Sündhaft teuer: Wie Weinpreise entstehen

Von Jan Graber. Aktualisiert am 13.01.2010 1 Kommentar

Manche Tropfen kosten so viel wie ein Flug um die Welt, andere gibt es für ein paar müde Mücken. Wie viel Geld für welchen Wein ist gerechtfertigt?

Himmlische Lage mit gegen oben offenen Grenzen: Die Weine von La Romanée-Conti DRC gehören derzeit zu den teuersten Tropfen der Welt.

Himmlische Lage mit gegen oben offenen Grenzen: Die Weine von La Romanée-Conti DRC gehören derzeit zu den teuersten Tropfen der Welt.

Wenn schwerreiche Menschen wie der russische Milliardär Roman Abramowitsch im Restaurant rund 5000 Dollar für eine Flasche Château Pétrus auf den Tisch blättern, fragt sich der Normalverdiener natürlich, ob der Preis für 7,5 Deziliter des vergorenen Traubensafts überhaupt zu rechtfertigen ist. Oder ob der exorbitante Preis dem Oligarchen nicht einfach nur dazu dient, seine Gäste zu beeindrucken und der Genuss des Weins am Ende eine untergeordnete Rolle spielt? Denn wie viel Geld ist Wein überhaupt wert? Und wie kommen Beträge von mehreren Tausend Franken pro Flasche zustande?

Dass sich der Preis nicht allein durch Qualität und Trinkgenuss rechtfertigen lässt, versteht sich von selbst. Auch der teuerste Rotwein kostet in der Herstellung maximal zehn bis zwölf Franken, sagt Philipp Schwander, Master of Wine. Mitverdienen wollen zudem der Importeur und der Weinhändler. Handelt es sich um einen speziellen Jahrgang, oder stammt der Wein von einer besonderen Lage, steigt der Preis zusätzlich. Werden all diese Faktoren einberechnet, sollte selbst ein Spitzenwein rein rechnerisch nicht mehr als 50 Franken kosten, sagt Schwander. «Alles darüber ist Goodwill des Käufers».

Ein Hauch von Luxus

Doch gerade wegen den Käufern mit sehr viel Goodwill – Sammler, Protzer, Weinfreaks – gibt es Superweine, die mehrere hundert bis mehrere tausend Franken aus dem Portemonnaie zupfen. Der Topwein des derzeit am heissesten gehandelten Weinhauses, der Domaine de la Romanée-Conti, kann bis zu 14'000 Franken kosten (Jahrgang 2005). Selbst die günstigere Lage La Tâche desselben Weinhauses und Jahrgangs erleichtert das Sparguthaben um bis zu 4700 Franken. Obwohl sich Supertropfen wie Château Pétrus oder Le Pin auf dem absteigenden Ast befinden, kommen auch diese einstigen Lieblingskinder für den Spitzen-Jahrgang 2005 noch auf mindestens 4800 Franken (Pétrus) respektive 2700 Franken (Le Pin) zu stehen.

Luxusindustrie setzt Preise bewusst hoch an

Stefan Graf, General Manager von Badaracco, dem Mutterhaus des Schweizer Weinhändlers Gerstl, sieht verschiedene Gründe für die exorbitanten Preise: «Einige Châteaus befinden sich im Besitz der Luxusindustrie. Sie setzten die Preise für ihre Kundschaft bewusst sehr hoch an.» Wenn eines der begehrten Weingüter zudem den Besitzer für rund 300 Millionen Franken wechsle, will das Geld zurückverdient werden. Diese Überlegungen fliessen laut Badaracco zusammen mit den Produktionskosten in den Preis ein.

Wein als Spekulationsobjekt

Als zusätzlicher Treibstoff für die astronomischen Preise sorge zudem Robert Parker. Wenn der amerikanische Weinguru kurz hustet und einem Tropfen aus dem Bordeaux zwischen 95 und 100 Punkten gibt, hebt die Preisrakete ab: Das Genussmittel verwandelt sich in ein Spekulationsobjekt, Finanzinvestoren stürzen sich auf die plötzlich begehrten Flaschen. Sie kaufen die sowieso schon raren Stückzahlen auf – mit der Folge, dass die Tropfen zusätzlich in Preis steigen. Ein Spitzenweingut kann die Produktion zudem nicht einfach hochfahren – zumindest nicht, ohne die Qualität zu gefährden.

Die Zahlen im Hochsegment entwickeln sich folglich parallel zum Finanzmarkt: Geht es diesem gut, befinden sich die teuren Weine im Höhenflug, bei Krisen tauchen sie. Allerdings nie auf das Niveau, dass sie sich auch Normalverdiener leisten könnten.

Vernünftige Preise

Sowohl Schwander wie auch Graf bestätigen, dass kein Wein so viel besser sein könne, wie sie teurer sind. Graf: «Bei einer Blinddegustation wurden selbst die teuersten Weine zwischen 40 und 60 Franken vermutet.» Um Weine, von denen es extrem wenig Flaschen gibt, entsteht jedoch ein Hype: der Start einer Preisspirale, die von selber dreht. «Man kann es mit dem Sammeln von Briefmarken vergleichen – je seltener das Stück, desto höher der Preis», sagt Schwander. Mit lukullischen Genüssen hat dies nichts mehr zu tun – eher schon mit dem Genuss an Verschwendung. Schwander bezeichnet den Zirkus um die sündhaft teuren Tropfen denn auch kurzum als «Snob-Effekt».

Auch hochwertige Tropfen für 25 Franken

Und nicht jeder herausragende Tropfen muss so viel kosten. «Hochwertige Weine gibt es ab 25 Franken», weiss Schwander, «ein Spitzenwein ist ab 40 Franken erhältlich». Aber auch für 12 bis 13 Franken können laut Schwander ansprechende, einfache Weine gefunden werden. Noch attraktiver wird der Preis, wenn Grosshändler grosse Kontingente eines Weins einkaufen können: Weil für den Weinproduzenten Arbeiten wie Exportpapiere, Kundenbetreuung und Verschiffung nur einmal anfallen, können diese den Wein günstiger geben. Bietet der Grosshändler einen Tropfen zudem auch noch zum Promotionspreis an, um ihn unters Volk zu bringen, lässt sich ein anständiger Saft durchaus auch für unter zehn Franken finden. «Selbst ein Wein für zwei Franken kann im Extremfall knapp trinkbar sein», verdeutlicht Schwander. «Ein Genuss wird dies aber definitiv nicht sein.» (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 13.01.2010, 13:17 Uhr

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1 Kommentar

peter spelt

01.02.2010, 07:42 Uhr
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