Meinung

Gelbe Karte für den bürgerlichen Wankelmut

Von René Gygax. Aktualisiert am 07.03.2011 16 Kommentare

«Ursula Wyss hat in der Kampfwahl um den freien Berner Ständeratssitz wie erwartet ein hervorragendes Ergebnis erzielt.»

René Gygax ist Chefredaktor des Thuner Tagblatts.

Sie hat sich mit ihrem chamäleonhaften Charme und ihrer situationsbezogenen Flexibilität bei Themen wie EU, Armee und SP-Parteiprogramm bis weit ins bürgerliche Lager hineingelächelt und beinahe die Mehrheit der wählenden Bernerinnen und Berner hinter sich geschart. Chapeau, Madame!

Wyss hat nicht zuletzt darumso viele Stimmen gemacht, weil die Politische Linke diszipliniert wählen ging und, vor allem, weil sie vor denWählerinnen und Wählern geeint auftrat. Dies ganz im Gegensatz zu den Bürgerlichen, die gestern eine gelbeKarte für ihren Wankelmut erhalten haben. Die angeblich bürgerlichen Parteien FDP und BDP haben sich imVorfeld der Wahl als Steigbügelhalter der SP-Kandidatur profiliert, indem sie demeinzigen bürgerlichen Kandidaten die Unterstützung verweigerten. Einem Kandidaten notabene, der für so bürgerliche Werte wie Gewerbe und Wirtschaft, Tourismus und Landwirtschaft, Familie und Eigenverantwortung und so etwas Altmodisches wie das Vaterland einsteht.

Sie stimmten lieber in den Chor jener ein, welche die politische Auseinandersetzung mit einem Streichelzoo verwechseln. Und darum bei Adrian Amstutz den Anstand unter der Gürtellinie lokalisierten, nur weil er einer Bundesrätin vor laufender Kamera auf berndeutsch sagte, dass sie wider besseres Wissen eine Unwahrheit verbreitet. Und sie plapperten lieber die Plattitüde von der Motorsäge nach, die Amstutz einmal verbal eingesetzt hatte, als er in einer TT-Kolumne dafür plädierte, das Schloss Hünegg von unnötigem Baumwerk zu befreien (was dann auch geschah, und heute freuen sich sogar Amstutz-Gegner über die freie Sicht aufs schöne Schloss am Thunersee...).

Die einst stolze FDP hat mit ihrer Stimmfreigabe vor der Wahl lediglich bestätigt, was sie seit Jahren kennzeichnet: Ihre Orientierungslosigkeit. Und die BDP hat sich als rückwärtsgewandte Partei entpuppt, die über einen nicht verarbeiteten Trennungsschmerz lamentiert, den sie selbst zu verantworten hat. Diese beiden Parteien haben sich mit ihrer Verweigerung gegenüber der bürgerlichen Kandidatur in die Gegend jener Parteien begeben, von denen man nicht so recht weiss, wo sie stehen, wie etwa die CVP. Man hat solche Parteien auch schon Wischi-Waschi-Parteien genannt. Doch diese rühmen sich selbst als die «politische Mitte», kaschieren damit aber nur, was das konkret bedeutet: Mal links, mal rechts, mal hüst, mal hott. Nach der Wahl ist vor der Wahl: Man kann gespannt sein, wie die Wählerinnen und Wähler diese Zick-Zack-Politik bei den Wahlen im Herbst goutieren. Gut möglich, dass dann sogar rote Karten verteilt werden.

re.gygax@bom.ch (Thuner Tagblatt)

Erstellt: 07.03.2011, 06:56 Uhr

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16 Kommentare

Roli Althaus

07.03.2011, 11:13 Uhr
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Herr René Gygax, danke für den Kommentar, dem ich voll zustimme. Im übrigen Frau Ursula Wyss, auch ich bin Arbeitnehmer. Die SP ist weder ein Arbeitnehmervertreter (wurden schon mehrmals ver…. ) noch hat Sie die Mehrheit. Das letztere so wegen der Breite der Bevölkerung die Sie angeblich haben. Die BDP sowie FDP hat dieser Geschichte, wieder einmal mehr, ganz einfach versagt. Antworten


Samuel Krähenbühl

07.03.2011, 14:49 Uhr
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Jimmy Gygax bringt es auf den Punkt: Die bürgerliche Zersplitterung ist eine Katastrophe! Und weil bei BDP und FDP kaum Besserung in Sicht ist, bleibt der SVP nur eines übrig: Weiter zu wachsen und möglichst aus eigener Kraft stark genug werden, um die Wahlen zu gewinnen. Bei diesen Ständeratswahlen ist das zum ersten Mal gelungen. Antworten