce & Gabbana.

Die Brille, zwischen mir und der Welt: Madonna für Dolce & Gabbana.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Frage an den Stilexperten: Trägt man die Sonnenbrille auch nach Sonnenuntergang noch im Haar? Im Zweifelsfall wäre das auch schöner Stoff für ein Pro und Contra. Der Ausgang der Debatte würde bestimmt interessieren. Beim Umgang mit einem lifestylemässig so aufgeladenen Accessoire geht es jedoch um mehr, um die Frage: Ist das cool?

Persönlich kann man Sonnenbrillen bei Dunkelheit eher uncool finden, auch wenn die ganze Stadt sie trägt. Aber vielleicht ist das auch schon wieder ein uncooler Satz. Wer Regeln der Coolness aufstellt, ist ohnehin uncool, was in etwa meint: angestrengt. Denn Coolness gibt es nicht nach Regeln – oder nach fast keinen. Coolness wird gelebt und behauptet, aber nie als Hauptereignis der Erscheinung. Cool ist nur, was nebenbei und unabsichtlich eben einfach cool wirkt. Der Look spielt eine Rolle, klar, aber die Haltung macht das Spiel. Aber was heisst cool? (Lesen Sie auch: «So merken Sie, ob Sie ankommen»)

Jeans, Converse, Jazz, Tennis

Nachdem die Älteren James Dean gerufen haben, Denim-Jeans und Marlboro, die Jüngeren möglicherweise Justin Bieber oder Selena Gomez, sicher aber Converse, Zalando und Rap, nachdem es Jazz in einer coolen Variante gibt und Roger Federer cool siegt, ist klar, dass cool alles meint. Zum Beispiel okay (wie in «Treffen wir uns heute Nachmittag? Cool!»), irre gut (Sophie Hungers neues Album), unwiderstehlich (was halten wir von Ryan Gosling?), unbeirrt und stark und selbstbewusst.

Cool hat – oder hatte – eine rebellische Note. Wogegen sich die Rebellion richtete, war auch nicht immer allen klar, sicher aber waren Konventionen mit im Spiel. Eine der besten Definitionen von traditioneller Coolness meint eine Haltung, die sich oberflächlichen, «falschen» Reizen und Emotionen verschliesst, um die «echten» Gefühle zu schützen: lieber nichts preisgeben als etwas, das auf irgendeine Weise kompromittiert, nicht ganz und gar wahrhaftig sein könnte. Schwierig im Leben, sieht aber unter Umständen edel aus. (Lesen Sie auch: «Frauen stehen auf distanzierte Männer»)

Cool war zumindest lange eher mit Männern assoziiert, möglicherweise so lange, wie Selbstbewusstsein, das es dazu braucht, vor allem bei ihnen als attraktiv galt. Weibliches Selbstbewusstsein? Um in James Deans Zeiten zu bleiben: Galt Marilyn Monroe je als cool?

Uncoole Eltern

Da war doch eher viel Hitze um sie. Coolness ist heute besser verteilt. Wie sehr die Zeit ihren eigenen Begriff davon immer neu prägt, spiegelt sich auch in der allen Eltern fest zugeschriebenen Rolle, eines Tages in den Augen der Kinder peinlich – also uncool – zu werden. Das kommt in den besten Familien vor, besonders heute, liest man, da Eltern sich besonders um Coolness via Musikgeschmack, Jeansmarke und Lieblingsfilmen kümmern.

In diese nicht definierte Diskussion über «cool» kommt jetzt wissenschaftliche Klarheit. Nach einem Streit darüber, ob Steve Buscemi als cool gelte oder nicht, hat es sich der Sozialpsychologe Ilan Dar-Nimrod zum Ziel gesetzt, mit «uncoolen» (so sagt ers), also wissenschaftlichen Methoden Coolness zu erforschen. Nimrod kannte erst einmal seine eigenen jugendlichen Coolness-Behauptungen, als da Sonnenbrille, Tattoos und andere Anzeichen waren. Quantitative Erhebungen darüber, was cool eigentlich meint, fand der Wissenschafter aber bisher keine. Aus der Literatur ergab sich nur, dass Jugend und rebellische Pose damit zu tun haben, und eine Umfrage brachte nur Widersprüche ans Licht.

