Wie Ikea-Möbel Design demokratisierten

Dass Ikea mit seinen Produkten auf der ganzen Welt Erfolg hat, ist nicht nur den Designern zu verdanken, sondern auch den Verkäufern und den Technikern.

Erfolgsmodell: Der Ikea-Laden in Canton, Michigan. Er war bei der Eröffnung 2006 die 28. Filiale in den USA.

Erfolgsmodell: Der Ikea-Laden in Canton, Michigan. Er war bei der Eröffnung 2006 die 28. Filiale in den USA. Bild: Keystone

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Das Designmuseum Die Neue Sammlung in der Münchner Pinakothek der Moderne zeigt zurzeit Ikea – für ein typisches Produkt der Massenfertigung eine erstaunliche Ehre. «Democratic Design – Möbel für die Menschheit» heisst die Ausstellung, welche die Experten entzückt, die gern den Zeitgeist am Mobiliar festmachen und den Ikea-Stil zur Kunstrichtung erklären.

Beim genaueren Hinsehen lässt sich erkennen, dass der Erfolg der Marke nur zum Teil mit Designkunst zu erklären ist. Lars Dafnäs, Ikea-Chefdesigner, erklärte bei der Ausstellungseröffnung unumwunden: «Wir müssen die Bedürfnisse der Kunden und die Möglichkeiten der Produktion verbinden.» Die Designer haben die Aufgabe, von allem Anfang an an die Fabrik zu denken. Das eingesetzte Material muss optimal ausgenützt werden, und das Produkt muss in stapelbare Boxen verpackt werden können. Aufwendige Produktionsprozesse und teure Materialien sind ausgeschlossen.

Clevere Verfahren werden übernommen

Gerne werden Herstellungsverfahren übernommen, die sich bewährt haben, wenn auch auf einem anderen Gebiet. So wird etwa eine Leuchte mit der gleichen Technik hergestellt wie ein Putzeimer, die Metallgitterstruktur eines Sessels kommt von einem Hersteller von Einkaufswagen. Ein niedriger Metallschrank ist direkt abgeleitet von den grauen Garderobeschränken, die zu Tausenden für Werkstätten, Labors und Sportanlagen produziert werden: Der Schrank wird statt vertikal einfach horizontal orientiert, mit Füssen versehen und knallrot gespritzt.

«Bessere Möbel billiger» hiess von Anfang an das Motto von Firmengründer Ingvar Kamprad, dessen Initialen noch im Markennamen stecken. Der junge Schwede, der 1950 ein Versandhaus gründete, bot unter anderem die einfachen Holzmöbel an, die damals in Skandinavien üblich waren. Die Schlagworte «Schönheit für alle» und «Schönheit im Heim», sagt Florian Hufnagl, Direktor der Neuen Sammlung, prägten in Schweden seit Anfang des 20. Jahrhunderts den Wohnstil. Die Ideen der Frauenrechtlerin und Reformpädagogin Ellen Key ebneten Schwedens Weg zu einer modernen, egalitären, sozial- und familienorientierten Gesellschaft.

Nicht nur in Schweden beliebtes Konzept

Das Ideal, gutes Wohnen für alle erschwinglich zu machen, gab es nicht nur in Schweden. Auch in England oder in Deutschland, wo 1907 der Werkbund gegründet wurde. Doch Hufnagl sagt: «In Wirklichkeit – und das Beispiel Bauhaus zeigt das – ist es aber ziemlich selten gelungen, qualitätvolle Entwürfe in die Massenproduktion umzusetzen.»

Dem geschäftstüchtigen Kamprad ist das Kunststück gelungen, Designqualität zu demokratisieren. Unter anderem, weil er streng darauf achtete, die billigsten Fabrikations- und Distributionsmethoden zu nutzen. Er liess beispielsweise schon früh im damaligen Ostblock produzieren.

