Schöne Öfen fürs Feuer unterm Dach

Von Üsé Meyer. Aktualisiert am 16.11.2009

Kachelöfen in allen möglichen Formen erleben ein Revival – sogar als Teil der Zentralheizung.

Im Unterschied zu früher befindet sich die Feuerung heute im Wohnzimmer – mit dem Effekt, dass man auch beim Kachelofen einen schönen Blick in die Flammen hat.

PD

Ein Winter in den 50er-Jahren: Das grosse Röhrenradio in der Stube ist auf Mittelwelle eingestellt – Radio Beromünster sendet ein Hörspiel. Die Familie lauscht still den Stimmen von Schaggi Streuli, Ruedi Walter und Margrit Rainer. Die Eltern sitzen auf der Holzbank direkt vor dem wärmenden Kachelofen, die Kinder oben auf der «Chouscht». Auch die schnurrende Katze hat sich dort gemütlich eingerichtet, und im Ofenfach liegen die «Chriesisteisäckli», die die Kinder unter die Bettdecke mitnehmen, wenn sie sich nach dem Hörspiel in ihre ungeheizten Schlafzimmer begeben.

Zu Grossmutters Zeiten war der Kachelofen oft einzige Wärmequelle und Mittelpunkt des Hauses. Seine Befeuerung befand sich meist in der Küche und diente auch als Koch- und Backstelle. Was für die meisten nur noch Erinnerung aus Kindheitstagen ist, findet, fast unbemerkt, seit geraumer Zeit wieder Einzug in die guten Stuben: Der Kachelofen und seine Verwandten.

Mit den Verwandten sind individuell gebaute, schwere Speicheröfen gemeint, die nach dem gleichen Prinzip funktionieren, aber nicht verkachelt, sondern mit Kalk oder Lehm verputzt oder aus Natursteinplatten gefertigt sind. Die Verkaufszahlen dieser Öfen haben in den letzten drei Jahren, je nach Typ, um rund 10 bis 25 Prozent zugenommen.

Ein Ofen für die ganze Wohnung

«Wir spüren die Tendenz zu individuell gestalteten Speicheröfen», sagt Marco von Wyl vom Verband schweizerischer Hafner- und Plattengeschäfte. «Und die Nachfrage wird deutlich zunehmen», ist sich von Wyl sicher. Aufgrund der stetig steigenden Ölpreise werde für viele das Heizen mit Holz wieder ernsthaft zum Thema. Tatsächlich ist es heute möglich, einen Kachelofen als Zentralheizung zu installieren. Dabei wird im Ofen Wasser erhitzt, das dann in einem Kreislauf den Radiatoren oder der Bodenheizung zugeführt wird.

Ein anderes mögliches Heizsystem sind sogenannte Ofensatelliten: Hier stehen in ausgewählten Räumen kleine Öfen, die vom Hauptofen aus erwärmt werden. So können in einem sehr gut isolierten Haus bis zu 300 Quadratmeter Wohnfläche beheizt werden, in schlecht wärmegedämmten Gebäuden jedoch nur rund 150 Quadratmeter. Der einzige Unterschied zu herkömmlichen Heizungen: Hier wird manuell eingefeuert und Holz nachgelegt. Der Aufwand hält sich aber in Grenzen: Immerhin gibt ein massiver Speicherofen während rund 12 Stunden Wärme ab.

Ökologisch mit Holz heizen

Egal ob als Voll- oder nur als Zusatzheizung: Mittels Speicherofen lässt es sich dank dem CO2-neutralen Brennstoff Holz ökologisch heizen. Das sei einer der Hauptgründe, warum sich seine Klienten einen Speicherofen anschaffen würden, sagt Ofenbauer Thomas Gürber aus Küttigen im Kanton Aargau. Auch er spürt die zunehmende Nachfrage nach Kachelofen und Co.: In den letzten fünf Jahren baute er jährlich rund 20 bis 30 solcher Öfen.

Am gefragtesten sind gemäss Gürber derzeit verputzte Öfen und solche aus Naturstein. Die Hälfte davon mit der legendären «Chouscht». Im Gegensatz zu früher befindet sich die Feuerung heute aber meist in der Stube, und die althergebrachte Stahltüre wird durch eine solche aus Glas ersetzt – mit dem Effekt, dass man, wie etwa bei den Schwedenöfen, auch bei einem Kachelofen einen schönen Blick auf die lodernden Flammen hat.

Tradition und neue Formen

Auch die Optik der Öfen hat sich verändert. «Die meisten dieser Öfen kommen heute recht modern daher», sagt Hafner Gürber. Die Palette ist gross: Sie reicht von Öfen in Form eines grossen Natursteinquaders, die mitten im Raum stehen, über verputzte Lehmöfen ohne Kanten und Ecken, dafür mit vielen sanften Rundungen, bis zu Wandelementen mit grossflächigen Kacheln in trendigen Farben.

Den meisten massiven Speicheröfen gemein ist, dass sie nach den Wünschen der Kundschaft vom Ofenbauer individuell erstellte Unikate sind. Das hat natürlich seinen Preis. Dieser hängt hauptsächlich vom Volumen beziehungsweise der Wärmeleistung des Ofens und seiner Oberfläche ab. Am günstigsten sind mit Kalk oder Lehm verputzte Öfen, gefolgt von Natursteinmodellen. «Der Rolls-Royce und damit auch der teuerste ist nach wie vor der Kachelofen», sagt Thomas Gürber. Die günstigsten verputzten Modelle sind zwar ab rund 8000 Franken zu haben, doch im Normalfall muss man mit 15'000 bis 30'000 Franken rechnen. Diese Preise verstehen sich ohne Kaminbau. Muss ein solcher nachträglich eingebaut werden, ist nochmals mit 800 bis 1000 Franken pro Laufmeter zu rechnen.

Kostspieliger Traum

Seine Kundschaft bestehe aber längst nicht nur aus Hausbesitzern mit dickem Portemonnaie, sagt Gürber. «Ich kenne einige, die halt zehn Jahre und mehr gespart haben.» Warum man sich den Traum eines Kachelofens etwas kosten lässt, hat gemäss Gürber oft nostalgische Gründe: «Viele erinnern sich gerne an die wohltuende Strahlungswärme auf Grossmutters Chouscht.» Womit wir wieder beim Grossmutter-Klischee angelangt wären und den wohl damit verbundenen Gefühlen: Der Kachelofen als Familientreffpunkt, wo sich früher Grosseltern, Eltern, Kinder und Haustiere wohl und geborgen fühlten. Wer weiss: Vielleicht funktioniert das heute tatsächlich immer noch.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.11.2009, 04:00 Uhr

Leben

Populär auf Facebook Privatsphäre

Telefonbuch

Marktplatz