Leben

Eine halbe Stunde als Fischfutter

Von Simone Meier. Aktualisiert am 08.04.2011 7 Kommentare

Die asiatische Fischpediküre ist auch in Europa angekommen. Und in der welschen Schweiz.

Nein, es tut nicht weh: Saugbarben verrichten ihr wohltuendes Werk.

Nein, es tut nicht weh: Saugbarben verrichten ihr wohltuendes Werk.
Bild: Keystone

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Ein junges Mädchen sitzt wie versteinert auf einer Bank, die Füsse lässt sie in ein Aquarium hängen, etwa zehn Zentimeter lange, bräunliche Fische machen sich mit grossem Eifer daran zu schaffen. Ich sehe sie durch das Fenster des Zen Health Spa an der Londoner Notting Hill Gate, gleich bei der U-Bahn-Station Notting Hill, und ich habe schon von der «Fischmassage» oder «Fischpediküre» gehört, sie wurde mir von Asienreisenden als «lustig» beschrieben, das will ich jetzt wissen.

Zuerst gibt es viele Fragen zu beantworten und Formulare auszufüllen, nur gesunde Füsse dürfen zu den Fischen. Dann gibt es noch eine Kontrolle durch eine Kosmetikerin und ein gründliches Fussbad, schliesslich wird geprüft, in welchem der zehn Aquarien gerade Lust auf eine Kundin beziehungsweise Hunger auf totes Fleisch herrscht. Die Kosmetikerin hält ihre Hand ins Wasser, in einem der Becken stürzen sich augenblicklich etwa hundert Fischchen darauf, da darf ich nun hineinsteigen.Der erste Moment ist tatsächlich ein lustiger Schock. Nein, es tut nicht weh, und nein, die Fische haben nicht heimlich kleine Piranha-Zähne, im Gegenteil, sie sind zahnlos, sie schaben sich ihr Futter mit Lippen, die rau sind wie Schleifpapier, von Füssen und Beinen. Sie knabbern und kratzen an toter Haut, es ist ein eigenartiges Gefühl, wie wenn halb erfrorene Hände und Füsse im Winter an der Wärme wieder zu prickeln beginnen, bloss ohne den Schmerz. Angenehm und absolut super für die Durchblutung.

Nutzen umstritten

Der kosmetische Effekt nach einer halben Stunde als Fischsnack in dem mehrfach gefilterten und sterilisierten Wasser ist allerdings noch so gut wie inexistent. Was vorher schon fein war, ist jetzt noch feiner, der Rest gleich wie vorher. «Als meine Kinder das letzte Woche ausprobierten, hatten sie danach ganz weiche Füsse!», kräht eine magere, reiche Lady vom Pedikürestuhl herüber. Ähm, ja, das haben Kinder eigentlich immer, oder nicht? Aber, so sagt das Merkblatt des Spas, von nur einem Mal dürfe man auch nichts erwarten, schliesslich liessen sich die Fische ja auch nicht trainieren, sondern machten, was sie wollten. Lustig ist es allemal, besonders, weil das Fräulein neben mir auch beim dritten Versuch, ihre Füsse in die Fische zu tunken, noch immer laut kreischend zurückfährt.

Entdeckt wurde der lustige Fisch, der Garra rufa (rötliche Saugbarbe), auch Doktorfisch genannt, in warmen Flussbecken in der Türkei, Syrien, Jordanien und dem Irak. Die ersten Fischtherapien wurden vor über hundert Jahren im türkischen Kangal durchgeführt, seit gut zehn Jahren sind sie in ganz Asien populär, sei es Open Air oder in den riesigen Spa-Anlagen der Metropolen. Seit einigen Jahren werden sie auch in Europa immer beliebter. Normalerweise ist der Garra rufa ein «Bodesuri» von Fisch, einer, der sich in der Nähe des Grundes von Algen und Plankton ernährt, doch wenn die natürliche Nahrungszufuhr zu wenig ist, dann frisst er halt die toten Hautschüppchen badender Menschen und Tiere. Der medizinische Nutzen der Fische ist umstritten: Sie verschaffen Menschen mit Schuppenflechte (Psoriasis) wohl vorübergehend Linderung, aber keine nachhaltige Heilung. Gefährlich ist das nicht, die über hundertjährige Erfahrung mit den Doktorfischen hat bewiesen, dass sie keine Krankheitserreger von einem Menschen auf den andern übertragen. Das Dorfbad (heute Spa House) von Bad Ragaz führte 2002 eine Studie zur Psoriasisbehandlung mit über 100 Patienten durch, nahm die Behandlungsmethode anschliessend jedoch nicht in sein Programm auf.

Robuste Dreckfresser

Es bleibt in unseren Breitengraden also erst einmal bei den oberflächlicheren Verdiensten der kleinen Wesen, beim kosmetischen Effekt. Der ist jedoch so sehr gefragt, dass er in Notting Hill nicht nur im edlen und hygienisch einwandfreien Zen Health Spa angeboten wird. Auch ums Eck am Queensway, finde ich, oh Schreck, im Foyer der erst gerade renovierten und trotzdem schon wieder leicht vergammelten Whiteleys-Mall Fishtanks neben der Eingangstür.

Für ein Pfund pro Minute können die Shoppingpassanten den Fischen ihre (ungewaschenen, ach je, man darf gar nicht allzu lange darüber nachdenken . . .) Füsse zum Frass darbieten. Junge Menschen sitzen da, oben knabbern sie an ihren Sandwiches und ihren Cupcakes, unten knabbern die Fische an ihnen. Die armen, armen Tiere. Da kann das Zen Health Spa auf seinem Merkzettel noch so anschaulich schreiben, dass die Fische äusserst «robust» seien und noch ganz andere Arten von Dreck lieben würden, als wir uns das vorstellen können. Glauben kann ich das nicht so richtig.

Linda Fähs Füsse

Und die Schweiz? In Genf gibt es seit September 2010 das Natural Fish Spa, im waadtländischen Cugy seit Anfang 2011 das Zen Fish Spa. In beiden scheint die Fischfütterung auch für die menschliche Vorstellung recht appetitlich vor sich zu gehen, und sie werden von den betreffenden kantonalen Veterinärämtern streng kontrolliert. In Zürich ist uns niemand mit diesem Angebot bekannt. In Bern beendete das kantonale Veterinäramt den Versuch eines Kosmetikstudios, wo schon die Ex-Miss-Schweiz Linda Fäh ihre Füsse in Fischen gebadet hatte, frühzeitig. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.04.2011, 19:32 Uhr

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7 Kommentare

Alain Burky

08.04.2011, 09:32 Uhr
Melden 17 Empfehlung 0

Aus: "Klassefrauen" von Erich Kaestner (Berlin 30-er)
"Sind sie nicht pfuiteuflisch anzuschauen?
Plötzlich färben sich die Klassefrauen,
weil es Mode ist, die Nägel rot!
Wenn es Mode wird, sie abzukauen,
oder mit dem Hammer blau zu hauen,
tuns sie's auch und freuen sich halbtot."
Antworten


Stefan Kreis

08.04.2011, 09:59 Uhr
Melden 7 Empfehlung 0

In zahlreichen schweizer Bergseen gibts diese Dienstleistung seit längerem gratis und 100% natürlcih: Kleine Fische nagen sofort nach Eintauschen der Beine ins Wasser an den Füssen. Auf langen Wanderungen ein wahrer Genuss! Antworten



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