Meinung

Unter Verdacht

Von Daniel Schneebeli. Aktualisiert am 06.05.2010

Daniel Schneebeli.

Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Zürcher Migrationsamtes haben schweres Geschütz aufgefahren. Mithilfe des renommierten Rechtsanwaltes Ueli Vogel-Etienne stellen sie ihre Chefs an den Pranger. Diese seien faul, willkürlich und dazu sexistisch. Es gibt eigentlich nur zwei Gründe, welche die Mitarbeitenden zu einem so drastischen Schritt bewegt haben könnten.

Erstens Verzweiflung: Die Zustände auf dem Amt sind so unerträglich und das Misstrauen gegenüber oder die Angst vor den Vorgesetzten so gross, dass sie keinen anderen Ausweg sehen.

Zweitens Kalkül: Die Mitarbeitenden führen einen Rachefeldzug oder eine politische Intrige gegen einen oder mehrere Chefs – oder gar gegen Regierungsrat Hans Hollenstein. Dieser dürfte sich mit der Schaffung der Härtefallkommission auf dem Amt kaum Freunde gemacht haben. Mit der öffentlichen Anklage rechnen sich die Mitarbeitenden wohl die grössten Chancen aus, ihre Chefs loszuwerden.

Dass Ueli Vogel–Etienne die Mitarbeitenden vertritt, spricht eher für These eins. Er wird sich gut überlegt haben, ob er es sich leisten kann, eine solche Affäre loszutreten. Seine Beteuerungen, er könne die Anschuldigungen belegen, tönen glaubhaft.

Dennoch gibt es Zweifel an der Ehrenhaftigkeit der Ankläger. Irritierend ist vor allem, dass Vogel-Etienne den vertraulichen Brief mit den Vorwürfen zur Veröffentlichung freigab, bevor ihn Adrian Baumann, der Chef des Migrationsamtes, gelesen hatte. Und jetzt, wo Baumann und Hollenstein auf der Anklagebank sitzen, will der Anwalt ihnen seine Beweise nicht vorlegen, sondern nur einer Drittperson.

Je länger in dieser Sache keine Fakten auf dem Tisch liegen, desto mehr sinkt die Glaubwürdigkeit der Angreifer. Wenn es ihnen tatsächlich um die Sache geht, also um ein gut funktionierendes Migrationsamt, sollten sie mit offenen Karten spielen und nicht taktieren. Denn die Öffentlichkeit ist nicht primär interessiert an einem Skandal aus der Verwaltung, sondern an der speditiven Erledigung von Asylgesuchen – und dies ist im Migrationsamt unter der Last dieser Affäre kaum möglich. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 05.05.2010, 20:29 Uhr

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