Schwitzen in Helsinki

Die Finnen haben die Sauna erfunden. Aber in Helsinki gibt es kaum noch öffentliche Saunen. Nun haben Kenner historische Saunen gerettet – und spektakuläre neue Gebäude entstehen.

Vor der 1928 gebauten Kortihajun Sauna in Helsinki sitzt ein Gast dampfend und Bier trinkend auf einer Mauer. Foto: Achim Muthaupt (laif)

Vor der 1928 gebauten Kortihajun Sauna in Helsinki sitzt ein Gast dampfend und Bier trinkend auf einer Mauer. Foto: Achim Muthaupt (laif)

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Anfangs kam er ein-, zweimal in der Woche. Er sass da, schwitzte und genoss, was er gefunden hatte: eine der letzten öffentlichen Saunen in Helsinki. Es sei Liebe auf den ersten Blick gewesen, sagt Kimmo Helistö. Er findet es romantisch, dass hier vieles so belassen wurde, wie es immer gewesen ist.

Die Sauna Arla gibt es seit 1929. Sie liegt etwas versteckt in einem Hinterhof, eine weisse Holztür in einem Winkel, davor steht eine kleine Bank zum Abkühlen. Durch die Tür tritt man in einen typischen Altbauflur, eng mit gewundener Treppe. Unter der Treppe hat Kimmo Helistö seine Kammer mit Durchreiche, daneben die Getränkekästen, die kleine Kühltruhe, Körbe mit Leih-Handtüchern. Auf dem Tresen steht ein Körbchen mit Tomaten, es läuft finnisches Radio. Ein paar Jahre lang war Kimmo Helistö ständiger Gast hier. Dann fragte ihn der alte Mann, der die Sauna damals betrieb, wann er endlich übernehmen wolle. Seit 2006 gehört sie ihm. Er sagt, er möchte, dass Helsinki zur «Hauptstadt der Sauna» wird. Der Weg dahin ist weiter, als man denkt.

Öffentliche Saunen sind beinahe völlig aus Helsinki verschwunden. Übrig geblieben ist ausser der Sauna Arla die Kotiharjun Sauna von 1928, wo die Gäste sich draussen auf dem Gehweg zum Abkühlen auf ein Mäuerchen setzen. Und es gibt die Sauna Hermanni aus den Fünfzigern, anders als die klassischen Holzfeuersaunen ist sie elektrisch beheizt. Früher, sagt Kimmo Helistö und nippt an seinem Kaffee, habe es sicher mehr als hundert öffentliche Saunen in Helsinki gegeben. «Damals sind die Leute in die Sauna gegangen, um sich zu waschen, nicht zum Vergnügen.» Später hatte jedes Apartment nicht nur Bad und Dusche, sondern seit den Achtzigerjahren oft auch eine eigene kleine Sauna. Die öffentlichen Saunen wurden überflüssig.

Nun erleben sie in Helsinki eine Wiederkehr, in den vergangenen drei Jahren haben drei neue Saunen eröffnet. Der Trend hat mehrere Gründe. Zum einen verschwinden die Minisaunen zunehmend aus den Apartments. «Wer eine Wohnung kauft, möchte jeden Quadratmeter nutzen», sagt Anni Sinnemäki, stellvertretende Bürgermeisterin. Wegen der gestiegenen Wohnungspreise verzichteten viele auf die eigene Sauna. Heute habe nur noch etwa die Hälfte der verkauften Wohnungen eine eigene Sauna, sagt Sinnemäki. «Vor zehn Jahren waren es noch hundert Prozent.»

Die grüne Politikerin findet den Trend zurück zum gemeinsamen Saunieren gut. Denn die Finnen neigten dazu, ihre privaten, meist elektrischen Saunen alle gleichzeitig anzuheizen, Samstagnachmittag zwischen fünf und sechs Uhr. Ökologischer sei da in jedem Fall eine grosse Sauna, in die viele Leute passen. Auch hofft sie, dass die öffentlichen Saunen Ausdruck eines neuen Lebensgefühls in Helsinki sind: nicht mehr so viel in der Wohnung hocken, mehr rausgehen.

