Meinung

TV-Kritik: Wie es Spermien halt so geht

Von Simone Meier. Aktualisiert am 16.04.2010 2 Kommentare

250 Millionen Marathonläufer, alle tot. Es war sehr beeindruckend. Alle angehenden Väter sollten sich das «Rennen der Spermien» zu Gemüte führen und sehr, sehr stolz auf sich sein.

Wie Ministranten eines übergrossen Sperminators: Laiendarsteller im Dokumentarfilm «Sperm Race».

Wie Ministranten eines übergrossen Sperminators: Laiendarsteller im Dokumentarfilm «Sperm Race».

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Ich bin ja jetzt in einem Alter, wo man sich ab und zu ganz gerne einen Dokumentarfilm anschaut. In einem Alter also, wo man nicht mehr alles zu wissen glaubt, sondern ab und zu ganz gerne wieder was lernt. Deshalb möchte ich Ihnen hier auch von dem Dokumentarfilm «Sperm Race» berichten, der neulich auf N24 unter «Das grosse Rennen» lief, und der sehr anschaulich zeigte, wie es männlichen Spermien in einer Frau drin eigentlich so geht. Nämlich schlecht. Also geradezu schläääächt.

Damit die Schlechtigkeit des Fraueninneren, dessen man sich als Frau wirklich nicht bewusst ist, besser veranschaulicht werden konnte, rannten Hunderte als Spermien verkleidete Laienschauspieler – sie trugen weisse Kutten und wirkten wie die Ministranten eines übergrossen Sperminators – durch eine Welt, die vor Hindernissen nur so strotzte. Sie rannten durch ein Hochgebirgstal – der Film war massstabgetreu der sperminalen Wirklichkeit nachgestellt! –, viele von ihnen verendeten atemlos auf der Strecke, sie kletterten alle miteinander kilometerlange Leitern hoch und trampelten sich zu Tode, sie wurden immer wieder mit den chemischen Waffen der Frau bombardiert, und am Ende schaffte ein einziges Superspermium den Weg zum Ei und löste sich sofort in diesem auf. 250 Millionen Marathonläufer, alle tot. Es war sehr beeindruckend, auch wenn es aussah, als hätte ein Illustrator von den Monatsblättern der Zeugen Jehovas den Film ausgestattet. Ich finde, alle angehenden Väter sollten sich das Rennen der Spermien (Regie: Julian Jones, Grossbritannien 2009) zu Gemüte führen und sehr, sehr stolz auf sich sein.

Ebenfalls verblüffend fand ich den Satz, den eine Mutter ihrer Tochter gegenüber äusserte: «Ich konnte ja nicht ahnen, dass ich deinen Chef nackt unter meiner Dusche finden würde.» Wow, welche Mutter kann das schon ahnen, dachte ich. Es war dann nicht so schwierig: Die Tochter der Mutter aus der deutschen Serie «In aller Freundschaft» war nämlich Model und ihr Chef halt so ein typischer Modelzuhälter, wie sie auch in «Germany's Next Topmodel» tonnenweise rumlaufen. Das Serien-Model verliebte sich dann noch rechtzeitig in einen Kranke pflegenden Philosophiestudenten, der bestens mit Kant rechtfertigen konnte, weshalb es in Ordnung ist, auf schöne Frauen zu stehen.

Dummerweise wollte der Philosophiestudent dann am Ende auch noch modeln. Das kommt offenbar davon, wenn man zu viel Kant liest. Oder wenn im Fernsehen dauernd behauptet wird, dass Models der wichtigste Archetyp der Gegenwart seien.

Apropos Krankenpflege: Im «Marienhof» ist die Krankenschwester Antonia Aurelia Francesca Maldini alias Toni kurz davor, zum dritten Mal zu heiraten. Obwohl sie noch unter 30 ist. Auf den Arzt und den Anwalt folgt jetzt wieder ein Arzt. Der Anwalt wollte sich deshalb erschiessen. Logisch, dass die Krankenschwester und ihr Arzt ihm da zu Hilfe eilten. Logisch auch, dass die Kugel da prompt die Falsche traf. Jetzt schwebt Toni schon die ganze Woche lang zwischen Leben und Tod und trifft in diesem Zustand leider Gottes auch auf ihre tote Freundin, die Krankenschwester Amélie, die lebendig schon ziemlich nervte, als Geist einer Toten aber total. Es ist der brachiale metaphysische Schwachsinn.

Heute Abend wird sich zeigen, ob sich Toni für das Jenseits mit Amélie oder für das Leben mit dem Arzt entscheidet. Beim Gott aller vernünftigen Drehbuchautoren bete ich für die Lösung mit dem Arzt.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.04.2010, 08:37 Uhr

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2 Kommentare

Peter Thommen

16.04.2010, 08:56 Uhr
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Als Schwuler kann ich da nur den Kopf schütteln. Sollen das Frauenfantasien sein? Welche Frau studiert während des Sex dem "Männerinneren" nach? Jedenfalls kann wohl keineR ernsthaft davon träumen, alle die Spermien zu Kindern auszutragen. Und wieso lassen sich Heteros diese alten Kamellen mit Ärzten und Chefs, Schlachtfelden in der Vagina und "Frauen ohne Ahnungen" eigentlich noch "vorführen"? Antworten


marco lardi

16.04.2010, 11:23 Uhr
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"Ich finde, alle angehenden Väter sollten sich das Rennen der Spermien zu Gemüte führen und sehr, sehr stolz auf sich sein." Warum die Väter? Was hat er geleistet, was der Mann nicht geleistet hat? Und dann wäre ja noch die Tatsache, dass diese Leistung als Spermie vollbracht wurde und nicht als Mann!!! Antworten