Wissenschaftlich erfasst

In seiner Untersuchung, so fasst er sie erst für «Psychology Today», dann auf «Huffington Post» zusammen, hat er junge Erwachsene befragt, was oder wer cool ist. Die vielen disparat scheinenden Aussagen darüber bündelte er zunächst in Kategorien wie Selbstbewusstsein, Attraktivität (gut aussehen), soziale Werte, Freundlichkeit, Ehrgeiz, Intelligenz, Nicht-Konventionalität und Trendy-Sein.

Nach einem weiteren Schritt ergaben sich zwei Facetten von Coolness. Was erstaunen mag: Die Forscher fanden erst einen coolen Typus ganz und gar ohne rebellische Note. Dafür charakterisieren ihn die Merkmale Freundlichkeit und persönliche Kompetenz. Die sogenannte «Cachet-Coolness» sieht so aus: «Diese Coolness-Facette repräsentiert den Jungen (oder das Mädchen), den oder das man seinen Eltern vorstellen möchte.»

Geradezu zu ihrer Erleichterung fanden die Forscher als zweite Facette dann doch die «konträre Coolness». James Dean und seine Gegenhaltung leben doch irgendwie weiter. Diese Coolness schützt vor Verachtung, sei es auf der Ebene des Gefühls (Abstand wahren), des Intellekts (breit anerkannte Werte und Normen ablehnen) oder des Verhaltens (die toughe Schale schützt vor physischen Anfeindungen). Da schützt die Sonnenbrille in echt und macht den Unterschied zwischen mir und der Welt. (Lesen Sie auch: «Weshalb sich so viele Männer so toll finden»)

Nachtrag in Sachen Bond

Gute Nachrichten für alle, die etwas davon halten, auch mal Gegenkurs zu steuern. Und bleibt, unserem jüngsten Beitrag «Gefährliche Frauen» von dieser Woche nachzutragen: Einer, der seit Jahren, wenn auch zuzeiten ironisch verehrt, an der Spitze der Coolness steht, vereint nun sozusagen Elemente dieser beiden Typen in sich: James Bond, seit Anfang November in «Skyfall» zu sehen, zeigt sich heute verletzlicher als auch schon, aber immer noch unbesiegbar, ernster, aber immer noch ironisch, echter, aber immer noch als Held im Dienst ihrer Majestät.

Fünfzig Jahre nach seinem Kinodebüt ist er mit der Zeit gegangen, was in seinem Fall auch heissen muss: cool geblieben. «Er ist der angeschlagene Bond für eine angeschlagene Welt. Daniel Craig ist perfekt für den Bond des 21. Jahrhunderts, weil er das Publikum an seinem Innenleben teilhaben lässt.» Das sagt seine Produzentin Barbara Broccoli in einem Interview mit der «Zeit». Sie dürfte eine der wenigen Frauen sein, die ein «mütterliches» Verhältnis zu ihm unterhalten. Sie modelliert seine Seele, sinniert über seinen Weingeschmack, denkt sich die Girls. Sie hat wohl auch mit jenen ultracoolen Momenten zu tun, da er nach der Action irgendwie ungeduldig die Manschettenknöpfe wieder zurechtrückt. So betrachtet, sieht man geradezu einen neuen Bond. Cool, wie sich ihn eine Frau ausgedacht hat. (Lesen Sie auch: «Was Frauen an Männern lieben»)

Hat Ihnen der Beitrag gefallen? Dann lesen Sie auch: «Wenn Geiz nicht mehr geil ist» auf Clack.ch – Ihrem Online-Magazin. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 07.11.2012, 20:55 Uhr)

Stichworte

Diskutieren Sie mit!

Clack – Ihr Online-Magazin

Weitere Artikel zum Thema Mode finden Sie auf Clack – Ihrem Online-Magazin.

Neue Clack-Kolumne: Die Teilzeitprinzessin

Clack präsentiert eine neue Kolumne: Meret Steiger ist die Teilzeitprinzessin von Clack.ch. Unsere Teilzeitprinzessin richtet ihren scharfen Blick und ihren Sinn für Humor auf die kleinen Alltäglichkeiten, mit denen sie sich herumschlagen muss, und berichtet davon jede Woche auf Clack.ch. Lesen Sie jetzt die Kolumne «Sex & Musik».

Weiterbildung

Der richtige Flow

Man kann sich nicht konzentrieren und Lust hat man auch nicht. Was tun?

Die Welt in Bildern

Träne des Zorns: Eine pakistanische Studentin weint an einer Zeremonie für die Opfer des Attentats auf eine Schule in Peshawar (17. Dezember 2014).
(Bild: K.M. Chaudary) Mehr...