Darauf setzt auch Jasper Pääkkönen, Betreiber der schicken neuen Sauna Löyly im Stadtteil Hernesaari. Löyly liegt direkt an der Ostsee, wie ein modernes Iglu aus Holz auf einem steinigen Küstenstreifen. Durch die Hülle aus hölzernen Lamellen kann man nach draussen aufs Wasser schauen. Das geht umso besser, weil die Innenräume nur spärlich beleuchtet sind.

Rauch, Harz, Feuer und Russ

Besonders dunkel ist es in der Rauchsauna, einer Seltenheit selbst in Finnland. Der Rauch aus dem Holzfeuer wird dazu genutzt, die Sauna aufzuheizen. Erst kurz vor dem Saunagang lässt man den Rauch entweichen. So wird sie zu einer Höhle aus trockener Hitze, es riecht nach Rauch, Harz und Feuer. Den Geruch und ein paar Russspuren nehmen die Schwitzenden mit hinaus. Zusätzlich gibt es eine finnische Aufgusssauna mit Panoramafenster zum Meer.

Löyly ist das finnische Wort für den Dampfstoss, der entsteht, wenn man Wasser über die heissen Steine kippt. Das machen die Finnen meist selber, einen Saunameister brauchen sie nicht. Auch sonst geht es locker zu: Es ist ein ständiges Kommen und Gehen. Und zwischen den Saunagängen trinken die Finnen gerne mal ein Bier oder auch zwei. In der Sauna Löyly sitzt man dabei in einer Lounge um ein verglastes Kaminfeuer. In dieser Sauna mischen sich Männer und Frauen, eine Besonderheit, denn in den meisten finnischen Saunen herrscht Geschlechtertrennung. Ausserdem gilt in der Regel ein Badehosenverbot, in der Sauna Löyly dagegen ist Badekleidung Pflicht. Weil sie gleich am Wasser liegt, springen die Gäste nach dem Schwitzen in die kalte Ostsee.

«Eine öffentliche Sauna zu betreiben, ist nicht unbedingt das beste Geschäft», sagt Jasper Pääkkönen. Er ist hauptberuflich Schauspieler, die Sauna hat er gemeinsam mit dem grünen Parlamentarier Antero Vartia eröffnet. Ohne das Restaurant, das zur Sauna gehört, würde es sich für die beiden kaum lohnen, so Pääkkönen. Die Initiative ging ursprünglich von der Stadt aus, die sich eine Sauna in dem ehemaligen Industrieviertel gewünscht hatte. Ein Grund war, dass dort Kreuzfahrtschiffe anlegen und man den Besuchern etwas bieten wollte. «Alle Touristen wissen, dass Sauna ein finnisches Wort ist und eine finnische Tradition», sagt Jasper Pääkkönen. «Aber sie hatten bisher keine Chance, hier in Helsinki eine echte traditionelle finnische Sauna zu besuchen.» Er meint damit die Hitze aus dem Holzfeuer und den Sprung ins offene Wasser. Die Hälfte seiner Gäste seien Finnen, die andere Hälfte Touristen.

Die Hinterhofsauna von Kimmo Helistö ist das Gegenstück zur durchdesignten Holzsauna am Meer. Die Umkleideräume erinnern an Schulsport, dahinter kommt der fensterlose Raum, in dem man sich wäscht. Er ist weiss gekachelt, das Wasser kann man sich mit silberfarbenen Schüsseln über den Kopf giessen. Die Sauna selbst mit ihren grossen, rostigen Öfen und den Steinbänken ist charmant spartanisch.

Für Kimmo Helistö ist so eine Sauna trotzdem Luxus. Sie ist ein Ort, an dem die Finnen abschalten können. Die Hitze entspannt, sie leert den Kopf, nackt und schwitzend kann man nicht anders, als sich darauf einzulassen. Wer es eilig hat, sagt Helistö, der brauche für den Saunagang etwa eine Stunde, meistens dauert es länger. Viele Gäste gehen fünf-, sechsmal hinein, bevor sie genug haben. 200 bis 300 kommen pro Woche. Das reicht ihm, um über die Runden zu kommen. Die Frauen haben meist ihre eigene Sauna, bei ihm sogar ein eigenes Stockwerk.