Erfolg hatte auch seine Idee, die Möbel verpackt zu verkaufen, die Kunden sollten sie selber transportieren und montieren. Wie man in der Neuen Sammlung sehen kann, wurden schon vorher Möbel rationell und preisgünstig in Einzelteilen transportiert. Die Firma Thonet lieferte ihre berühmten Bistrostühle demontiert in Standardkisten zu 36 Stück aus, allerdings nicht an die Endkunden, sondern an ihre Vertretungen. Damit auch das Publikum Möbel selber zusammenbauen kann, führte Kamprad ein System von Verbindungsstücken aus Metall ein, das die Holzteile zusammenhält – jedem Schreiner, der gelernt hat, Holz kunstgerecht zu verzahnen und zu verleimen, jagten die Montageanleitungen, Schrauben, Winkeleisen und Nägel einen kalten Schauer über den Rücken.

Doch den Kunden gefiel das System. Nachdem er mit seinen ungezwungenen Warenhäusern in Skandinavien Erfolg hatte, beschloss Kamprad, die Idee «im schwierigsten Mark überhaupt» auszuprobieren. Das war die Schweiz. 1974 eröffnete Ikea hier die erste Niederlassung ausserhalb Skandinaviens. Der Zeitpunkt war goldrichtig. Für Florian Hufnagl ist es nicht erstaunlich, dass die Schweizer und gleich darauf auch die Deutschen in Scharen zu Ikea gingen: Die Jahre nach 1968 waren die Zeit, als eine ganze Generation dem Elternhaus den Rücken kehrte, die WG als Wohnform und Lebensstil aufblühte und Autonomie wichtiger wurde als gediegener Komfort.

Nur Betten sind nicht global

Die – auch aus produktionstechnischen Gründen – schnörkellosen Formen führten zu Möbeln, die fast überall hinpassen. Das hat dem Unternehmen den Weg in viele Märkte rund um den Globus geebnet. Nennenswerte Unterschiede gebe es nur bei den Betten, sagt Lars Dafnäs, geschlafen werde in den verschiedenen Kulturkreisen tatsächlich anders.

Allerdings wurden die Herstellungsverfahren immer wieder der neusten Technik angepasst, was sich beispielsweise darin äussert, wie die Regale der Billy-Serie beschichtet, beziehungsweise lackiert sind. Bestimmte Bauarten sind unter Kennern schon so bekannt wie seltene Briefmarken. Das schwarze Billy in der Münchner Ausstellung beispielsweise ist eine Leihgabe von Museumsdirektor Hufnagl höchst persönlich.

In der Ausstellung treffen einige Stars aus dem Ikea-Katalog auf ihre Vorbilder. Etwa ein Stuhl, dessen Rückenlehne kreisrunde Öffnungen hat. Haben sich da die Ikea-Designer schamlos an einer Idee bedient, um ein Geschäft zu machen? Experte Florian Hufnagl kennt den Vorwurf des Plagiats. Beim Design sei es normal und legitim, sich von Vorbildern inspirieren zu lassen. Hufnagl zeigt drum sechs Stühle mit gelochter Rückenlehne aus mehreren Epochen, von der Werkbund-Ausstellung 1930 über die Landi 1939 (Hufnagl: «als die Schweiz modern sein wollte») und die Wiener Stadthalle 1952 bis zum Modell Jules von Ikea 1999. Auch das Bücherregal Billy hat ein historisches Vorbild, den Bücherschrank T550, der 1908 von den Vereinigten Werkstätten, München, auf den Markt gebracht wurde.

Ikea, die als eine der ersten Firmen systematisch die Designerinnen und Designer in ihren Katalogen erwähnt hat, konnte gutes Design und günstigen Preis verbinden, hat aber auch aus dem Möbel ein Konsumgut gemacht, das mit den Lebensphasen ausgewechselt wird. Die Qualität, sagt Lars Dafnäs, werde dem Bedarf angepasst.

Democratic Design. Pinakothek der Moderne, München, Die Neue Sammlung. Bis 12. Juli 2009.

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 14.04.2009, 23:31 Uhr)

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