Mit dem Saunazelt um die Welt

«Wichtig für mich war immer, den Leuten beizubringen, in der Sauna nicht zu viel zu trinken», sagt Kimmo Helistö. Er mag es nicht, wenn die Kunden den Alkohol gleich in Plastiktüten mitbringen. Sie sollen erst mal die Sauna geniessen. «Danach können sie ihr Bier haben.»

Lange bevor er mit der Sauna Arla sesshaft wurde, ist der heute 55-Jährige mit einem mobilen Saunazelt durch die Welt gezogen, war damit in New York, in Eckernförde und in der Kopenhagener Freistadt Christiania, einer alternativen Wohnsiedlung. Auf seinen Reisen habe er die Bedeutung von Sauna verstanden, die für ihn selbst so alltäglich war. «Die Sauna ist das Beste, was Finnland anderen Menschen geben kann.»

Früher, erzählt er, sei es so gewesen: Wer in den finnischen Wäldern ein Haus bauen wollte, der baute zuerst die Sauna. Denn im Saunahaus hatten die Finnen alles, was sie brauchten, bis das Wohnhaus fertig war. Sie konnten sich dort wärmen, waschen, sogar kochen. «Dort konnten sie ihre Kinder bekommen, und wenn jemand gestorben war, wusch man ihn in der Sauna», sagt Kimmo Helistö. «Die Sauna war in unserem Leben vom Anfang bis zum Ende.»

Als mehr Menschen in die Städte zogen, was in Finnland etwas später geschah als weiter südlich in Europa, nahmen sie die Sauna dorthin mit. Vielleicht ist dieses vertraute, heimelige Gefühl ein Grund dafür, dass sich die verschlossenen Finnen ausgerechnet in der Sauna öffnen. «In der Stras­sen­bahn spricht niemand sein Gegenüber an», so Helistö. «Aber in der Sauna wird auch mit Fremden diskutiert.» Für ihn ist das ein besonders demokratischer Ort, weil man ja nicht weiss, ob der nackte Sitznachbar Anwalt ist oder Busfahrer.

Mika Ahonen geht seit 20 Jahren in öffentliche Saunen. Vor 20 Jahren allerdings, sagt der heute 42-Jährige, sass er dort oft alleine mit ein paar alten Männern. Seit vier Jahren gehört ihm die Sauna Hermanni, die ebenfalls älter ist als er, eröffnet 1953. Die alten Saunen hätten eine gute Lüftung, eine gute Heizung. «Bei den neuen ist es wichtig, dass sie einen Pool haben», sagt Mika Ahonen missbilligend. Ein Pool kommt für ihn nicht infrage, auch wenn einige jüngere Kunden das gerne hätten. Mika Ahonen bleibt Purist. Zur Sauna gehören für ihn Schwitzen, Essen, Trinken, manchmal Brettspiele am grossen Tisch in der Umkleide. Sonst nichts.

Disco, Theater und Grillabende

Die Sauna Hermanni hat er im Stil der Fünfzigerjahre hergerichtet, mit Postern und Vintagemöbeln. Die Lampen stammen von seinem Grossvater. Um mehr Menschen für die Saunakultur zu begeistern, veranstaltet er manchmal eine Disco in der Sauna oder lässt dort Theaterstücke aufführen. Im Sommer gibt es Grillabende.

Kimmo Helistö will bis 2018 eine zweite, ganz neue Sauna bauen. «Uusi Sauna» soll sie heissen, «Neue Sauna», und nahe an dem Hafen liegen, wo die Schiffe nach Tallinn ablegen. Er hofft, dass viele weitere in der finnischen Hauptstadt eröffnen, Konkurrenz fürchtet er nicht. Für Saunen sei in Helsinki noch reichlich Platz.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.02.2017, 19:07 Uhr

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